Wasser

Wunder in der Wüste – der Aralsee kehrt zurück

Der Aralsee hatte nach diversen Umweltsünden 90 Prozent seiner Wassermenge verloren. Jetzt bewirkt ein kleiner Staudamm große Wunder: Wasser aus dem Zufluss Syr-Darja erweckt zumindest den kasachischen Teil des Sees wieder zum Leben. Hechte und Karpfen zeugen von neuer Hoffnung.

Foto: AP

In der grellen Sonne blinzelt Badarchan Prikejew in die Ferne, den Fischerbooten entgegen, die mit ihrem Fang zurückkehren. Noch vor nicht langer Zeit war hier öde Wüste irgendwo im Nirgendwo, Ergebnis einer der folgenschwersten Umweltsünden überhaupt. Jetzt steht der Fischhändler mit den Stiefeln im Wasser. Süßwasser. Ein ökologisches Wunder ist geschehen: Der Aralsee kehrt zurück.

Einst war er das viergrößte Binnengewässer der Erde. Dann begannen zu Sowjetzeiten die Planwirtschaftler mit ihrem Hang zu grandiosen Projekten, seine Zuflüsse abzuleiten und damit gigantische Baumwollplantagen zu bewässern. Das Ergebnis: Der Aralsee verlor 90 Prozent seiner Wassermenge und zerfiel im mehrere kleine Teile. Eine Umweltkatastrophe, „beispiellos in unserer Zeit“, findet der amerikanische Geografieprofessor Philipp Micklin, der sich seit Jahren mit dem Aral beschäftigt.

Selbst heute, zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion, ist das Unheil bei weitem noch nicht gestoppt. Satellitenfotos zeigen, dass ein Teil des Sees allein in den vergangenen drei Jahren um 80 Prozent geschrumpft ist. Usbekistan, zu dem drei Viertel des Aralsees gehören, hat aufgegeben. Kasachstan versuchte in seinem Teil die Rettung, mit durchschlagendem Erfolg. Ein seit 2001 mit Hilfe der Weltbank für 88 Millionen Dollar errichteter Damm zweigt kostbares Wasser aus dem Zufluss Syr-Darja ab, statt es sinnlos nach Süden rinnen zu lassen, und erweckt allmählich den kasachischen Teil des Sees wieder zum Leben.

Wasser nähert sich wieder dem Hafen

Die einstige Hafenstadt Aralsk lag zum Schluss 100 Kilometer weit landeinwärts. Jetzt ist der Wassersaum schon wieder bis auf 25 Kilometer herangerückt und dürfte nach Schätzung der Weltbank in sechs Jahren den Hafen erreicht haben. Die Anwohner können es kaum erwarten. „Gute Nachrichten: Der See kehrt zurück!“, verkündet ein Schild an der Ortseinfahrt. An einigen Stellen schwappen die Wellen schon an die vergammelten Schiffsrümpfe, die wie surreale Relikte auf dem Trockenen liegen.

„Endlich gibt es wieder Hoffnung und die Aussicht auf ein Leben“, sagt Prikejew, der nahe des Ortes Akespe 90 Kilometer westlich von Aralsk auf die Fangflotte mit ihrer Ladung aus Hecht und Karpfen wartet. „Es gibt Arbeit für jeden, der will.“

Das Wunder ist klein verglichen mit dem Schaden, der vielleicht nie mehr rückgängig zu machen ist. Usbekistan hält am einträglichen Baumwollanbau fest und will zudem unter dem trockengefallenen See nach Erdöl und Gas bohren. Die fünf vormals sowjetischen zentralasiatischen Länder sind sich zwar theoretisch einig, dass die Nutzung der Zuflüsse Amu-Darja und Syr-Darja abgestimmt werden muss, doch praktisch geschieht wenig.

Zukunft liegt in der Luft

Der Kokaral-Staudamm sieht nach nicht viel aus und ist in kaum einer Minute überquert, doch seine Wirkung ist immens. Der steigende Wasserstand hat das Klima merklich abgekühlt und die Salzkonzentration im See so weit verdünnt, dass wieder Süßwasserfische darin gedeihen. Der Fang stieg von 52 Tonnen 2004 auf rund 2.000 Tonnen 2007. Die Anwohner, die seit den 60er Jahren vor der Ödnis, dem Salzstaub und der Arbeitslosigkeit in die Städte geflüchtet waren, haben wieder die Chance auf ein Auskommen.

In der Hochsaison im Sommer beschäftigt Prikejew mehr als 100 Fischer und Helfer. Er liefert nach Russland, Georgien und in die Ukraine, sucht nach neuen Absatzmärkten in Westeuropa und plant den Bau eines Kühlhauses. Die Hoffnung liegt für Alexander Dantschenko in der Luft. „Als der See verschwunden war, kamen wir uns hier inmitten der Wüste vor wie in einer Bratpfanne“, erinnert sich der frühere Werftarbeiter. „Jetzt, wo er zurückkehrt, spürt man manchmal schon eine angenehme kühle Brise von Süden her.“

Den Musiker Murat Sydykow aus Aralsk hat das Schicksal des Sees zu traurigen Weisen inspiriert. Er ist ganz zuversichtlich, dass er einmal wieder fröhlichere Töne anschlagen kann. „Wenn der See nach Aralsk zurückkommt“, verspricht der 70-Jährige, „dann schreibe ich eine Sinfonie und lasse sie von einem Orchester am Seeufer aufführen.“

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