Gesundheit

Ärzte fordern Hörtests für alle Babys

Von 1000 Neugeborenen haben bis zu drei eine Hörstörung auf beiden Seiten. Eine einfache Untersuchung zeigt, ob das Kind richtig hören kann, doch zu wenige Eltern wissen davon. Weiteres Problem: Die Krankenkassen bezahlen die Untersuchung nicht. Aber: Kinder müssen hören können, um sprechen zu lernen.

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Ein Baby blickt bekümmert vom Plakat, in seinen Ohren stecken große Korken. "Wir sehen, ob ihr Kind hört", steht darunter auf dem roten Banner. Diese Berliner Werbeinitiative sollte Eltern im Herbst motivieren, bei ihrem Baby ein Hörscreening vornehmen zu lassen. Initiiert wurde die Kampagne vom Arbeitskreis für Neugeborenen-Hörscreening, kurz "Bahn" genannt, mit Sitz an der Charité.

Von 1000 Neugeborenen haben ein bis drei eine beidseitige Hörstörung. Fälle von Kindern, die an Störungen anderer Sinnesorgane leiden, kommen zusammengenommen genauso häufig vor - das Gehör ist besonders empfindlich.


Obwohl gerade bei Hörstörungen die Früherkennung außerordentlich wichtig ist und es einen sehr einfachen Test gibt, um sie festzustellen, wird dieser in Deutschland noch nicht flächendeckend durchgeführt - die Krankenkassen zahlen die Untersuchung nicht, und Eltern wissen meist gar nicht, dass sie gegen Bezahlung möglich ist.


Ohne eine medizinische Apparatur festzustellen, ob ein Neugeborenes hören kann, ist leider ebenso wenig möglich, wie ein Baby sagen kann, ob es etwas hört oder nicht. Daher wird im Hörzentrum der Charité bei dem Screening eine Methode verwendet, die eine Beurteilung des Hörvermögens unabhängig von der Kommunikationsfähigkeit des Untersuchten gestattet. Dabei überprüft ein Gerät die Funktion der Haarzellen des Innenohres, die akustische Reize in Sinnenswahrnehmung übersetzen.

Mit dieser Methode lässt sich eine Hörstörung mit 98-prozentiger Sicherheit erfassen. Auf die Plakataktion gab es eine gute Resonanz: Zahlreiche Eltern brachten ihre Kinder zu einer solchen Untersuchung im Hörzentrum der Charité, bei 30 Kindern wurde eine Beeinträchtigung des Hörorgans rechtzeitig erkannt. Gleichzeitig wurde aufgerufen, für die Früherkennung zu spenden, der Spendenaufruf war aber weitaus weniger erfolgreich als die Untersuchungen.

Trotz des Bemühens zahlreicher Fachärzte und Institutionen wurde das Hörscreening noch nicht in das Standard-Vorsorge-Untersuchungsprogramm der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen, an vielen Stellen gibt es derzeit Finanzierung über private Stiftungen. Dabei bietet die Früherkennung während der ersten Lebensmonate für den Behandlungserfolg "eine Chance, die in diesem Leben nicht mehr wiederkommt", sagt Professor Manfred Gross, Direktor der Klinik für Audiologie und Phoniatrie der Charité.

Denn Kinder müssen hören können, um sprechen zu lernen. Diese Voraussetzung muss so früh wie möglich geschaffen werden, damit eine unbeeinträchtigte Sprachentwicklung möglich wird. Wird daher beim Screening eine Störung diagnostiziert, folgt genaueren Untersuchungen die umgehende Behandlung, bereits Babys im Alter von zwei Monaten erhalten ein Hörgerät. Ab sechs bis neun Monaten kann ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden. Das Implantat ist nach dem lateinischen Begriff für das Innenohr, der "Hörschnecke", benannt und kann deren Funktion zu einem großen Teil ersetzen, der Kontakt zum Gehirn muss dazu allerdings intakt sein. Es besteht aus einem Minimikrofon und einem kleinen Sprachprozessor, der Schallwellen in elektrische Signale übersetzt. Eine "völlig ungestörte Sprachentwicklung in den ortstypischen Dialekten" wird mit einem Cochlea-Implantat möglich, erklärt Manfred Gross.

Je früher Hörstörungen erkannt und behandelt werden, desto leichter fällt es dem Gehirn, sich an Hilfsmittel zu gewöhnen. Auch bei Hörstörungen, die nicht mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten therapiert werden können, ist eine frühe Diagnose sehr wichtig: Denn nur wenn klar ist, dass das Baby nicht hört, können die Eltern ihre Kinder entsprechend fördern.