Natur

Bienen werden zur Landflucht gezwungen

Immer mehr Bienen sterben. Viele Arten stehen sogar auf der Roten Liste. Grund für die Veränderungen sind die Monokulturen und der Blütenschwund am Wegesrand. Auf die fetten Frühjahrswochen im Rapsfeld folgt nun die Hungersnot. Der starke Nahrungsmangel führte sogar zur Landflucht der emsigen Tiere.

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Emsig sind sie und schlau. Bienen wissen immer, in welcher Blüte es etwas zu holen gibt. Der Duft verrät ihnen, wo der Nektar steckt. Pflanzen wenden viel Energie für diesen Lockruf auf. Denn die Bienen sind einer ihrer wichtigsten Bestäuber, so wichtig, dass Pflanzen sie mit Nektar belohnen. Ohne die Bestäuber trügen die Apfelbäume keine Früchte, gäbe es kein Öl und keinen Wein. Unvorstellbar, wie Jürgen Tautz, Leiter der BeeGroup der Universität Würzburg, ausmalt: "Viele Pflanzen würden über kurz oder lang das Blühen einstellen. Der gesamte Planet würde sein Aussehen verändern."

Noch fliegen die Bienen. Allerdings gehe es ihnen zunehmend schlechter, warnt Tautz. Im vergangenen Jahr ist die Population der Bienenvölker bei den deutschen Imkern teilweise um 30 Prozent eingebrochen. Auch die Zahl der Wildbienen schrumpft seit Jahren. Von 550 Wildbienenarten stehen heute 330 auf der Roten Liste.

Den Schwund an Bestäubern bekommen Gärtner und Bauern zu spüren. Ihre Obstbäume werden im schlimmsten Fall nicht mehr bestäubt. "Landwirte müssen sich dann Bestäubungen kaufen", sagt Peter Rosenkranz, Bienenforscher an der Universität Stuttgart. Imker werden geordert, damit sie ihre Bienen im Acker ausschwärmen lassen. "Das hat es bisher hierzulande nicht in dem Ausmaß gegeben."

Ohne menschliche Hilfe haben es die Bienen schwer. Das habe mehrere Gründe, sagt Rosenholz. In seinen Augen sind es in erster Linie Monokulturen, die den Insekten den Lebensraum entziehen. Nach fetten Frühjahrswochen im Rapsfeld droht ihnen eine Hungersnot, wenn Waldränder, Hecken und Wiesen fehlen. "Wenn man sich landwirtschaftliche Regionen in Niedersachsen oder Gebieten Ostdeutschlands auf der Satellitenkarte anschaut, dann ist klar, dass da für die Bienen nichts zu holen ist."

Der Nahrungsmangel auf dem Land hat sogar zu einer Landflucht der Bienen geführt. Es sei heute leichter, Honigbienen in Großstädten wie in Berlin und Stuttgart zu halten als in landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen, betont der Stuttgarter Forscher. In der Stadt braucht die Biene nur ein paar Meter von Balkon zu Balkon, von Grünstreifen zu Straßenhecke zu schwirren.

In landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegenden muss sie dagegen einen Langstreckenflug zur nächsten Blüte hinlegen. Die rote Mauerbiene bevorzugt deshalb Siedlungen, um den Gärten und Terrassen einen Besuch abzustatten. Stefan Dötterl, Blütenökologe der Universität Bayreuth, nennt sie "Haustierchen der Balkone".

Der Blütenschwund am Wegesrand bedroht die Wildbienen weitaus stärker als die Honigbienen, deren Zahl auch stark von der Zahl der Imker abhängt. Wildbienen sind dagegen vollkommen auf sich allein gestellt und noch dazu oft extreme Spezialisten. "30 Prozent der Arten sammeln nur an ganz wenigen Pflanzen", sagt Dötterl. Zum Beispiel labt sich die Mohnmauerbiene fast ausschließlich am Nektar von Mohnblumen. Sie nistet in kleinen Erdhöhlen, die sie mit den roten Blütenblättern auskleidet. Die exotische Bienenart ist inzwischen stark gefährdet.

Ähnlich bedroht ist die Biene, die nur am blau blühenden Natternkopf sammelt. "Die Spezialisierung hat für die Bienen den Vorteil, dass sie sich nicht Dutzende von Blütendüften, -farben und -formen merken müssen. Damit können sie prinzipiell in kurzer Zeit mehr sammeln", erläutert Dötterl. Doch die Spezialisierung gerät in einer sich rasch verändernden Umwelt zum Handicap. Sobald der Nahrungsquell verschwindet, verhungert die Biene.

Neben der schrumpfenden Blütenvielfalt können den Bestäubern auch Insektengifte zum Verhängnis werden. Jüngst kam es zu einem massiven Bienensterben in Baden-Württemberg. Bei mehr als 1700 Bienenvölkern meldeten die Imker tote Tiere. Schuld ist die intensive Saatgutbeize mit Clothianidin an Maiskörnern. Bei der Aussaat wurde der Wirkstoff vom Samen abgerieben und mit dem Wind verfrachtet. Dazu trugen insbesondere spezielle Sämaschinen bei, die die Körner mit Luftdruck in den Boden schießen. Dadurch wurde das Insektengift von der Saat stärker als sonst abgetragen.

Auch moderne Pflanzenschutzmittel verschonen Bienen nicht. Die meisten Mittel wirken auf das Nervensystem aller Insekten - auch auf das der Bienen. "Das ist seit Jahrzehnten so. Es gibt nur ganz, ganz wenige Mittel, die als bienenungefährlich eingestuft sind", sagt Rosenholz. Pestizide und Nahrungsengpässe können die Bienen schwächen - Krankheitserreger haben dann ein leichtes Spiel. Varroa-Milben und Nosema-Pilze sind die bekannten Gefahren.

Neuerdings mehren sich Hinweise, dass es die Pflanzenwelt den Insekten zusätzlich schwer macht. Stefan Dötterl beobachtete bei der weißen Lichtnelke, dass deren Duftproduktion bei Trockenheit um den Faktor zehn einbricht. Dürre und extreme Wetterschwankungen könnten den Lockruf der Blüten schwächer werden lassen als üblich. Eine hohe Luftverschmutzung verhindert außerdem, dass die Duftstoffe der Blumen weit fliegen, wie Wissenschaftler der Universität Virginia beobachteten. Statt zwei Kilometern wird der Duft nur 300 Meter weit getragen. Das könnte die Kommunikation zwischen Insekten und Pflanzen stören. Es lässt sich allerdings noch nicht abschließend beurteilen, welche Bedeutung dieser Effekt hat. Rosenholz wendet ein: "Bienen sind sehr anpassungsfähig. Sie können auch lernen, sich auf wenig Duft einzustellen."