Verschwörung in Babylon

Der rätselhafte Tod Alexanders des Großen

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Seine Untertanen hassten den König wegen seiner Unberechenbarkeit. Einige schmiedeten daher einen Mordplan gegen den Herrscher der antiken Welt.

Am 28. Tag des Monats Daisios (Mitte Juni) 323 v. Chr. verkündete ein Herold in Babylon der fassungslosen Volksmenge den Tod Alexanders des Großen. Der Herrscher über ein Weltreich wurde nur 32 Jahre alt und die Begleitumstände seines frühen Ablebens muten sehr verdächtig an.

Der König war im Frühjahr 323 von der medischen Stadt Ekbatana zur Reichsmetropole Babylon aufgebrochen. Mehrere Astrologen, die wohl nicht nur über den Lauf der Gestirne Bescheid wussten, warnten ihn vor diesem Schritt. Doch Alexander war längst nicht mehr bereit, auf die Meinung anderer Leute zu hören. Er hatte sich überhaupt sehr zu seinen Ungunsten verändert.

Der König von Makedonien nahm nach seinem spektakulären Sieg über das persische Großreich immer mehr die Sitten und Gebräuche des ehemaligen Feindes an. Er kleidete sich persisch, heiratete zwei Perserinnen und verlangte von seinen alten Kriegskameraden, dass sie vor ihm auf die Knie fallen sollten.

Besonders übel nahm man ihm eine groß angelegte Zwangsheirat von 10.000 makedonischen Soldaten mit Perserinnen. Auch sein übermäßiger Alkoholkonsum führte zu Wesensveränderungen. So ermordete Alexander im Rausch Kleitos, seinen engsten Freund, der ihm einst das Leben gerettet hatte.

Der letzte Feldzug Alexanders gegen die Inder endete mit einem desaströsen Rückzug, der Zehntausenden das Leben kostete. Die freiheitsliebenden Makedonen waren der seit 13 Jahren währenden Kriege müde.

Doch kaum war ihr König in Babylon angekommen, machten Gerüchte die Runde, er wolle das Reich der Karthager in Nordafrika angreifen und die arabische Halbinsel erobern.

Insbesondere jene altgedienten Generale, die schon unter seinem Vater Philipp gekämpft hatten, empörten sich über Alexanders Betragen als orientalischer Despot. Ihre Loyalität schlug allmählich in Wut und Hass um.

Dies galt besonders für den 75-jährigen Antipatros, Vizekönig von Makedonien, und dessen Sohn Jolas. Als Alexander seinem Admiral Nearchos befahl, eine große Kriegsflotte auszurüsten, war das Maß voll. „Die Makedonier gerieten in Furcht und Missmut“, berichtete der griechische Historiker Plutarch.

Häufig steckten nun Antipatros, Jolas und Nearchos ihre Köpfe zusammen; auch Medios, ein wendiger Schmeichler, der gerade in Alexanders Gunst stand, war mit von der Partie. Allmählich wurde der König misstrauisch und immer unberechenbarer.

Als der eben aus Europa zurückgekehrte General Kassandros sich über das Kniefall-Ritual lustig machte, geriet Alexander „so sehr in Zorn, dass er ihn bei den Haaren fasste und seinen Kopf mit beiden Händen heftig gegen die Wand stieß“.

Nun galt es zu handeln. Zwölf Tage vor seinem Tod lud Medios den König zu einem Saufgelage ein. Jolas, der als Alexanders Obermundschenk fungierte, reichte ihm den „Becher des Herakles“, einen sechs Liter Wein fassenden Zeremonialkelch, aus dem nur der König trinken durfte.

30 Minuten später setzten bei Alexander Krämpfe ein und er bekam hohes Fieber. Über die folgenden Tage berichtet der gewissenhafte Plutarch ausführlich von Alexanders Krankheitsverlauf. Stundenweise fühlte er sich gesund, ergab sich dem Würfelspiel oder schmiedete Kriegspläne.

Dann setzten abends wieder „Anfälle von heftigem Fieber“ ein, er litt unter Erbrechen, Muskelkrämpfen und Halluzinationen. All dies macht die gängige Version, wonach er an der Malaria gestorben sei, unwahrscheinlich.

Bei dieser Krankheit treten Fieberschübe alle drei bis vier Tage ein (sog. Tertianfieber), nicht wie bei Alexander regelmäßig am Abend.

Besonders verdächtig ist die Tatsache, dass sich der Gesundheitszustand des königlichen Patienten immer dann verschlimmerte, wenn ihn seine Leibärzte unter Führung eines gewissen Glaukos mit Arzneien behandelt hatten.

Die danach auftretenden Symptome sprechen deutlich für eine langsame Vergiftung mit Weißem Germer (veratrum album). Dieses auch „Nieswurz“ genannte immergrüne Gewächs enthält in seinem Wurzelstock giftige Alkaloide.

Hoch dosiert führt Weißer Germer zum baldigen Tod. Sollte tatsächlich ein Mordkomplott gegen Alexander stattgefunden haben, dann dürfte Mundschenk Jolas anfangs nur eine geringe Dosis in den „Becher des Herakles“ appliziert haben.

Denn wäre Alexander bald nach dem Trunk tot umgefallen, dann hätte sich der Verdacht unweigerlich gegen Jolas und seinen Vater Antipatros gerichtet.

Diese schleichende Vergiftung war umso unauffälliger, als Weißer Germer in sehr niedriger Dosis von antiken Ärzten als fiebersenkendes Mittel verwendet wurde.

Die höhere Dosierung führte bei Alexander am 8. Tag nach dem verhängnisvollen Gastmahl zu Sprachstörungen bis hin zum völligen Sprachverlust – ebenfalls ein Indiz für eine Verabreichung von Germer.

Nach zwölf Tagen erlag Alexander der tückischen Krankheit. Sein Weltreich zerfiel ebenso schnell wie er es erobert hatte. Der natürliche Tod des Herrschers wurde zunächst nicht angezweifelt.

Doch langsam sickerten Gerüchte durch und Alexanders Mutter Olympias ordnete sechs Jahre später eine Untersuchung an. In deren Gefolge kam es zu einigen Hinrichtungen.

Die Gebeine des bereits verstorbenen Jolas wurden aus seinem Grabmal entfernt und in alle Winde zerstreut.