Notfallmedizin

Unterkühlung kann bei Herztod Wunder bewirken

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Foto: picture-alliance / Helga Lade Fo / pa

Eine methodische Abkühlung des Körpers auf bis zu 32 Grad Celsius verbessert die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand erheblich. Darauf deuten Unglücksfälle, bei denen Menschen aus eiskalten Gewässern oder Lawinen gerettet werden konnten. Intensivmediziner kritisieren, dass die Maßnahme so selten angewendet wird.

Jedes Jahr könnten in Deutschland bis zu 7.000 Menschenleben gerettet werden, wenn Patienten nach einem Herzstillstand gezielt unterkühlt würden. „Es ist nicht zu akzeptieren, dass die therapeutische Hypothermie nicht öfter angewendet wird“, erklärt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln.


Die Abkühlung des Körpers auf 32 bis 34 Grad Celsius verbessert nach seinen Worten die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand deutlich. Böttiger verweist auf Zeitungsberichte über Menschen, die aus eiskalten Gewässern oder Lawinen gerettet werden konnten: „Solche Fälle verdeutlichen eindrucksvoll, dass Kälte lebensrettend sein kann.“ Sie senke den Sauerstoffbedarf des Gehirns und verzögere damit auch das Absterben von Nervenzellen.


Entscheidend ist nach seinen Angaben aber, dass die Kälte beim therapeutischen Einsatz als milde Kühlung eingesetzt wird. Auf eine zu starke Abkühlung reagiert der Körper nämlich negativ: Sinkt die Körpertemperatur auf unter 32 Grad Celsius, sind Herzrhythmusstörungen die Folge. Fällt die Körpertemperatur gar unter 28 Grad Celsius, kommt es zum Herzstillstand.


„Einem von sechs Menschen können wir durch die Kühlung das Leben retten“, berichtet der Kölner Arzt. Damit bietet die therapeutische Hypothermie nach seinen Angaben außerordentlich gute Erfolgsaussichten. Dass es sich um ein durchaus ernstzunehmendes Problem handelt, veranschaulicht er anhand von Zahlen: In der Europäischen Union sterben Jahr für Jahr etwa 400.000 Menschen nach einem Herz-Kreislaufstillstand.


Allein in Deutschland sind jährlich rund 80.000 bis 100.000 Menschen betroffen. Die Patienten sind im Durchschnitt 65 Jahre alt und zu 70 Prozent männlich. „Fast alle werden übrigens wiederbelebt, aber nur 8.000 bis 10.000 überleben langfristig. Das ist so, als ob jeden Tag zwei voll besetzte Jumbo-Jets abstürzen und es gibt keine Überlebenden“, erklärt Böttiger.


Auch wenn der Mediziner von einem Fall berichten kann, in dem ein Mann in einem Supermarkt mit Eis aus der Tiefkühltruhe gerettet werden konnte, sollte die Umsetzung der therapeutischen Hypothermie nur auf der Intensivstation und unter ständiger Kontrolle erfolgen. Dafür stehen den Medizinern verschiedene Kühlverfahren zur Verfügung: Neben Eispackungen oder mit Kühlmitteln gefüllten Kopfhauben kommen auch Infusionen mit kalten Flüssigkeiten oder spezielle Kühlkatheter zum Einsatz.


Böttiger kritisiert, dass die therapeutische Hypothermie nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand - obwohl in internationalen Leitlinien empfohlen - laut einer Umfrage in den Jahren 2006/2007 nur in gut 20 Prozent aller deutschen Intensivstationen eingesetzt werde. Dabei gingen Mediziner davon aus, dass die Hypothermie nicht nur bei Herz-Kreislauf-Stillstand, sondern eventuell auch bei Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall eingesetzt werden könne.