Biologie

Tier-Zellen für die Nachwelt in Kälteschlaf geschickt

Die Arche Noah in Lübeck besteht im Wesentlichen aus Stahltanks, Computerbildschirmen und Wissenschaftlern in weißen Kitteln. In einem Ladenraum werden Stammzellen von Tieren bei minus 145 Grad Celsius eingefroren. Das Zellmaterial aller Säugetiere der Erde würde in zwei Stahltanks passen.

Foto: dpa

Stahltanks, Computerbildschirme, Wissenschaftler in weißen Kitteln: Die Arche Noah haben sich die meisten Menschen wohl anders vorgestellt. Doch auch hier, in der Deutschen Zellbank für Wildtiere, werden Tierarten für die Nachwelt bewahrt. Mit Hilfe der Kryokonservierung, dem Einfrieren in flüssigem Stickstoff, wird hier Stammzellenmaterial toter Tiere bei minus 145 Grad Celsius gelagert. Die nach dem Zoologen Alfred Brehm benannte Einrichtung, die zur Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie Lübeck gehört, hat jetzt ein neues Domizil im Lübecker Hochschulstadtteil bezogen.

Einmal pro Woche kommt ein Kurier nach Lübeck. Er bringt aus Zoos und Tierparks Organgewebe von kürzlich gestorbenen Zootieren oder die Nachgeburten von Tierbabys. Aus diesem Material isolieren Wissenschaftler der Fraunhofer-Einrichtung Stammzellen, die zusammen mit einem Gefrierschutzmittel in kleine Plastikröhrchen gefüllt und in flüssigem Stickstoff eingefroren werden.

„Jedes Röhrchen enthält zwischen einer und fünf Millionen lebende Zellen, in denen die genetischen Informationen über das Tier gespeichert sind“, sagt der Leiter der Einrichtung, Charli Kruse. „Unsere Zellbank ist eine Mischung aus Material- und Datenbank. Die konservierten Zellen haben die Fähigkeit, sich zu vermehren, so dass sie nicht nur für die Nachwelt aufbewahrt, sondern auch heute schon zu Forschungszwecken verwendet werden, ohne dass die Sammlung schrumpft“, erläutert er.

Die auch Cryo-Brehm genannte Zellbank ist ein Gemeinschaftsprojekt der Lübecker Fraunhofer-Einrichtung, dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) in St. Ingbert, den Zoologischen Gärten Rostock und Neunkirchen sowie Hagenbecks Tierpark in Hamburg.

Rund 60 Tierarten schlummern bereits in der Lübecker Eis-Arche. Darunter sind seltene Arten wie Schneeleopard, Steinkauz und Weißnackenkranich, aber auch Arten wie Forelle und Hering. „Es gibt rund 4600 bekannte Säugetierarten auf der Erde, deren Zellmaterial würde in zwei unserer Stahltanks passen“, sagt der Direktor des IBMT, Günter Fuhr. In seinem Institut in St. Ingbert wurde die Technik zur Lagerung und Archivierung der Stammzellen entwickelt, die modernste Kryo-Konservierungstechnik weltweit, wie Fuhr betont.

Ungewöhnlich ist der Ort der Zellbank. Die Tanks mit dem computergesteuerten Lagersystem stehen in einem Ladenraum im Erdgeschoss eines Ärztehauses im Lübecker Hochschulstadtteil. Besucher können den Wissenschaftlern durch die großen Fenster bei der Arbeit zuschauen.

„Wir wollen zeigen, dass wir nichts zu verbergen haben, dass hier nicht Geheimnisvolles geschieht“, sagt Fuhr. „Hier werden auch keine Tiere geklont“, ergänzt Kruse. „Wir verwenden keine embryonalen, sondern nur adulte Stammzellen, die aus Organgewebe, der Nabelschnur oder dem Nabelschnurblut gewonnen werden. Dafür musste kein Tier leiden oder gar getötet werden“, betont er.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Zellbank die moderne Weiterführung der Arbeit des Zoologen Alfred Brehm. „Er hätte bestimmt nichts gegen die Verwendung seines Namens für unser Projekt gehabt“, sagt Fuhr. In seinen Büchern hat er alle damals bekannten Tierarten für die Nachwelt beschrieben und sie so verewigt. „Wir tun das hier mit den Mitteln modernster Technik“, sagt er.