Psychologie

"Aufschieberitis" macht vielen das Leben schwer

"Morgen, morgen, nur nicht heute...", heißt es im Volksmund: Chronisches Aufschieben ist weit verbreitet – vor allem aber in Studentenkreisen, wie eine neue Studie belegt. Prokrastinieren lautet der Fachbegriff für das Phänomen. Psychologen warnen vor ernsthaften Folgen. Im Internet kann man sich einem Selbsttest unterziehen.

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Sechs von zehn Studenten leiden unter „Aufschieberitis“. Das geht aus einer repräsentativen Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg hervor, für die 736 Studenten befragt wurden.


Dabei gaben 58 Prozent an, Arbeitsaufträge vor sich herzuschieben. Gut 60 Prozent flüchten sich außerdem in „Ausweichverhalten“: Statt sich an ihre Hausarbeit zu setzen oder für die Klausur zu lernen, telefonieren sie lieber, räumen auf oder putzen die Fenster, erläutert Studienautorin Prof. Karin Schleider.


Auslöser für solche psychischen Probleme sind oft bevorstehende Prüfungen: An erster Stelle steht dabei die Vorbereitung mündlicher Prüfungen (49,4 Prozent), gefolgt von Klausuren (44,7 Prozent) und der Abgabe von Arbeiten (41,6 Prozent).


Das Problem der „Aufschieberitis“ betrifft jedoch nicht nur Studenten. Nach Schätzungen sind etwa 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen.


Chronisches Aufschieben wird von Psychologen als Prokrastinieren bezeichnet, abgeleitet von dem lateinischen Wort procrastinare (deutsch: etwas vertagen oder verschieben). Chronische Aufschieber lassen Dinge, die sie selbst als wichtig, aber unangenehm ansehen, oft so lange liegen, bis die letzte Frist verstrichen ist.



Der amerikanische Psychologe Joseph Ferrari von der DePaul-Universität in Chicago befragte 4.000 Menschen nach ihren Arbeitsmustern und kam zu dem Schluss, dass etwa 20 Prozent von ihnen deutlich unter Zerstreuung, Zeitverschwendung und Aufschubtechniken leiden. Dabei handele es keineswegs nur um eine Marotte, sagt der Psychologe. Die sozialen und ökonomischen Folgen seien immens.


Prokrastinieren könne zu erheblichen Problemen führen, meint auch Hans-Werner Rückert, der die psychologische Studienberatung der Freien Universität Berlin leitet. „Wer etwa an Herzrhythmusstörungen leidet und es ständig aufschiebt, zum Arzt zu gehen, für den kann das sogar tödlich ausgehen“, sagt er.


Problematisch werde es dann, wenn mehr Dinge aufgeschoben als erledigt würden, definiert der Psychologieprofessor Fred Rist von der Westfälischen Willhelms-Universität Münster. „Und wer über längere Zeit nicht mehr zurechtkommt, kann dadurch depressiv werden“. Bei Studenten, die die Regelstudienzeit weit überschritten, sei Prokrastination zum Beispiel oft mit Depressionen verbunden.


In der Fachliteratur werden zwei Typen von Aufschiebern unterschieden: Der Erregungsaufschieber braucht den Adrenalinschub, der ihn erst angesichts eines sehr nahen Abgabetermins ans Arbeiten bringt und ihn dann nächtelang durchackern lässt. Der Vermeidungsaufschieber hingegen leidet an Versagensängsten. Er vermeidet es, sich an unangenehme Aufgaben zu begeben, um an ihnen nicht zu scheitern.


Wer den Verdacht hegt, selbst zu den chronischen Aufschiebern zu gehören, kann sich auch an die eigens dafür eingerichtete Prokrastinationsambulanz der Wilhelms-Universität in Münster wenden. Auf der Website kann man sich einem Selbsttest unterziehen .