Der Hamburger Klimaforscher Hartmut Graßl sieht einen großen Teil der Arten vom Aussterben bedroht. Etwa 20 bis 30 Prozent aller bekannten Arten auf der Welt könnten ohne eine effektive Klimaschutz-Politik am Ende des Jahrhunderts verschwunden sein, sagte der Wissenschaftler zur Eröffnung einer Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden .

Graßl warnte eindringlich vor den Folgen der globalen Erwärmung und mahnte weitere Anstrengungen bei der Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes an: Wenn nicht gegengesteuert werde, seien auch bei uns vermehrt Sturzfluten möglich: „Dann werden wir so etwas wie im Sommer 2002 in Dresden öfter bekommen“, erklärte er. Damals hatten Extremniederschläge zu einem Jahrhunderthochwasser der Elbe geführt.

Graßl bezeichnete das Klima als die wichtigste natürliche Ressource und die Basis des Lebens. Bei einer globalen Erwärmung von vier Grad Celsius könne aus einem Endmoränengletscher ein Palmenwäldchen entstehen. Bereits bei einer Erwärmung von zwischen 1,5 und 3 Grad sei das Schmelzen des Grönlandeises und damit ein Anstieg des Meeresspiegels nicht zu verhindern. „Das ist kein Alarmismus“, fügte er hinzu.

Schau zu fragilem Verhältnis von Mensch und Atmosphäre

Nach Ansicht des Forschers ist eine informierte Bevölkerung Voraussetzung, um den Klimaschutz weiter voranzubringen. Ohne deren Mobilisierung könnten auch Politiker kaum etwas bewegen. In Deutschland seien inzwischen auch wertkonservative Teile der Bevölkerung sensibilisiert, während es vor 20 Jahren überwiegend nur Grüne sowie der linke Flügel der SPD und deren Anhänger gewesen seien. Graßl gilt als einer der führenden Klimaforscher. Er leitete das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und ist derzeit als Berater tätig.

Die Sonderausstellung „2° – Das Wetter, der Mensch und sein Klima“ widmet sich dem fragilen Verhältnis zwischen Mensch und Atmosphäre. Die Ausstellung will Zusammenhänge globaler Klimapolitik und den Einfluss der Menschen dabei erläutern. „Es geht um ein tieferes Verständnis unserer Klima-Kultur“, sagte Museumschef Klaus Vogel. Die Ausstellung sei weder politisch zugespitzt noch biete sie Handlungsanleitungen.

Wetter immer unzuverlässiger

Ein Fischer aus dem zentralamerikanischen Belize klagt über die häufigen Überschwemmungen. Ein Imker aus Italien sagt, dass er wegen der veränderten Wachstumsphasen der Pflanzen kaum noch Honig gewinnen kann. Ein Bergführer aus Nepal beschwert sich, weil das Wetter im Gegensatz zu früheren Zeiten viel unzuverlässiger geworden ist. Andererseits könnten wegen der Erwärmung im Hochland jetzt viel mehr Gemüsesorten angebaut werden.

Die drei Männer leben zwar in verschiedenen Regionen dieser Welt. In ihren Berufen sind sie aber stark vom Wetter abhängig und damit voll dem Klimawandel ausgesetzt. Grund genug, um sie per Videointerview in der Ausstellung zu Wort kommen zu lassen. Ab Freitag zeigt das Museum auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche rund 300 Exponate aus aller Welt zum Thema Erderwärmung.

Vier Räume, vier Themen

Am Anfang der Ausstellung wird dem Besucher die Urgewalt der Natur demonstriert. Auf einem Podest, gleichermaßen wie ein Kunstwerk präsentiert, steht ein im Sturm zertrümmerter Kleinwagen. An anderer Stelle liegt ein deformiertes Verkehrsschild aus New Orleans. Es wurde durch den Wirbelsturm Katrina beschädigt. Die weiteren Ausstellungsteile stehen unter den Titel „Beobachten und Berechnen“, „Abwehr und Anpassung“ sowie „Wetter machen“.

Zu sehen sind wissenschaftliche Apparaturen, Wetterkarten, fossile Fundstücke, Kunstwerke, Klimaanlagen und Wettergottheiten. Auf zahlreichen Bildschirmen laufen Filme sowie Interviews mit Experten oder ersten „Klimaopfern“. Zumeist sind die Exponate in Baugerüst-Konstruktionen eingepasst. Diese sollen die Komplexität der Erdatmosphäre symbolisieren. Zugleich stehen sie für Vorläufigkeit und Wandelbarkeit, denn das Wissen dazu ist noch unzureichend.

Kuratorin Petra Lutz verweist darauf, dass die Ausstellung besonders die kulturelle Dimension des Klimawandels in den Blick nehmen will. Über das Wetter werde heute ganz anders geredet und geschrieben als vor 20 Jahren. Es drängen sich neue Fragen auf: „Wie können wir uns anpassen? Was passiert, wenn eine Gegend unbewohnbar wird ?“. Dies seien nicht nur naturwissenschaftliche Fragen. „Wir merken, wie angreifbar wir sind“, sagt Lutz. Gerade in Dresden, wo die Erinnerungen an die Augustflut von 2002 noch lebendig sind, sollte sie damit Anklang finden.

Nach Angaben des Hygiene-Museums werden Geschichte und Erforschung des Klimas sowie gegenwärtige Debatten und Zukunftsszenarien erstmals in einer großen Ausstellung dargestellt. Für das schwierige Thema suchte sich das Museum das Know-how zahlreicher Partner. Unter ihnen sind das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der Deutsche Wetterdienst, das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Ausstellung gebe einem breitem Publikum die Möglichkeit, tiefer in das Thema Klimawandel einzusteigen, betont Museumsdirektor Klaus Vogel. „Wir wollen mehr als 90 Sekunden Aufmerksamkeit“, sagt er mit Verweis auf die Kürze tagesaktueller Berichterstattung. Die Erderwärmung biete zudem die Chance, dass der Mensch selbstkritisch über den Umgang mit der Natur nachdenke.

Die Ausstellung ist bis zum 19. April 2009 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

AP/EPD/cl