Naturerbe

Räuber, Opfer und die Kraft der Elemente

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Ulli Kulke

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In der kommenden Woche soll die Unesco das Wattenmeer als Weltnaturerbe anerkennen. Aber: Wer glaubt, man könne am Wattenmeer irgendwas über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erhalten, sitzt einer Illusion auf – einer Fata Morgana, wie sie gerade im Watt gern auftritt. Manches taucht ab, anderes taucht einfach auf.

Wenn die Unesco den Titel Weltkulturerbe oder Weltnaturerbe an Bauwerke, Orte oder ganze Landschaften vergibt, so lautet der Auftrag, etwas zu schützen, dessen „Untergang ein unersetzlicher Verlust für die gesamte Menschheit wäre“. Kandidat für die Aufnahmerunde am kommenden Samstag: das Wattenmeer in der südlichen Nordsee – von der niederländischen Insel Texel mit ihren 13.000 Einwohnern bis zu ein paar unbewohnten Sandbänken in der Gegend der Elbmündung und dann hinauf bis nach Sylt im Norden.

Nun wäre es allzu billig, hier einzuwenden, das Wattenmeer sei schließlich ständig dem Untergang ausgeliefert, zweimal am Tag und auch nach festem Fahrplan der Gezeiten. Dennoch deutet dieses Phänomen das an, was das Wattenmeer von allen anderen Erbschaftsfällen der Weltkultur und Weltnatur unterscheidet: Wer glaubt, man könne am Wattenmeer irgendwas erhalten über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, sitzt einer Illusion auf – einer Fata Morgana, wie sie gerade im Watt gern auftritt. Manches taucht ab, wie der sagenhafte Ort Rungholt, anderes taucht unversehens auf.

Der Rand zwischen der deutschen Scholle und dem räuberischen „Blanken Hans“, wie die Nordsee auch genannt wird, gehört zu dem Unbeständigsten der Topografie unseres Planeten. Wenn hier überhaupt noch Inseln, Priele oder Sandbänke dort sind, wo Urlauber, Zugvögel und Meeressäuger sie schon vor 100 Jahren ansteuerten, dann nur aufgrund aufwendiger Wehr und Reparatur von Menschenhand.

Dass hier oben, auf der noch flacheren Gegend hinter der schon so flachen Norddeutschen Tiefebene, überhaupt etwas los ist – darauf muss der Betrachter indes erst mal kommen, der im leeren Wattenmeer, wenn die Sicht mal weniger klar ist, ohne jeden Fixpunkt nicht nur die Himmelsrichtungen verlieren kann, sondern auch die Orientierung zwischen oben und unten; dem je nach Witterung, Tageszeit und Saison alle drei Dimensionen sich in vielfältigsten Farbnuancen von Schneeweiß über Silberblau und Grau bis bernsteinfarben präsentieren, dem aber oft der Horizont genommen ist, weil Himmel und Erde eins sind. Er spürt es ja nicht, dass der Boden, auf dem er steht, auf Wanderschaft ist und obendrein Sandkorn für Sandkorn ständig biologisch verdaut wird; oder dass die Nahrungskette des ewigen Fressens und Gefressenwerdens hier so dicht wie in keinem anderen Biotop gespannt ist.

Wer hier in einer wolkigen Nacht steht, erlebt das, was er sonst im Freien gar nicht kennt: absolute Dunkelheit, das Nichts. Und bei Flaute minutenlang auch noch absolute Stille.

Erst im Laufe des vorletzten Jahrhunderts wurde es auch denen, die nicht unmittelbar am Meer wohnten, klar, dass die wenig tiefen Wasser der Nordsee eigentlich auch alles andere als still sind. Der erste Fremdenverkehr hatte die Ostfriesischen Inseln erobert, die aufkommende Badekultur lenkte die Blicke der Deutschen nun auch ins Meer hinter dem drögen Norden. Im Zuge der Romantik erwuchsen eben auch der Plattheit ihre Reize. Zu Beginn des 20.?Jahrhunderts dann spielte die Nordsee auf den Reißbrettern der Marinestrategen eine immer größere Rolle. Da tauchte im Vorfeld des Ersten Weltkriegs ein neues Genre in der Literatur auf: der erste Spionageroman. Erskine Childers schrieb „Das Rätsel der Sandbank“: Zwei britische Segler auf einer Yacht kommen zwischen Prielen und Muschelkolonien einem groß perfiden Plan der deutschen Marine gegen die Briten auf die Spur. Spionage, Geheimagenten, Finten und auch Erotik ausgerechnet im Wattenmeer, warum nicht?

