Philosophie

Warum Tiere in den Himmel kommen könnten

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Rainer Hagencord untersucht die Rolle der Tiere im christlichen Weltbild. Was Gott für Hunde bedeutet, erklärt er im Interview mit Morgenpost Online.

Rainer Hagencord leitet in Münster das europaweit einzige Zentrum für theologische Zoologie. Mit Morgenpost Online sprach er über die Seele einer Katze, sinnloses Schlachthofleid und die Frage, was die Auferstehung Jesu den Tieren zu sagen hat.

Morgenpost Online : Herr Hagencord, hat Ostern auch den Tieren etwas zu sagen?

Rainer Hagencord : Aber ja. Die Auferstehung verheißt auch den Tieren Heil und Glückseligkeit.

Morgenpost Online : Wie das? Tiere spielen im Neuen Testament doch kaum eine Rolle.

Hagencord : Ja, Tiere kommen nur am Rande vor. Die wenigen einschlägigen Stellen haben es aber in sich. Ein Beispiel: Als Jesus 40 Tage in der Wüste verbringt, lebt er „mit den wilden Tieren“ zusammen, wie es im Markus-Evangelium heißt. Das spielt auf den Garten Eden an, als Adam noch in Harmonie mit der Tierwelt lebte.

Morgenpost Online : Übersetzen Sie mal.

Hagencord : Das heißt: Jesus will die Versöhnung von Mensch und Tier, das Heil schließt alle Geschöpfe ein. Das passt auch zum Schöpfungsbericht. Dort wird der Mensch aufgefordert, über die Tiere zu „herrschen“. Das hebräische Wort dafür bedeutet, wie ein guter König für seine Schutzbefohlenen zu sorgen.

Morgenpost Online : Dann haben die Denker der Christenheit etwas falsch verstanden. Die gehen auf Tiere kaum ein, wenn man mal von Albert Schweitzer absieht.

Hagencord : Stimmt, in der Theologie sind die Tiere vergessen worden. Es gibt aber Ausnahmen wie Karl Barth, der sogar fragte, ob der Mensch um der Tiere willen existiere. Die mangelnde Aufmerksamkeit für Tiere hat wohl damit zu tun, dass sich Fragen wie Artenschwund oder Massentierhaltung erst seit wenigen Jahrzehnten so drängend stellen. Frei nach Paulus: Die Sehnsucht der Schöpfung nach Erlösung war nie größer als jetzt.

Morgenpost Online : Und? Erhoffen Sie für Tiere solch eine Erlösung?

Hagencord : Tiere sind nicht in dem Sinn erlösungsbedürftig, dass ihnen Schuld vergeben werden müsste. Das Tier entscheidet sich nicht zwischen gut und böse, also nimmt es auch keine Schuld auf sich.

Morgenpost Online : Andererseits wirken Tiere manchmal extrem grausam. Spinnen bauen Netze als tödliche Fallen, Löwen fressen arme Zebras, Katzen zerfetzen kleine Mäuse …

Hagencord : Aber selbst die Katze, die mit einer Maus spielt, um sie im nächsten Moment umzubringen, handelt nicht bewusst und sadistisch. Das bleibt uns vorbehalten.

Morgenpost Online : Wenn Tiere keine Vergebung brauchen – was verheißt Ostern dann den Tieren?

Hagencord : Auch sie werden eines Tages wie der auferstandene Jesus heimkehren ins Paradies, in die andere Wirklichkeit.

Morgenpost Online : Woher diese Zuversicht?

Hagencord : Stellen Sie sich den umgekehrten Fall vor, dass nur der Mensch auferstehen sollte, wie viele Christen glauben. Dann stellt sich die Frage: welcher Mensch? Nur der homo sapiens, der homo erectus aber nicht? Und was ist mit dem homo rudolfensis? Das ergibt keinen Sinn. Wenn ich an einen liebevollen Gott glaube, was ja Ausgangsthese aller Christen ist, sollte ich ihm zutrauen, allen Lebewesen ewiges Leben zu schenken.

Morgenpost Online : Was voraussetzt, dass Tiere etwas Ewiges, so etwas wie eine Seele haben, oder?

