Drogenmissbrauch

Die Koks-Hochburgen in Europa und den USA

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Hermann Feldmeier und Maren Peters

In Deutschland werden immer mehr Drogen konsumiert. Forscher spüren die Rauschmittel in Kläranlagen und Flüssen auf. So lässt sich ermitteln, wo wie viel gekokst wird. New York, Köln, Paris oder Nürnberg – keine Stadt wird verschont. Wenig erstaunlich: Die skifahrende Schickeria kokst auch.

Drogen boomen, nach wie vor. Jahr für Jahr werden weltweit ähnlich große Mengen an Heroin, Kokain und Marihuana produziert wie von häufig eingesetzten Medikamenten. Doch im Gegensatz zu den Arzneimitteln, deren Verbleib detailliert nachvollzogen werden kann, kann über den Einsatz von Drogen zum großen Teil nur spekuliert werden. Zwar gibt es recht genaue Schätzungen der Mengen des Anbaus der einzelnen Drogenpflanzen, und auch die von Zoll und Polizei während des Transportes beschlagnahmten Mengen lassen Schätzungen zu. Wie viele verbotene Substanzen aber in den einzelnen Ländern wirklich konsumiert werden, ist völlig unklar. Umfragen unter Drogenabhängigen, anonyme Telefoninterviews und Kriminalstatistiken liefern naturgemäß ein wenig realistisches Bild.

Seit 2005 arbeiten Forscher deshalb mit einer neuen Messmethode an einer wissenschaftlich exakten Erfassung der Drogenmengen, die beispielsweise in einer Großstadt pro Tag, Monat oder Jahr konsumiert werden. Das komplizierte Nachweisverfahren wurde parallel von italienischen, amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern entwickelt.

Die Analysen der beteiligten Institute ergaben, dass der bisher geschätzte Drogenkonsum weit unter den tatsächlich konsumierten Mengen liegt. Den höchsten Verbrauch verzeichnen die USA. Hochrechnungen ergaben, dass jedes Jahr allein im Hudson River 16,4 Tonnen Kokain durch New York und an der Freiheitsstatue vorbei in den Atlantik gelangen. Das wären weit über 130 sogenannte Lines (100 Milligramm Portion) auf 1000 Einwohner pro Tag. Auf Platz zwei folgt Europa, dessen Verbrauch offenbar stark steigt.


Setzt sich dieser Trend fort, könnten die EU-Länder die Vereinigten Staaten in puncto Kokainkonsum bald eingeholt haben, schätzen die Experten. Innerhalb Europas liegt Spanien an erster Stelle. Im Einzugsgebiet der nördlichen Industriekleinstadt Miranda de Ebro etwa werden laut der Analysedaten von je 1000 Anwohnern pro Tag 97 Lines konsumiert.

Theoretisch können Forscher vergleichsweise leicht bestimmen, wie viel und welche Drogen konsumiert werden. "Kokain, Heroin, Methadon, Marihuana, Amphetamine und dergleichen werden in der Leber zu charakteristischen Verbindungen abgebaut, anhand derer sie sich eindeutig identifizieren lassen", erklärt Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg. Die Substanzen werden vom Körper mit dem Urin ausgeschieden.

Über Toiletten und Kanalisation gelangen sie in die Kläranlagen und schließlich ins Flusswasser. In den Abwässern lassen sich die verhältnismäßig kleinen Moleküle der Drogenabbauprodukte mit hochempfindlichen Messmethoden nachweisen und aus den Befunden die Verbrauchsmengen der Ausgangsstoffe errechnen. Die Verbindungen zeigen in der Massenspektrometrie einen charakteristischen "Fingerabdruck", mit dessen Hilfe sich die genaue Substanz bestimmen lässt und auch ihre Konzentration. Die Nachweisgrenze liegt bei wenigen Picogramm (Billionstel Gramm) pro Liter Abwasser.

Mannheim führt

Das IBMP hat sich insbesondere auf Analysen zur Erfassung des Kokainkonsums spezialisiert. Im Herbst 2005 stellten Sörgel und sein Team erstmals ihre Erkenntnisse über die Menge des Abbauprodukts dieser Droge (Benzoylecgonin) im Fluss- und Abwasser in Deutschland vor. Die Wissenschaftler analysierten 250 Proben aus dem ganzen Bundesgebiet und sorgten mit den Ergebnissen ihrer Hochrechnungen für erhebliches Aufsehen. Die höchste Konzentration wiesen die Forscher mit 14,1 Tonnen pro Jahr im Rhein bei Mannheim nach, gefolgt von Köln (8,5 Tonnen pro Jahr) und Düsseldorf (7,2 Tonnen pro Jahr).

