Lebensmitteltechnik

Was verbirgt sich in der Tütensuppe?

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Es gibt Hersteller, die erwidern auf die Frage nach der "Rezeptur" kurz und bündig: Dies sei ein "Betriebsgeheimnis". Denn Lebensmittel mit gentechnisch hergestellten Hilfsstoffen wie Glutamat, Inosinat und Guanylat müssen nicht extra gekennzeichnet werden. Experten plädieren für eine Kennzeichnungspflicht.

Schmecken die Buchstabensuppe aus der Tüte oder das Chili aus der Dose nach Gentechnik? Das behauptet wohl kaum jemand ernsthaft. Trotzdem kann in beiden Fertiggerichten – wie in vielen anderen Lebensmitteln – Gentechnik drinstecken, ohne dass es draufsteht. Knackpunkte sind „die gentechnisch verarbeiteten Hilfsstoffe, die im Verarbeitungsprozess eingesetzt werden, aber keine offiziellen Zutaten sind und deswegen nicht deklariert werden müssen“, so Marcus Girnau vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. in Berlin. Beispielsweise die Geschmacksverstärker Glutamat, Inosinat und Guanylat.

„Die Diskussion wird seit Langem auf europäischer Ebene geführt, aber bei 27 Mitgliedsstaaten gestaltet sie sich schwierig“, sagt Girnau. Deshalb habe man sich auf deutscher Ebene für die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ entschieden. Danach dürfe, wenn dieses Label verwendet werde, „wirklich kein Fitzelchen Gentechnik“ im Produkt nachweisbar sein. Weil die meisten Hersteller vor möglichen Haftungsansprüchen und Imageschäden zurückschrecken, wird es bislang aber kaum verwendet.


Was mögliche Risiken für Umwelt und Gesundheit betrifft, so sehen Experten keinen Unterschied zwischen gentechnisch oder konventionell hergestellten Zusatzstoffen. „Sie unterscheiden sich durch nichts von den natürlichen und sie bergen auch keine anderen Risiken“, sagt Professor Klaus-Dieter Jany, Leiter des Mikrobiologischen Zentrums der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe. Dennoch findet der Initiator des Wissenschaftskreises Grüne Gentechnik die aktuelle Lage unbefriedigend: „Für mich macht es wohl Sinn, dass Verbraucher erfahren, wie und mit welchen Produktionsmethoden ihre Lebensmittel hergestellt werden.“ Darauf hätten sie ein Anrecht. Eine solche Kennzeichnung habe „nichts mit einer Gefährdung der Gesundheit zu tun“, sondern solle „dem Verbraucher die Wahlfreiheit gewähren“. Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk e.V. nennt das „Erbsenzählerei“: „Verglichen damit, dass Fleisch auch dann die Kennzeichnung ,Ohne Gentechnik' tragen darf, wenn die Zusatzstoffe beim Futtermittel gentechnisch hergestellt wurden, ist das Problem völlig hochstilisiert.“

Glutamat zu über 95 Prozent aus gentechnischer Produktion

Die Datenlage zu den Geschmacksverstärkern sei wegen der mangelnden Kennzeichnungspflicht schwierig, so Jany. Keiner wisse genau, „wer wie was macht“. Schaue man sich die Verkaufszahlen „einschlägig bekannter Firmen“ an, dann könne man „davon ausgehen, dass große Mengen auch mithilfe der Gentechnik hergestellt wurden“. Konkrete Anhaltspunkte gebe es aber nicht. Glutamat komme zu über 95 Prozent aus gentechnischer Produktion. „Feststellen kann man das nicht.“ Denn der Stoff kommt genauso in der Natur vor.

Die Tütensuppe – eine Blackbox? Nestlé druckt auf seiner Maggi-Buchstabensuppen-Tüte die Erklärung: „Guanylat und Inosinat werden aus Traubenzucker gewonnen.“ Das beweise, so Unternehmenssprecherin Elke Schmidt, dass es sich hier „nicht um gentechnisch hergestellte Stoffe“ handle. Die Beschreibung „aus Traubenzucker gewonnen“ sage aber nichts über die Herstellung aus, moniert der Agraringenieur Wolfgang Schuchert vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln. Jany drückt es drastischer aus: „Ich halte das für schwachsinnig. Jeder weiß, dass man aus Glukose heute fast alles herstellen kann. Dann könnte man auch sagen, die Suppe ist aus Glukose hergestellt.“

Nestlé versichert, weder für Deutschland noch für andere europäische Länder Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Zutaten zu produzieren. „Dies stellen wir durch aufwendige Analysen sicher“, sagt Schmidt. Dennoch: Auf das Etikett „Ohne Gentechnik“ werde man bei Nestlé auch künftig verzichten. „Ich vermute schon, dass sie sich daran halten“, so Jany. „Große Firmen achten heute sehr darauf, dass sie nichts mit der Gentechnik zu tun haben. Bei kleineren Firmen hätte ich da eher Bedenken.“

Der japanische Konzern Ajinomoto, einer der größten Hersteller von Geschmacksverstärkern weltweit, erklärt, diese „durch Fermentation“ herzustellen. Als Substrat werde Tapiocastärke verwendet. Bei der Frage nach dem Mikroorganismus, der diese Fermentation bedingt, heißt es allerdings: „Betriebsgeheimnis“. Da der ganze südostasiatische Raum gentechnisch veränderte Mikroorganismen nutze, sagt Jany, könne man auch „vermuten, dass Ajinomoto so arbeitet“.

Von Ajinomoto kommt auch die umstrittene Substanz Transglutaminase: ein Enzym, das Eiweißmoleküle so miteinander vernetzt, dass Fleischreste zu kompletten Filetstücken „veredelt“ werden und Würstchen „mehr Biss“ bekommen. So lassen sich Rohstoffe einsparen und Reste in scheinbar hochwertige Stücke umwandeln. Diesem Zweck dienen auch Geschmacksverstärker: Sie helfen dem Hersteller, hochwertige Stoffe und damit Kosten einzusparen. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer beziffert die Ersparnis auf ein Drittel.