Wasser

Amazonas will längster Fluss der Erde werden

Bisher führte der Nil den Titel als längster Fluss der Welt. Doch nun macht der Amazonas ihm diesen streitig. Forscher haben noch einmal genau nachgemessen, machten sich in den Hochanden auf die Suche nach dem entferntesten Zufluss, nach dem weitesten Quell von der Mündung aus gerechnet.

Nur ein kleiner Trost war es stets für die Freunde des Amazonas, dass ihr Strom unumstritten als der wasserreichste auf dem Planeten galt. Das Maß für die Flüsse der Welt ist ihre Länge - als Verkehrsweg, als Verbindung von Kulturen und Ländern. Und da lehren seit Jahrzehnten schon alle Schulbücher: Die Nummer eins ist der Nil, vor dem Amazonas und dem Mississippi - jeweils einschließlich ihrer Quellflüsse, denn die zählen immer mit. Erst dieser Tage lesen wir auf dem Titel eines deutschen Geo-Magazins: "Der Nil, der längste Strom der Erde". So wie es selbstverständlich auch die Regierung in Kairo auf ihrer Website behauptet.

Doch nun kommt Bewegung in den Wettlauf der Flüsse. Forscher der amtlichen geografischen Institute aus Brasilien und Peru haben noch einmal genau nachgemessen, machten sich in den Hochanden auf die Suche nach dem entferntesten Zufluss, nach dem weitesten, auch noch so zarten Quell von der Mündung aus gerechnet - und siehe da: Nach ihren Berechnungen misst der südamerikanische Strom nunmehr 6800 Kilometer gegenüber den 6695 Kilometern des afrikanischen Konkurrenten.

Fluss verlängert sich selbst

Noch mal ein paar hundert Kilometer kämen hinzu, legte man im Delta den Weg südlich der Insel Marajo zugrunde, an der Stadt Belem vorbei - obwohl dies eine glatte Regelverletzung wäre, zählt doch die Insel hydrologisch schon zum südlicheren Stromgebiet des Tocantins. Obendrein aber lagert der mächtige Strom vor seinem Delta ständig Sand ab, verlängert sich mithin selbst, quasi endlos. Was natürlich für den Nil ebenso gilt, der schließlich auch sein Delta hat. Einen ganz eigenen Trumpf indes meinen manche für den Amazonas ausspielen zu können: Sein Süßwasser wird sogar noch an der Karibik-Insel Barbados nachgewiesen. Der Strom im Ozean? Man sieht: Die Debatte ist uferlos. Und verloren hat, wer sich allein an sein Zentimetermaß klammert.

Ein stattlicher Berg ist es, an dessen Hang nun, nach den neuen Vermessungen, die ersten Tropfen zusammenfinden, um sich ihren Weg zum Atlantik zu bahnen. Aus dem Schnee schmelzen sie heraus, der auf dem 5597 Meter hohen Nevado Mismi liegt, 160 Kilometer westlich des Titicacasees. Es sei sehr kalt gewesen bei der Quellensuche, erzählt Guido Gelli, Direktor des Brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik.

Viele Namen für einen Fluss

Viele Namen trägt der Wasserlauf zunächst, bis er sich erst weit später Amazonas nennen darf: Lloquera auf den ersten 19 Kilometern vom Nevado Mismi hinab, dann Callamayo, später Hornillos, anschließend Rio Apurimac, Rio Ene, Rio Tambo. Nach 1750 Kilometer, wo er unseren Rhein schon um 450 Kilometer übertroffen hat, geht es in den Rio Ucayali, der durch seine verschlungenen Mäander im Dschungel unendlich viele Kilometer Flusslänge schafft, ohne recht von der Stelle zu kommen; so viele, dass der Nil dann nicht mehr mithalten kann. Hier wird der entscheidende Vorsprung in der Flussstaffette herausgeholt. Bei Kilometer 2670, im Norden Perus geht es in den Marañon, der schon so breit ist, dass er in Atlanten nicht mehr als dunkler Strich gezeichnet ist, sondern als helles Gewässer mit ausufernden, variablen Gestaden, fast schon ein See.

Vorbei geht es an Iquitos. 3700 Kilometer ist es vom Meer entfernt, und dennoch kann man es getrost als den Atlantikhafen Perus bezeichnen, denn bis hierher fahren hochseegängige Schiffe. Die deutsche "Hanseatic" zum Beispiel. Bei Iquitos taucht zum ersten Mal der Name Amazonas auf - nur um an der Grenze zu Brasilien gleich wieder abzutauchen, für knapp 1000 Kilometer. Solimoes heißt hier das Gewässer. Erst bei der Urwaldmetropole Manaus schließlich, ungefähr am legendären Opernhaus - in dem "nach ungesicherten Erkenntnissen", wie es im Prospekt heißt, schon Caruso gesungen haben soll -, ab da bleibt der Tropfen von jenem Schneeberg Amazonaswasser. Bis zur Mündung, bis Flusskilometer 6800. Oder bis nach Barbados, wenn man so will, und dann weiter in den Golfstrom.