Auch die Doggerbank spielt eine Rolle, jene Untiefe von wenigen Metern inmitten der Nordsee und größer als Thüringen, deren Umgebung in der Neuzeit immer wieder Aufzugsgebiet für Seeschlachten war. Es ist noch nicht so lange her, dass die Doggerbank Doggerland war. „Noahs Wälder“ sagt man in Großbritannien zu dem flachen Meeresgrund. Bis 6000 vor Christus, so vermuten Archäologen, war Doggerland sogar noch bewohnt von Jägern und Sammlern. Die Gletscher der Eiszeit waren erst etwa 11.000 v. Chr. aus Norddeutschland verschwunden und weiterhin auf dem Rückzug, das Meer stieg an. Die Küste lag einige Hundert Kilometer nördlicher als heute, doch sie war zügig auf dem Weg nach Süden. Ein Durchbruch der Kreidefelsverbindung zwischen Dover und Calais schließlich sorgte für radikale Änderungen in der südlichen Nordsee, die langsam, aber sicher das heutige Wattenmeer etwa um 5500 v. Chr. entstehen ließen. Doggerland war abgetaucht, wie Noahs Welt bei der Sintflut.

In den vergangenen Jahrtausenden seither stieg der Meeresspiegel um etwa 33 Zentimeter pro Jahrhundert an, der Anstieg verlangsamte sich allerdings im letzten Jahrhundert auf nur noch gut 20 Zentimeter. Über all die Jahrtausende rückte das Meer näher an das deutsche Tiefland heran. Doch seit dem vergangenen Jahrtausend hat sich an der Küste eine Gegenbewegung formiert: der Mensch. Zu Beginn des Wettstreits hatte noch er keine Chance, insbesondere die Küste Nordfrieslands ist bei Sturmfluten immer wieder zerrissen worden. Etwa bei der „Großen Manndränke“ Januar 1362, als eine Sturmflut etwa 100.000 Menschen in den Tod riss und von der einst geraden Küste des heutigen Schleswig-Holstein einen wirren Archipel von Halligen übrig ließ. Immer wieder gab es Sturmfluten mit Tausenden Toten.

Inzwischen steht die Abwehr des Menschen gegen das Powerplay der Natur. Zwischendurch konnte er ein paar Meter Raum zurückerobern, Teile des Watts in Weiden oder gar Ackerland verwandeln. Doch diese Ambitionen sind inzwischen weitgehend gestoppt. Der Gedanke des Naturschutzes, des Wattenschutzes steht dagegen. Doch das weitere Vordringen des Meeres bleibt gestoppt.

Das hieße aber: Wenn der Meeresspiegel weiter steigt (und warum sollte er jetzt, nach den vielen Jahrtausenden Anstieg, plötzlich ganz innehalten?), so wird ein Dilemma deutlich werden: Soll das Watt als amphibische Landschaft geschützt werden, in seiner Breite, in der sie sich auf der Wanderschaft von Nord nach Süd über die Zeit voranarbeitete, so müsste der Mensch Zug um Zug wieder sein Hinterland hergeben, die Deiche ins Landesinnere versetzen oder einreißen. Die Zone des Gebietes, das zweimal täglich trockenfällt, wird zusehends kleiner, bis zur nächsten Eiszeit. Aber wollen wir die Deiche einreißen?

Eines muss man dem Wattenmeer zugutehalten. Wenn es sich über die Jahrtausende vom alten Land genommen hat, vor allem im Osten, in Schleswig-Holstein, so schafft es am anderen Ende, im Westen, immer wieder Neues – und schiebt es gen Osten. Auch unsere Generation wird Zeuge einer neuen Insel. Die Kachelotplate vor Juist, seit den 70er-Jahren von den Elementen aufgeschüttet aus dem Meer, wird inzwischen bei normalem Hochwasser nicht mehr überspült – und deshalb seit Neuestem von den Geografen als Insel eingestuft. Wer alle Ostfriesischen Inseln aufsagen will, muss nun eine neue dazulernen. Schüler zu Zeiten um Christi Geburt hätten keine aufsagen können, es gab noch keine.

Die Inseln sind jung, und sie sind dynamisch. Von der Untiefe über die Sandbank zum Eiland – und dann Abmarsch. Die Kachelotplate wird, wenn der Mensch sie nicht aufhält, den Weg aller Ostfriesischen Inseln gehen, nach Osten. Drei, vier Kilometer weit pro Jahrhundert wurden Spiekeroog, Wangerooge und wie sie alle heißen von Strömung, Seegang und Wind vorangeschoben. Im Westen brach der Sand weg, im Osten wurde er neu angespült. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Touristen kamen und die Inselbewohner Ostfrieslands deshalb festen Grund und Boden zu schätzen lernten. Sie bewehrten ihre Westküsten. Mit der Folge, dass die Inseln nun nicht mehr wandern, sondern wachsen, ebenfalls in Richtung Osten.

