Aviophobie

Panikattacken über den Wolken

Herzrasen, Schwindel, Übelkeit und Todesangst: Ein Drittel aller Passagiere kämpft mit Flugangst. Viele Betroffene sind überzeugt, den Flug nicht zu überleben. Die damit verbundenen psychischen und physischen Belastungen sind riesig. Manche können sich nur mit Beruhigungsmitteln oder Alkohol helfen.

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Michael Bruns (34) legt sich verkrampft die Hände auf die Knie, atmet tief durch und schließt die Augen. Der junge Mediziner aus Köln sitzt in einem Flugzeug der Air France nach Montpellier und wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Doch dann kommt das nächste Luftloch, und der Pilot verkündet über den Lautsprecher, dass Turbulenzen zu erwarten sind. „Spätestens, wenn sich auch die Stewardessen hinsetzen und anschnallen müssen, wird mir richtig mulmig“, bekennt Bruns.

Er vermeidet jeden Blick aus dem Fenster und beginnt, langsam ein- und auszuatmen. „Jetzt helfen mir nur noch lang praktizierte Selbstentspannungstechniken.“ Nur so gelingt es Bruns, den 90-minütigen Flug zu überstehen. „Das ist auch der Grund, warum ich niemals etwa in die USA fliegen könnte“, sagt er.

Bruns leidet an Flugangst , auch Aviophobie genannt. Repräsentativen Umfragen zufolge hat ein Drittel aller Flugpassagiere damit zu kämpfen. Dabei kann sich die Aviophobie bei jedem anders äußern: schweißnasse Hände, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit und Angstattacken sind nur einige der Symptome. Manch ein Betroffener bringt es nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln oder großen Mengen Alkohols über sich, das Flugzeug zu betreten.

Neben dem körperlichen Stress leiden Aviophobiker vor allem unter der für sie enormen emotionalen Belastung: Sie sind oft davon überzeugt, den Flug nicht zu überleben, weil die Maschine abstürzen wird. „Die Angst vor einem Absturz kommt am häufigsten vor“, erläutert Flugpsychologe Marc-Roman Trautmann, der das Deutsche Flugangst-Zentrum in Mainz leitet. „Etwa die Hälfte der Aviophobiker leidet darunter. Vor Turbulenzen fürchten sich 18 Prozent, und neun Prozent haben Probleme mit dem Kontrollverlust und dem Ausgeliefertsein.“

Auch Steven Spielberg, Prinzessin Mette-Marit und der Dalai Lama leiden

Die Flugangst kann Menschen aller Gesellschaftsschichten und Altersgruppen treffen. Zu berühmten Aviophobikern gehören etwa der amerikanische Starregisseur Steven Spielberg, der Dalai Lama, Prinzessin Mette-Marit von Norwegen oder der Schauspieler Til Schweiger. „Interessant ist jedoch, dass Männer ganz anders mit ihrer Flugangst umgehen“, stellt Trautmann fest. „Sie gestehen sie sich erst viel später ein als Frauen.“ Demzufolge sind es häufiger Frauen, die bei Trautmann und seinen Kollegen Hilfe im Umgang mit ihrer Flugangst suchen.

Anlaufstellen sind etwa die Flugangst-Ambulanzen an großen Flughäfen. Dort erhalten die Passagiere kurzfristige Beratungen unmittelbar vor den Flügen. Viele Betroffene planten diese Hilfe mittlerweile mit in ihren Flugzeitplan ein, erläutert Trautmann. „So hatten wir neulich eine Frau, die machte telefonisch einen Beratungstermin fest, der drei Stunden vor ihrem geplanten Abflug lag. Zu diesem Termin kam sie dann sehr ängstlich und völlig in Tränen aufgelöst.“ Aber sie habe ihren Flug anschließend angetreten.

Menschen mit schwerer Aviophobie empfiehlt Trautmann allerdings eher die Teilnahme an einem Flugangst-Seminar, das etwa eineinhalb bis zwei Tage dauert. Die von Diplom-Psychologen in Deutschland, Österreich und der Schweiz geführten Seminare finden mit maximal fünf Teilnehmern statt, so dass auf individuelle Ängste eingegangen werden kann. Die Teilnehmer lernen Entspannungstechniken und mentale Strategien, werden aber auch über Sicherheitsvorkehrungen und die technische Ausstattung eines modernen Flugzeuges unterrichtet, so dass viele Ängste allein mit rationalen Argumenten abgebaut oder gemildert werden können.

Das Flugangst-Zentrum arbeitet mit zahlreichen Fluggesellschaften zusammen. Sie stellen den Psychologen erfahrene Piloten und Flugbegleiter zur Seite, die während der Seminare Fragen beantworten. So gehören auch ein Besuch der Flugzeugwerft und ein abschließender Flug mit zum Programm. Nur wer auch tatsächlich einen Flug mitmache, könne seine Flugangst wirklich überwinden, meint Trautmann.