Schmerzmittel

Wenn die Wirkung voll daneben geht

Schmerz ist quälend, und eine Schmerztablette zu nehmen, ist so einfach, das Angebot ist groß: Doch die Risiken ihrer Wirkstoffe sind enorm und viele Patienten gehen oft viel zu leichtsinnig mit den Medikamenten um.

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Keine Medikamentengruppe kommt so häufig zum Einsatz wie die Schmerzmittel. Die Analgetika, wie sie im Fachjargon heißen, dämpfen über das Zentralnervensystem die Schmerzempfindung. Anders als Narkotika beeinflussen sie aber weder das Bewusstsein, noch die Sinneswahrnehmung und weitere Funktionen des Zentralnervensystems der Patienten.

Den deutschen Apotheken bescheren sie jährlich einen Umsatz von etwa 500 Millionen Euro. Nicht einmal 20 Prozent der Präparate sind ärztlich verordnet – sie gehören bei vielen Menschen zur alltäglichen Selbstmedikation. Dabei heißt „frei verkäuflich“ nicht „unbedenklich“. Nach wie vor gilt: keine Wirkung ohne Nebenwirkung.


Die gebräuchlichsten Schmerzmittel sind die NSAR, die nichtsteroidalen Antirheumatika, angeführt von der allseits bekannten Acetylsalicylsäure (ASS), dicht gefolgt von Diclofenac, Ibuprofen und Paracetamol . Sie alle besitzen spezifische Vor- und Nachteile. So dämpft ASS nicht nur den Schmerz, sondern auch die Blutgerinnung, weswegen diese Präparate in der Vorbeugung von Herzinfarkten eingesetzt werden. Eine aktuelle Studie des James Hogg Centre im kanadischen Vancouver fand allerdings heraus, dass Frauen davon deutlich weniger profitieren als Männer.


Diclofenac wird meist in Tablettenform, aber auch als Gel eingesetzt. Der Wirkstoff hilft nicht nur bei Schmerzen im Bewegungsapparat, sondern laut jüngeren Studien auch bei der sogenannten aktinischen Keratose, einer durch Lichtschäden verursachten Hauterkrankung, die in einen Tumor münden kann. Ibuprofen wiederum hat bei Migräne gute Chancen, außerdem wird es von Kindern gut vertragen.

Das Kennzeichen aller nichtsteroidalen Antirheumatika besteht darin, dass sie – wie ihr Name sagt – nicht wie Steroidhormone wirken, wie etwa Cortison aus der Nebennierenrinde. Diese greifen nämlich in sämtliche Phasen des Entzündungsgeschehens ein, während die NSAR nur ein bestimmtes Enzym hemmen, nämlich die Cyclooxygenase. Ihr entzündungshemmender Effekt ist dadurch schwächer, dafür haben sie weniger Nebenwirkungen.

Nichtsdestoweniger sind auch NSAR nicht ohne Risiko. Die von ihnen ausgeschaltete Cyclooxygenase spielt nicht nur bei Entzündungen mit, sondern auch beim Schutz von Darm- und Magenschleimhaut. Folglich kann die längerfristige Enzymhemmung per NSAR, wie Hans-Peter Wirth vom Schweizerischen Gastrozentrum Kreuzlingen erklärt, „in dem einen Organ erwünschte, in dem anderen aber unerwünschte Wirkungen auslösen“.

Todesfälle durch Magen- und Darm-Geschwüre

Etwa jeder fünfte NSAR-Patient bekommt ein Geschwür (Ulcus) im Verdauungstrakt. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft warnt, „dass bei über 65-Jährigen 20 bis 30 Prozent aller Krankenhausaufnahmen und Todesfälle durch Magen- und Darm-Geschwüren auf eine Behandlung mit NSAR zurückgeführt werden können“.

Die Schmerzmittel greifen die Wände von Magen und Darm aber nicht in gleichem Maße an: Während Ibuprofen weniger aggressiv ist, hat ausgerechnet Branchenprimus ASS ein relativ hohes Risiko. Für Asthmatiker und Kinder unter zwölf Jahren ist es ungeeignet. Paracetamol wiederum schont zwar Magen und Darm, stellt aber für die Leber ein erhöhtes Risiko dar.