Wiederholte Messungen im Jahr 2006 und in den vergangenen Wochen dieses Jahres bestätigten die Spitzenposition der Region Mannheim, auch wenn die nachgewiesene Belastung des Flusswassers auf 10,8 Tonnen Kokain pro Jahr deutlich abgenommen hat - gegen den Trend: In Deutschland steigt der Verbrauch allgemein an. In Frankfurt nahm der Konsum von 0,39 Tonnen im Jahr 2005 auf 0,61 Tonnen im Jahr 2008 zu. Vor allem in den wohlhabenden südlichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern wird mehr gekokst.

Kokain und die Schickeria-Skisaison

Der Schluss, die Rheinanliegerstädte seien die Kokshochburgen Deutschlands, könne jedoch nicht gezogen werden, sagt Sörgel. Die Daten bezifferten lediglich die von der Flussquelle bis zur Messstelle in das Gewässer eingeleitete und noch nicht abgebaute Menge Benzoylecgonin, aus der dann die Menge des konsumierten Kokains hochgerechnet wird. Da der Rhein in der Schweiz entspringt, wurden auch Daten zur dortigen Kokainbelastung erhoben. Das Ergebnis: Die Eidgenossen des wohlhabenden kleinen Landes greifen augenscheinlich häufiger zu der Partydroge. Besonders im Nobelskiort Sankt Moritz wird mit 22 Lines je 1000 Einwohner pro Tag überdurchschnittlich viel des weißen Pulvers geschnupft. "Anhand unserer plötzlich angestiegenen Messdaten konnten wir sogar den Beginn der Schickeria-Skisaison verfolgen", sagt Fritz Sörgel.

Auch die Züricher berauschen sich anscheinend gerne: Ihr Konsum wurde mit 20 Lines je 1000 Anwohner ermittelt. Damit liegen die beiden Schweizer Städte etwa gleich auf mit Metropolen wie London (20 Lines) und sogar vor der spanischen Hauptstadt Madrid (19 Lines). Zum Vergleich: In der Region rund um Mannheim werden "nur" 15 Lines je 1000 Einwohner gezogen.

Skandinavier koksen wenig

Exakte Daten zum Konsum innerhalb einer Stadt können die Wissenschaftler jedoch nur direkt in einem zentralen Klärwerk einer Kommune ermitteln. Solche Daten liegen aus dem letzten Jahr aus Helsinki vor. Danach scheinen die Skandinavier allerdings keinen großen Gefallen am Koksschnupfen zu finden - im Zulaufbecken der Kläranlage der finnischen Hauptstadt fanden sich auf das gesamte Jahr hochgerechnet "nur" 20,6 Kilogramm Koks.

"Wenn wir Flusswasser analysieren, muss der Abstand des Messpunktes zum Klärwerk und die Fließgeschwindigkeit des Gewässers bei den Hochrechnungen zum Verbrauch berücksichtigt werden", erläutert Sörgel. In den Sickergruben werden bereits 80 Prozent der Substanz abgebaut, im Flusswasser fünf Prozent pro Tag. Auch der jeweilige Wasserstand des Flusses beeinflusst die Konzentration.

Um sicherzugehen, dass die gemessenen Werte die tatsächliche Kokainbelastung des Abwassers wiedergeben, werden auch sogenannte Nullproben gesammelt. Die Forscher analysieren dazu beispielsweise Wasserproben aus Damaskus oder einem kleinen Nebenfluss der Donau in Rumänien. Wegen der geringen Einkommen der Bevölkerung ist in den Ländern der östlichen Hemisphäre davon auszugehen, dass es dort kaum Kokain konsumiert wird, sagt Sörgel; der Stoff sei für die Menschen dort nur sehr schwer zugänglich und viel zu teuer. Die Analysedaten bestätigen seine These.

