Psychologie

Kinder haben mehr seelische Störungen als Infekte

Neben Alkohol und Rauschgift ist vor allem Tabak ein Problem. „Die, die mit acht, neun Jahren schon Raucher sind, konsumieren mit 13 oder 14 dann oft Cannabis oder gar Heroin.“

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Kinder und Jugendliche leiden inzwischen häufiger an seelischen Störungen als an Infektionskrankheiten – sagen Psychiater. In den letzten zehn Jahren sei die Zahl der psychisch kranken Schüler um 20 Prozent gestiegen, erklärt der ärztliche Direktor der Kasseler Klinik für Kinderpsychiatrie und -psychotherapie, Günter Paul. Das hätten Untersuchungen seiner Klinik und des international arbeitenden Verbandes „Irrsinnig menschlich“ ergeben.

Die Zahl der Klassen wachse, in denen jedes zehnte Kind erheblich auffällig sei. „Fälle von Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität, Depressionen und psychosomatischen Problemen wie Essstörungen sind eindeutig mehr geworden“, sagte Paul. Dabei seien derartige Störungen der typische Einstieg in Suchterkrankungen. Neben Alkohol und Rauschgift spiele vor allem Tabak eine Rolle. „Wir beobachten mit Sorge, dass das in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Und die, die mit acht, neun Jahren schon Raucher sind, konsumieren mit 13 oder 14 dann oft Cannabis oder gar Heroin.“

„Das Thema Psychiatrie wird noch immer tabuisiert. Die größten Hürden sind dabei die Lehrer“, sagte Manuela Richter-Werling von „Irrsinnig menschlich“. In einer Umfrage des Vereins hätten Lehrer gesagt, für sie sei Leukämie ein geringeres Übel als eine Depression. „Die Auffassung ist: Bei Leukämie kommen mich wenigstens alle besuchen, bei etwas Seelischem bin ich gleich stigmatisiert.“ Gerade die Lehrer müssten aber auch bei den Schülern Auffälligkeiten erkennen und damit umgehen können. Nötig sei eine Atmosphäre, in der man über Belastungen spreche, bevor sie krankhafte Folgen hätten.

Bei Vorbeugung und Behandlung habe Hessen den Vorzug, über viele Berater und Psychologen zu verfügen. Was dem Land aber noch fehle, sei eine Vernetzung dieser Kräfte. Laut Paul werden in Deutschland immer mehr Medikamente für auffällige Schüler verschrieben. „Die Zunahme ist da, auch wenn wir noch weit entfernt sind von Verhältnissen, wie es sie früher in den USA gab.“ Wichtiger seien die Umweltfaktoren wie Familie, Lehrer und das Schulumfeld, in dem sich ein Kind wohl fühlen müsse. „Da helfen selbst scheinbare Kleinigkeiten wie ein sauberes Klassenzimmer oder ein frisch gestrichener Flur.“