Psychologie

Wenn Haustiere Freunde und Familie ersetzen

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Über 23 Millionen Haustiere leben in deutschen Haushalten. Besonders beliebt sind nach wie vor Katzen und Hunde. Für viele sind die kleinen Vierbeiner mehr als nur ein Haustier. Sie ersetzen meist fehlende Freunde oder Familienmitglieder. Nicht selten schützen sie ihren Besitzer vor trister Einsamkeit.

Für Barbara Hillebrand (35) war ihr Kater Jacob einfach einzigartig. „Zwischen uns bestand etwas ganz Besonderes, eine innere Verbundenheit“, sagt die Journalistin aus Essen. Wann immer sie ihn rief, war er sofort zur Stelle, er schlief in ihrem Bett und ließ sich Kunststücke beibringen. Als ihr Kater im Alter von sechs Jahren an einem Hirnschlag starb, brach für Hillebrand eine Welt zusammen: „Ich habe tagelang nur geheult, und selbst Monate später traten mir beim Gedanken an ihn noch die Tränen in die Augen. Er war einfach mein erstes Baby“, sagt die heute dreifache Mutter.

Neun Millionen Katzen leben in deutschen Haushalten, etliche Millionen Hunde, sowie zahllose Kleinnager, Reptilien und Fische. Für viele Tierbesitzer sind ihre Lieblinge weit mehr als einfach nur ein Haustier: Oft sind sie ein treuer Freund, der anders als der Lebenspartner nie Widerworte gibt und sich nie mit ihnen streitet. Die Tiere ersetzen fehlende Freunde und Familienmitglieder und schützen gegen allzu große Einsamkeit. Anita Greise (56), Drogistin aus Oberhausen, etwa stellt ihren Schäferhund jedem ganz unverblümt mit den Worten vor: „Das ist mein Partner“.


Im Supermarkt nehmen die Regale mit Katzen- und Hundefutter, Vogelknabberstangen, Halsbänder, Bürsten und Toilettenstreu mehr Platz ein als die Abteilung für Babynahrung. Es gibt fast nichts, was für den geliebten Vierbeiner nicht auf dem Markt ist: Winter- und Regenjacken, Fahrradanhänger und Rucksäcke zur Verstauung des Tiers bei Gebirgswanderungen bis hin zu Festtagstorten aus Hundefutter für die Geburtstagsparty.

Wenn es Waldi und Maunzerle mal psychisch schlecht geht, helfen Tierpsychologen weiter. Und stirbt der Liebling, kann ihm sein Besitzer die ewige Ruhe auf einem Tierfriedhof garantieren. Bundesweit gibt es an die 60 Tierbestattungsunternehmen, die einen mittelgroßen Hund für rund 200 Euro unter die Erde bringen.

Wem das zu teuer ist, der kann auch im Internet auf eine virtuelle Tiergedenkstätte zurückgreifen. Bei memorygarden24.com etwa fällt das Trauern leicht. Zum Tod von Tortellini, einer griechischen Landschildkröte, sind dort anklagende Worte der Besitzerin verewigt: „Meine kleine Zuckermaus, viel zu früh musstest Du Dein Leben lassen, einfach nur, weil die Technik versagte...“

Auch der Publicityerfolg von Eisbär Knut ist Indiz für den menschlichen Drang nach tierischen Ersatzbabys. Knut, im Dezember 2005 im Berliner Zoo geboren und von seiner Mutter vernachlässigt, wurde von Hand aufgezogen. Binnen weniger Tage avancierte er zum absoluten Medienstar: Als er im März 2006 zum ersten Mal dem Publikum vorgestellt wurde, waren 500 Journalisten aus aller Welt dabei, darunter Reporter aus China, Japan und den USA. Knut posierte für das Titelbild der US-Zeitschrift „Vanity Fair“ und bekam, wie später auch die Eisbärendame Flocke aus Nürnberg, eine eigene tägliche Show im deutschen Fernsehen.

„Da wird ein Tier vermenschlicht“, moniert der Professor für Tierschutz und Ethologie der Universität Gießen, Hanno Würbel. Auch der Zoobiologe Peter H. Arras ist gegen die Aufzucht eines Tieres mit der Hand, da sie laut Statistik nur in 20 Prozent der Fälle glücke. Auch wenn das Tier sich körperlich gut entwickle, seien die Verhaltensstörungen nicht abzusehen.

Literaten fachsimpeln darüber, ob es sich bei all dem eher um eine bedenkliche Vermenschlichung von Tieren oder um eine Vertierlichung unserer Gesellschaft handelt. Der spanische Schriftsteller Ramón Gómez de la Serna (1888-1963) scheint in Betrachtung seines Goldfischglases eher zu letzterem tendiert zu haben: „Der Umgang mit Fischen steckt an; ich ertappe mich dabei, wie ich auf der Straße nach den Wolken schnappe.“