Vorreiter unter den Abwasserpharmakologen in Italien ist Roberto Fanelli aus dem Mario-Negri-Institut in Mailand. Er untersucht mit seinem Team regelmäßig Proben aus Kläranlagen des Landes auf der Suche nach Überresten aller gängigen Drogen. Sein besonderes Augenmerk liegt auf den Rauschmitteln der jüngeren Generationen - den Amphetaminen, vor allem auf dem Abbauprodukt von Ecstasy. Die ermittelten Konzentrationen in den italienischen Proben umfassen eine Spanne von einem millionstel Gramm pro Liter für Kokain und einem zehn milliardstel Gramm pro Liter für Amphetamine. Wird der Verdünnungseffekt durch die in die Klärbecken insgesamt zulaufenden Abwässer berücksichtigt, zeigt sich, dass in Italien erhebliche Mengen des Rauschgifts konsumiert werden.

Höhepunkt Freizeit

Aus einer Wasseruntersuchung aus dem Fluss Po, in den der Großteil des geklärten Abwassers Oberitaliens eingeleitet wird, errechneten die Forscher beispielsweise die Belastung mit Benzoylecgonin. Ergebnis: Der regionale Konsum lag zeitweise bei etwa vier Kilogramm Kokain pro Tag.

In den USA untersucht Jennifer Field seit geraumer Zeit die Abwässer in einigen Städten des Bundesstaates Oregon. Durch Langzeitmessungen deckte sie stark abweichende Verhaltensmuster der Bevölkerung bezüglich des Drogenkonsums im Wochenverlauf auf. "Es lässt sich genau beobachten, wann die Menschen am meisten Kokain schnupfen - meist liegt der Höhepunkt in der allgemeinen Freizeit" sagt die Forscherin. Typischerweise steigt ab Freitagnachmittag die Konzentration des Kokainabbauprodukts im Abwasser, in manchen Gemeinden sogar bereits donnerstags.

Die amerikanische Drogenkontrollbehörde ONDCP hat bereits Interesse an dem Messverfahren angemeldet. In einem Pilotprojekt in 24 Gemeinden in der Umgebung von Washington sollen regelmäßige Messungen zum Drogenkonsum durchgeführt werden. Auch in Deutschland belegen die ermittelten Werte im Wochenverlauf deutliche Unterschiede bezüglich des Drogenkonsums. "Kokain ist auch hierzulande definitiv eine Wochenenddroge", fasst der Pharmakologe Fritz Sörgel die Ergebnisse seiner Untersuchungen zusammen. Das IBMP überwachte mehrere Wochen lang täglich die Abwasserbelastung der Kläranlage in Nürnberg-Heroldsberg. Da die Kanalisation der Kleinstadt relativ flach verläuft, kam der Wochenendhöhepunkt etwas verzögert im Klärwerk an, war jedoch stets eindeutig zu identifizieren: Die Werte stiegen von 2,4 unterhalb der Woche von der Stadtbevölkerung im Tagesdurchschnitt konsumierten Lines auf täglich knapp 86 Lines am Wochenende an.

Der Nachweis von verstoffwechselten Drogen im Abwasser zeigt jedoch nicht nur das Konsumverhalten der Gesamtbevölkerung einer Region, er bietet sich darüber hinaus auch als probates Mittel an, um "Problemzonen" zu identifizieren. So könnten etwa Gefängnisse oder Stadtteile, in denen ein hoher Konsum vermutet wird, beobachtet und die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Verminderung des Drogenumschlags - beispielsweise Razzien - viel besser überprüft werden. Denn bisher ist es nahezu unmöglich festzustellen, ob eine Gegenmaßnahme tatsächlich den Drogenkonsum reduziert.

Zudem zeigen die Untersuchungen der Wissenschaftler den Nebeneffekt, dass Drogenkonsum auch ein erhebliches ökologisches Problem ist. Denn in den Kläranlagen lassen sich die Abbauprodukte von Koks und Co. mit den derzeit verfügbaren Verfahren noch nicht ausreichend herausfiltern. Schlimmer noch, es ist sogar das Gegenteil der Fall. Denn die Konzentration der gefährlichen Substanzen ist durch einen Anreicherungseffekt während des Klärprozesses im gereinigten Abwasser deutlich höher als beim Einfluss des Abwassers in die Kläranlage. Tonnenweise gelangen die Drogenabbauprodukte so über die Flüsse letztendlich ins Meer. Welche Auswirkungen das auf die Meeresfauna und -flora hat, ist bis heute noch nicht untersucht worden.