Gesundheitsforschung

Warum wir bald alle hundert Jahre alt werden

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Vor 160 Jahren gab es nur wenige Menschen, die 50 Jahre alt wurden. Heute spielen Neunzigjährige noch Fußball oder laufen Marathon. Falls es für uns ein Alterslimit gibt, scheinen wir es noch längst nicht erreicht zu haben. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut erforschen das Rätsel des Alterns.

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und der Universität Rostock zeigt: Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist die durchschnittliche Lebenserwartung für neugeborene Jungen um fast fünf und die der Mädchen um dreieinhalb Monate gestiegen. In Deutschland sterben die Männer derzeit im Durchschnitt mit 76,6 Jahren und die Frauen mit 82,1 Jahren. Die Forscher sagen jedoch voraus, dass die Lebenserwartung pro Dekade um zwei bis drei Jahre steigt. Aber warum leben wir immer länger und welche Faktoren beeinflussen den Alterungsprozess?

Bereits die ersten Lebensjahre des Kindes sind maßgebend, sagen die Forscher. Ihr Einfluss auf die Lebenserwartung liegt bei etwa zehn Prozent. "Schon die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft entscheidet über die Lebensspanne ihres Kindes", erklärt Studienleiterin Gabriele Doblhammer-Reiter. Später spielen dann soziale und finanzielle Lage, Bildung und Lebensstil eine wichtige Rolle: Ganze 65 Prozent schreiben die Forscher diesen Faktoren zu. Die Gene wirken sich dagegen nur zu 25 Prozent auf die Lebenserwartung aus. „Es bringt also immer noch etwas, wenn Sie mit 70 Jahren das Rauchen aufgeben", meint die Forscherin. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele wie die Forscher zugeben: Der bislang älteste Mensch, die Französin Jeanne Calment (1875-1997), wurde über 122 Jahre alt, obwohl sie bis zum Alter von 119 regelmäßig rauchte, große Mengen Schokolade verzehrte und jeden Tag ein Glas Portwein trank.

Zellen teilen sich nicht endlos

Der Vorgang des Alterns ist jedoch ein hochkomplexer Prozess, den die Wissenschaft bislang nicht vollständig enträtseln konnte. Bereits in den sechziger Jahren entdeckte Leonard Hayflick, ein amerikanischer Gerontologe, dass normale menschliche Zellen in Zellkultur sich nur rund 50-mal teilen können. Diese Grenze an möglichen Zellteilungen ist nach Hayflick genetisch vorgegeben. Sie wird als Hayflick-Limit bezeichnet.

Erst zwanzig Jahre später haben Wissenschaftler herausgefunden, wie es zu dieser Limitierung kommt: Wenn sich eine Körperzelle teilt, wird das Erbgut unserer Zellen, die DNA, verdoppelt. Dabei geht jedes Mal ein Stück davon verloren. Die DNA liegt in jeder Zelle in Form von Chromosomen vor. Die Endstücke dieser Chromosomen, die sogenannten Telomere, bestehen aus nichtkodierender DNA. Sie dienen hauptsächlich dazu, dass ein Enzym, die DNA-Polymerase, andocken kann, um das Erbmaterial bei der Zellteilung zu verdoppeln.

Doch bei jeder Zellteilung verkürzen sich die Telomere, bis die DNA-Polymerase keine Andockstelle mehr hat und die Zelle damit nicht mehr teilungsfähig ist. Wie genau die Verkürzung der Telomere mit dem Altern zusammenhängt, ist unklar. Das natürliche Limit der Zellteilung liegt aber noch weit hinter der heutigen Lebenserwartung. Mit anderen Worten: Niemand stirbt an zu kurzen Telomeren.

Freie Radikale beschleunigen Alterungsprozess

Eine weitere Theorie für das Altern ist der Einfluss von Freien Radikalen: Demnach leiden Zellen eines Organismus ständig unter so genanntem oxidativen Stress. Vor allem bei Stoffwechselvorgängen entstehen in jeder Zelle reaktive Oxidantien. Diese oxidieren und schädigen lebenswichtige Moleküle, wie zum Beispiel Fette, Proteine oder DNA. Nicht alle Schäden können wieder repariert werden. Die Zelle und somit der gesamte Organismus altern.

Könnten wir der Freien-Radikal-Theorie zufolge durch ständiges Diäthalten länger leben? Was bereits in Tierstudien bewiesen wurde, könnte auch bei Menschen zutreffen: Weniger Essen heißt, dass der Stoffwechsel reduziert wird und damit auch weniger reaktive Oxidantien in den Zellen gebildet werden.

"Evolutionär betrachtet ist die Alterung auf den ersten Blick ein Rätsel. Denn ein Organismus ist fitter, also reproduktiver, wenn er jung und gesund bleiben kann", sagt David Thomson, Evolutionsbiologe am Rostocker Max-Planck-Institut. "Alterung ist also ein Nachteil, und man muss sich fragen, warum die Evolution es nicht beseitigt hat."

Eine der bekanntesten Theorien ist die des amerikanischen Evolutionsbiologen George C. Williams. Er geht davon aus, dass das Altern umso schneller voranschreitet, je gefährlicher die Umgebung des Individuums ist – also die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Beispiel verhungert, erfriert oder gefressen wird. Es lohnt sich in der Natur demnach nicht, einen Organismus lange instand zu halten, da er ohnehin bald sterben muss. Lebewesen nehmen deshalb einen schnelleren Alterungsprozess in Kauf, um möglichst viele, gesunde Nachkommen zu produzieren.

Theoretisch betrachtet verbraucht eine schwangere Frau zum Beispiel viel Energie, um ein gesundes Kind in die Welt zu setzen. Durch den hohen Stoffwechselverbrauch während der Schwangerschaft leidet sie dafür an einem hohen oxidativen Stress. Sie also nimmt für gesunde, starke Nachkommen einen beschleunigten Alterungsprozess in Kauf.

Hydras bekommen nie Falten

Neue Studien zeigen, dass das Altern nicht unbedingt unvermeidlich ist: Die Forschergruppe um Thomson hat den Süßwasserpolypen Hydra untersucht. Ergebnis: Bei diesem Hohltier konnten sie bis jetzt noch keinerlei Zeichen von Altern entdecken. So gehen die Wissenschaftler heute davon aus, dass sich der Alterungsprozess bei verschiedenen Lebensformen jeweils unterschiedlich gestaltet. "Nur wenn wir verstehen, warum und wie einige Lebensformen dem Altern entkommen konnten, können wir auch verstehen, warum der Mensch das Altern in Kauf nehmen muss", sagt Annette Baudisch vom Rostocker Institut.

Laut Studie ist das Altern in den Industriestaaten auch immer weniger mit den früher üblichen Krankheiten verbunden. So wird heute mehr auf Hygiene geachtet und der verbreitete Wohlstand hat die Mangelernährung eingedämmt. Dadurch haben sich die Todesursachen verschoben. Die Menschen sterben heute vor allem an chronischen Krankheiten, wie Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen und wenigher an Infektionen.

( OC )