Auch Diclofenac eignet sich nicht für Asthmatiker, ebenso nicht für Schwangere. Die Wirkung auf Kinder ist nicht untersucht. Seit einiger Zeit gibt es das ursprünglich verschreibungspflichtige Präparat halb so hoch dosiert und frei verkäuflich. Wer ohne ärztliche Kontrolle umso mehr davon einnimmt, riskiert Gesundheit und Leben: So hat etwa die britische Arzneimittelbehörde MHRA eine Liste der Medikamente mit den häufigsten schweren Komplikationen und Todesfällen in Großbritannien erstellt. Dort steht Diclofenac auf Platz drei.

Mit den sogenannten COX-2-Hemmern glaubte man vor einigen Jahren, eine NSAR-Variante gefunden zu haben, die risikoärmer sind. Sie hemmen nur jenen Teil der Cyclooxygenase, der für Magen und Darm keine Rolle spielt. Im Jahr 2004 erhielt diese Hoffnung jedoch einen schweren Dämpfer, als der COX-2-Hemmer Vioxx vom Markt genommen wurde, weil unter seiner Einnahme vermehrt Herzinfarkte aufgetreten waren.

Die hohen NSAR-Risiken lassen Ärzte und auch Patienten zunehmend nach Alternativen suchen. Gerade Heilpflanzen wie Teufelskralle, Brennnesselblätter und Borretschöl liegen dabei zurzeit im Trend. Eine aktuelle Übersichtsarbeit der Universität Freiburg sieht bei ihnen jedoch „noch einen großen Forschungsbedarf“. Man fand aber immerhin konkrete Hinweise darauf, dass hoch dosierte Teufelskrallenxtrakte bei Rückenschmerzen helfen können.

Pestwurz gegen Migräne

Gegen Migräne scheint Pestwurz eine Alternative zu sein. Sie wurde bereits im griechischen Altertum als krampflösendes Mittel, beispielsweise bei Asthma, angewendet. Ein Effekt, der durch pharmakologische Untersuchungen bestätigt wird und sich offenbar auch auf die Blutgefäßkrämpfe der Migräne erstreckt. Die ursprüngliche Problematik, dass Pestwurz potenziell schädliche Alkaloide enthält, wurde hierzulande bei den Extrakten durch ein spezielles Auswaschverfahren gelöst.

Nichtsdestoweniger bleibt festzuhalten, dass seit 1993 mit den Triptanen auch eine synthetische Wirkstoffgruppe existiert, die nach heutigem Erkenntnisstand relativ risikoarm gegen Migräne hilft. „Ihre Nebenwirkungen sind in der Regel mild und verschwinden von selbst wieder“, erklärt Professor Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Die Triptane wirken jedoch nur bei Migräne, nicht bei den häufigeren Spannungskopfschmerzen.

Einen Migränewirkstoff, das Naratriptan, gibt es neuerdings auch frei verkäuflich. Auch hier birgt die fehlende Kontrolle eines Arztes große Risiken, denn die Ausschlusskriterien betreffen häufige Herz-, Kreislauf- und Gefäßleiden: Bluthochdruck, ein früherer Herzinfarkt oder Schlaganfall, koronare Herzkrankheit, Nieren- und Leberfunktionsstörungen, Durchblutungsstörungen der Beine. Unter 18- und über 65-Jährige sollten das Präparat ebenfalls nicht einnehmen. Lesen des Beipackzettels ist Pflicht.

Spannungskopfschmerzen sind eher ein Fall für den „Klassiker“ Paracetamol, der auch in Langzeitanwendung relativ gut verträglich ist. Für stärkere Beschwerden und Entzündungen ist seine Wirkung jedoch zu schwach. Es sei denn, dass er mit Codein kombiniert wird, was zu einer deutlichen Verstärkung der Schmerzhemmung führt. Diese Kombination geht allerdings auch, wie Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Informationsdienst Arznei-Telegramm betont, „eindeutig zu Lasten der Verträglichkeit“.

Typische Schmerzmittelnebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsprobleme treten bei der Kodeinkombination deutlich häufiger auf als bei Paracetamol solo. Es führt kein Weg daran vorbei: Eine stärkere Wirkung muss in der Regel mit mehr Nebenwirkungen bezahlt werden.