Amazonas als globales Ereignis

Paula Saldanha, Journalistin aus Rio de Janeiro und Teilnehmerin an der jüngsten Expedition zur Quellenforschung, versteht einfach nicht, warum dieser so schöne und vor allem lange Flusslauf weder in Peru noch in Brasilien als der offizielle Amazonas anerkannt wird: "Bis heute bezeichnen Bücher, Websites und Landkarten den Marañon mit seinem See Lauricochea im Quellgebiet als den Ursprung des Amazonas." Der Marañon holt weiter nach Westen aus.

Sein Anfang ist allerdings weit nördlicher als der Berg Nevado Mismi, so dass diese Strecke eben insgesamt nicht reicht für die Nummer eins in der Welt. Anders läge es beim Ursprung am Quell des Lloqueta: Von dort aus ergeben sich sowohl die meisten Flusskilometer als auch die größte Entfernung zum Mündungsdelta in der Luftlinie - beide alternativen Kriterien für den wahren Ursprung eines Fließgewässers wären also erfüllt. "Wir Brasilianer wissen schon immer, dass der Amazonas ein globales Ereignis ist", sagt Saldanha, "ich habe nie akzeptiert, dass der Amazonas die Nummer zwei wäre."

Bürokratische Trägheit

Dabei ist der Lauf, den jetzt das gemeinsame Team aus Brasilien und Peru unter die Lupe nahm, ja nicht unbekannt. Eine Expedition des Smithsonian Institute ebenso wie der National Geographic Society, beide aus Washington, haben längst auf den Längengewinn durch die südlichere Quelle aufmerksam gemacht. Saldanha bezweifelt, dass die Weigerung, dies anzuerkennen, damit zusammenhinge, dass die Brasilianer sich ihre geografischen Angelegenheiten nicht aus dem Norden vorgeben lassen wollen. "Es war und ist einfach bürokratische Trägheit", sagt sie. "Zu Zeiten der US-Expeditionen durch das Quellgebiet in Peru regierten bei uns die Militärs, und die hatten für sowas nichts übrig."

Das soll nun anders werden. Vergangene Woche, als die Resultate der neuen Vermessungen in Rio bei einem wissenschaftlichen Symposium bekannt gegeben wurden, erklärte Gelli vom zuständigen Institut für Geografie und Statistik, man wolle nunmehr die neuen Daten zur offiziellen Lesart machen. Fehlt nur noch die internationale Anerkennung, vor allem aus Ägypten, aus der Hauptstadt am Nil.

Verlauf eins durch Afrika und Amerika

Dabei war der Amazonas sogar mal ein Fluss, der durch Afrika und Amerika verlief, als beides einst im Superkontinent Gondwana vereint war. Da floss der Strom in gegenläufiger Richtung, von Ost nach West - in den Pazifik. Was Wirkung hat bis in unsere Zeit.

Alexander von Humboldt, als er in Iquitos weilte, wunderte sich nicht schlecht, als er auf dem Markt dort Haie, Rochen und Sardinen angeboten bekam - allesamt Fische, die einst im Stillen Ozean schwammen, sich bei der langsamen Umkehrung der Topographie an das Süßwasser gewöhnten, und seither im Fluss leben. Auch die berühmten Amazonasdelfine gehören eigentlich in den Pazifik. Und dies ist nur eine der vielen Besonderheiten des nunmehr längsten Flusses der Welt.

So war es ebenfalls Humboldt vorbehalten, die "Bifurkation" zwischen dem Amazonas und dem fünftgrößten Fluss Lateinamerikas zu entdecken: Der Oberlauf des Orinoko nämlich, aus dem Bergland von Guyana stammend, speist durch einen natürlichen Kanal, den Rio Casiquiare, auch den Amazonas, obwohl die Mündungen beider Flüsse 1500 Küstenkilometer voneinander entfernt sind. Auch der Quell des Orinoko also sorgt dafür, dass der Amazonas ein sechzigmal größeres Wasservolumen aufweist als der Nil, neben all den 1100 größeren Nebenflüssen.

Fluss wächst ein Meter pro Jahr

Auch im Zeitalter von GPS und Satellitenfotografie war es übrigens nicht möglich, Länge und Verlauf des Flusses allein am Kartentisch zu bestimmen, sagt Paula Saldanha. Die Auflösung der Bilder geht über 14 Meter nicht hinaus, die Flüsse ganz oben aber sind bisweilen nur ein Meter breit. "Und in der Trockenzeit verschwinden sie ganz".

Ach so?

Heißt dies etwa, dass in der Trockenzeit der Nil dann doch wieder der längste Fluss der Welt ist? "Nein, nein", beschwichtigt Saldanha, "aber dafür brauchen wir dann jeden Meter, auch an der Mündung". Man dürfe um Gottes Willen nicht, wie bisher üblich, bei Macapa am Eingang zum Flussdelta aufhören zu messen, sondern am Ende, am Meer eben. Langfristig sei das aber kein Problem. Denn der Fluss wächst zum Delta hinaus, durch die Sandfrachten. Ein Meter pro Jahr. "Schneller als der Nil." Natürlich.