Hagencord : Die Frage ist, wie man Seele definiert. Versteht man sie als Bewusstsein und Vernunft, sind manche Tiere beseelt, andere vermutlich kaum. Definiert man sie als poetischen Ausdruck für das unauslotbare Rätsel unserer Existenz, dann sind alle Tiere voll Seele.

Morgenpost Online : Und der Himmel wäre voller Tiere.

Hagencord : Ich will nichts ins Lächerliche ziehen. Natürlich weiß ich nicht, in welcher Form ein Zebra im Himmel fortexistieren wird, ich weiß ja nicht mal, wie sich meine eigene Auferstehung anfühlen wird. Aber dass etwas Unvergängliches auch in einem Tier vorhanden ist, darauf vertraue ich.

Morgenpost Online : Wie kommen Sie dazu?

Hagencord : Zum Beispiel schaue ich nicht weg. Wer all das sinnlose Leid auch der Tiere auf sich wirken lässt, spürt die hoffende Sehnsucht nach dem großen Ausgleich, nach einer Wiedergutmachung.

Morgenpost Online : Bei welchen Anblicken erwacht diese Sehnsucht?

Hagencord : Bei viel zu vielen. Hierzulande müssen zwei Hühner auf dem Platz einer DIN-A4-Seite zusammengepresst vor sich hin vegetieren. Sie können sich nicht bewegen und werden so überfüttert, dass ihr Knochenwachstum mit ihrem Fleischwachstum nicht mitkommt. Das heißt: Sie spüren ständigen Schmerz. Oder denken Sie an Puten, denen hierzulande die Oberschnäbel amputiert werden, weil sie auf so engem Raum leben, dass sie sich sonst gegenseitig zu Tode picken würden.

Morgenpost Online : Die naheliegende Konsequenz wäre mehr Tierschutz.

Hagencord : Unbedingt, aber damit können sie bestenfalls für künftige Tiergenerationen dieses Leid verhindern, für vergangene und gegenwärtige aber nicht.

Morgenpost Online : Was müssen Menschen erwarten, die solche Tierqual unterstützen?

Hagencord : Ich bin kein Bußprediger. Aber: Wer Massentierhaltungsfabriken und deren Geschäft bewusst unterstützt, muss sich fragen lassen, ob dies der Würde des Tieres und seinen Bedürfnissen entspricht. Das gilt auch für diejenigen, die Tiertransporte des Nachts organisieren, damit möglichst wenige Menschen die Schreie der zusammengequetschten Tiere hören.

Morgenpost Online : Und wir Konsumenten?

Hagencord : Wer wider besseres Wissen Billigfleisch aus dem Supermarktregal nimmt, obwohl er genug Geld für den Biometzger besitzt, handelt nicht besser. Von einem denkenden Menschen darf man erwarten, dass er sich fragt: Woher stammen die Eier, die ich färbe, woher kommen das Osterlamm und die billige Putenwurst? Haben diese Tiere artgerecht gelebt? Sind sie so schmerzarm wie möglich getötet worden? Das wäre ostergemäßes Konsumverhalten.

Morgenpost Online : Das dürfte für manche zu asketisch klingen.

Hagencord : Gar nicht! Fleisch vom Biometzger kostet zwar ein paar Euro mehr, dafür schmeckt es aber auch deutlich besser. Und: Man kann es ohne schlechtes Gewissen genießen. Was unser Fleischkonsum für die Tiere bedeutet – diese Frage, diesen rücksichtsvollen Blick sollten wir uns im Alltag aneignen. Das wäre ein schöner Ostervorsatz.

Morgenpost Online : Manchmal ist es aber auch schwierig zu entscheiden, worin der rücksichtvolle Umgang mit Tieren besteht.

Hagencord : Albert Schweitzer hat das mal am Beispiel eines verletzten Vogels festgemacht: Darf ich den wieder hochpeppeln, indem ich ihn mit Insekten und Würmern füttere, also andere Tiere opfere? Aber das sind schwierige Ausnahmefragen. Öko-Fleisch und Eier einzukaufen ist dagegen alltäglich und ganz leicht.

Das Gespräch führte Till-Reimer Stoldt