Von der Kraft der Elemente, die im Wattenmeer wirken, könnte sich jeder auf der Insel Trischen in der Elbmündung überzeugen – könnte. Nur ein Haus steht auf der 180 Hektar großen, bewachsenen Insel, weil außer dem Vogelschützer niemand dort anlanden darf und dieser jeden Menschen, der es versucht, umgehend verscheucht wie einen Fuchs aus dem Hühnerstall. Damals, in den 20er-Jahren, als die Insel noch ein gutes Stück weiter im Westen lag, da hatte der Hamburger Unternehmer Jürgen Brandt die Insel gepachtet, wollte hier Ackerbau und Viehzucht im großen Stil betreiben, deichte alles ein und errichtete sich ein Anwesen in seiner kleinen Welt, den „Luisenhof“: 34 Zimmer, Freitreppe, mehrere Veranden, sogar ein Weinkeller unterm Haus, im Wattenschlick, und eine Brieftaubenstation. Nach der Fertigstellung lief die Landwirtschaft nur eine Saison, dann gab Brandt alles wieder auf, die Insel war nicht zu halten, sie ist außer Rand und Band.

Heute macht man es anders. Die Hütte des Vogelwarts steht auf hohen Stelzen, und wandert, mitsamt dem Bootssteg übrigens, quer über die Insel. Besser: Die Insel wandert unter allem hindurch. Vor Jahren versank die Station, die 1976 an der Ostküste errichtet worden war, im Westen in den Fluten. Längst steht eine neue im Osten, erst mal.

Der Vogelwart, wie alle seine Kollegen auf anderen Friesischen Inseln, mag mit Macht alle Besucher verscheuchen, im Sinne seiner Schützlinge. Die wahre Regie im Watt aber führen die Vögel selbst. Sie sind die Spitze der Nahrungskette in diesem nur scheinbar so zweidimensionalen Gebiet. Die Wattvögel wie Austernfischer, Knutt, Alpenstrandläufer wissen, was sich zehn, 20 Zentimeter tief im Sand tut. Dort wohnt der Wattwurm. Und sobald er sich durch seine Ausscheidung, ein vielleicht 20 Zentimeter langes und spaghettiförmiges Knäuel aus Sand, verrät, wissen die Vögel auch, wo.

Der Wattwurm scheidet so viel Sand aus, weil er vor allem Sand frisst. Er ist nicht wählerisch beim Essen, schaufelt dort unten buchstäblich alles vor seiner Schnauze in sich hinein. Die Auswahl der Nahrung trifft anschließend der Verdauungstrakt. Etwa 40 Wattwürmer bevölkern einen Quadratmeter Watt. Jeder verdrückt 25 Kilo Sand pro Jahr, sodass der gesamte Grund des Wattenmeeres bis auf 20 Zentimeter Tiefe alle zwölf Monate mindestens einmal gefressen und wieder ausgeschieden wird.

Die Vögel – auch für Zugvögel ist das Watt ein beliebter Rastplatz – lieben zwar den Wattwurm über alles, aber sie begnügen sich in der Regel mit dem Schwanz, den der Wurm geschickterweise abwerfen und nachwachsen lassen kann, sodass er weiter seinem Sandfraß nachzugehen vermag, als wäre nichts geschehen – und bald wieder einen Schwanz abliefert. Im trocken Watt an die Vögel, im überspülten dann auch mal an Schollen.

Diese beachtliche Symbiose zwischen Räuber und Opfer ist dabei nur eines von vielen wundersamen Dingen, die uns die Fauna und Flora bieten im Wattenmeer, das ja nicht nur Robben, Würmer und Möwen beheimatet. Rund 5000 Arten sind dort zu Hause. Die auffälligsten sind der Queller, die Pionierpflanze, die als erste Fuß fasst, wenn der Schlick sich ablagert; oder der Schlickkrebs, der jene Klickgeräusche erzeugt, die in tausendfacher Mannschaftsstärke sich zu dem so watttypischen Knistern fügen. Theodor Storm beschrieb es in seinem Gedicht „Meeresstrand“ als „des gärenden Schlammes geheimnisvollen Ton“.

Der Wechsel von Trockenfall und Hochwasser fordert allen Wattbewohnern höchste Flexibilität ab: Sie dürfen nicht verdursten, müssen sich aber vor dem Wasser schützen und dürfen darin nicht an Sauerstoffmangel sterben; viele müssen mit Frisch- wie mit Salzwasser auskommen, die einen müssen Vorsorge gegen zu weites Verdriften treffen, die anderen weite Wege schwimmen oder gehen.

Eines darf hier niemand: die Evolution beenden. Das Watt zeichnet vor allem das aus: Nichts bleibt, wie es ist, ob Welterbe oder nicht.