In Russland ist die Zahl der Aidskranken und Drogenabhängigen aus Sicht von Experten wegen einer fehlerhaften Gesundheitspolitik dramatisch gestiegen.
Angesichts von rund einer Million HIV-Infizierten und etwa zwei Millionen Drogenabhängigen gerate die Lage in dem Riesenreich außer Kontrolle, sagte der Chef der International Aids Society (IAS), Robin Gorna, zum Auftakt einer zweitägigen Konferenz in Moskau. Die Teilnehmer der Tagung forderten die Regierung auf, mehr für die Aufklärung über die tödliche Immunschwäche zu tun und Drogenabhängigen etwa den Zugang zu sauberen Spritzen und Nadeln zu ermöglichen.
Zwar gebe es für Aidspatienten inzwischen bessere medizinische Behandlungsmöglichkeiten. „Es ist aber Zeit, dass sich die Regierung genauso engagiert, um HIV-Infektionen zu verhindern“, sagte Gorna.
„Die HIV-Epidemie unter Drogenabhängigen in Russland hätte leicht verhindert werden können“, sagte der Wissenschaftler Gerry Stimson. Grund für den Anstieg sei eine „jahrelange Untätigkeit der Regierung und Verhinderungspolitik“.
Experten wollen die Führung in Moskau während der Konferenz überzeugen, etwa auch die Ersatzdroge Methadon in Russland zuzulassen. Russlands oberster Behördenarzt Gennadi Onischtschenko lehnte dies allerdings kategorisch ab. Die russischen Programme seien wirksam, meinte er. Beispiele nannte er keine.
Russische Medien hatten in dieser Woche berichtet, dass Russland inzwischen weltweit den höchsten Drogenmissbrauch habe. Hauptlieferant von Heroin, das oft mit HIV-infizierten Nadeln gespritzt wird, sei Afghanistan. Allein am Drogenmissbrauch sterben jährlich 30.000 Menschen in Russland, wie das Nachrichtenmagazin „Russki Newsweek“ berichtete.
Die Zahl der Süchtigen sei seit dem Zerfall der Sowjetunion vor 20 Jahren um das 20-Fache gestiegen. Um der rasanten Zunahme Herr zu werden, müssen Studenten an vielen russischen Hochschulen inzwischen Drogentests durchlaufen.
Grund für die Zunahme von HIV-Infektionen sei auch die ausbleibende Weiterfinanzierung internationaler Vorsorgeprogramme, hieß es auf der Konferenz. Moskau habe den Geldhahn trotz anderer Versprechen zugedreht. Deshalb sei es in vielen Regionen zur Entlassung von Fachkräften oder sogar zur Schließung von Einrichtungen gekommen.
Etwa 80 Prozent der mit HIV infizierten Menschen seien unter 30 Jahre alt. Onischtschenko beklagte, dass HIV- Infizierte in Russland ausgegrenzt würden und es schwer sei, in der orthodox geprägten Gesellschaft um Akzeptanz für diese Patienten zu werben.
Gleichwohl will Russland in den nächsten Jahren seine Ausgaben im Kampf gegen Aids erhöhen. Die Summe steige 2010 auf 13,4 Milliarden Rubel (309 Millionen Euro) von knapp neun Milliarden, sagte die Parlamentsabgeordnete Larissa Schoigu vom Gesundheitsausschuss der Staatsduma.
An der Moskauer Konferenz, die als Vorbereitung auf die 18. Internationale Aids Konferenz IAC im Juli 2010 in Wien dient, nehmen 2500 Fachleute aus rund 60 Ländern teil.
dpa/oc




