Umwelt

Wie Sturmfluten besser kontrolliert werden können

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Eckart Granitza

Foto: dpa

Die nächste Sturmflut wird kommen, da sind sich alle Experten einig. Denn Klimawandel, Meeresanstieg und die damit verbundenen Wetterkapriolen nehmen stetig zu. Uneins sind sich Politiker und Wissenschaftler allerdings in den Maßnahmen, die zum Schutz des Hinterlandes getroffen werden sollten.

Viele Politiker und Mitarbeiter der Landesämter für Hochwasserschutz in Niedersachsen und Hamburg setzen im Kampf gegen die Sturmflut auf das Nächstliegende: die Erhöhung der Deiche.

Doch andere Hochwasserexperten sprechen sich eher dafür aus, die bestehenden Deiche „nur“ zu stabilisieren und im Hinterland weitere niedrigere Deiche in mehreren Linien hintereinander zu schalten. Der Grund: Die eigentlich verheerenden Folgen einer Überschwemmung passieren bei sogenannten Katastrophensturmfluten. Das sind jene Fluten, die zum Versagen der ersten Deichlinie führen. Wie 1962, damals starben allein in Hamburg 350 Menschen. Eine solche sich wiederholende Katastrophe könnte nach Expertenmeinung allein in Hamburg einen Schaden von über zehn Milliarden Euro anrichten.

Hochwasserexperten um Professor Eric Paschen von der TU Hamburg-Harburg sind übereinstimmend mit den Wissenschaftlern der Universität Braunschweig und der Hochwasserzentrale Köln der Meinung, dass ihre Ansätze zum Hochwasserschutz weit kostengünstiger sind als die schlichte Erhöhung der Deiche. Außerdem seien sie besser geeignet, die eigentliche Gefahr, die von Katastrophensturmfluten, zu vermeiden.

Das Problem ist, dies den Menschen zu erläutern, die in den vom Hochwasser gefährdeten Gebieten wohnen. Denn sie müssen mit der Möglichkeit einer Überschwemmung leben. Vor diesen könnten sie sich aber leicht schützen, indem sie in ebenerdig liegende Gebäudeöffnungen, wie Türen und Fenster, extra dafür konzipierte aufblasbare Schutzkissen einbauen, die absolut wasserdicht und schnell aufgeblasen sind.

TU Hamburg-Harburg, Institut für Wasserbau: Es kracht und spritzt, wenn massige Baumstämme und anderes Treibgut im Versuchsbecken an die aufgeblasenen Kunststoffkissen gespült werden. Mit diesem Experiment versucht das Team um Professor Pasche die bestmöglichsten mobilen Hochwasserschutzwände für eine Abdichtung der Lücken in Schutzwällen und Deichen herauszufinden. Denn in vielen Regionen an der Küste gibt es noch alte Deiche, die durch solche Schutzwände ergänzt und abgedichtet werden könnten. Ohne großen Aufwand an Arbeit und Geld könnten sie wieder als Schutzwälle fungieren.

Unter allen möglichen Materialien wie Holz, Beton oder Plastik haben sich aufklappbare Wände aus Kunststoff und Leichtmetall als ideale Lösung erwiesen. Wegen ihrer Leichtigkeit und einfachen Handhabung können sie im Fall einer Sturmflut sehr schnell aufgebaut werden. Zudem sind sie standsicher und haben selbst bei Extremsituationen, wie im Becken der Wasserbauer, sehr gute Abdichtungswerte. „Die müssen dann aber vor Ort auch bereitstehen und in ein gut funktionierendes Katastrophenwarnsystem eingegliedert werden“, sagt Pasche. „Der Aufbau von Sandsackwällen dauert viel zu lange, und außerdem sind sie oft nicht dicht genug.“

Pasche verweist auf Straßendämme auf der Elbinsel Wilhelmsburg, bei denen es sich um Altdeiche, sogenannte schlafende Deiche, handelt. Sie stehen noch immer in dieser von Überschwemmungen gebeutelten Landschaft: „Man muss sie nur an den unterbrochenen Stellen mit den von uns getesteten, mobilen Wandsystemen abdichten“, erläutert er. Die inneren Deiche sind bei Höhen von unter zwei Meter ohnehin gut in die Landschaft integrierbar. Aber auch Wälle und Mauern entlang von Straßen und Wegen können für die Kammerbildung genutzt werden. Im Katastrophenfall könnte man schnell mobile Wandsysteme aufstellen.

Im Versagensfall der Hauptdeichlinie kann so ein System aus „kaskadierenden Deichkammern“ ein Ausbreiten der Flutwelle ins Hinterland verhindern. Je mehr hintereinander geschaltete Flutkammern, desto höher die Sicherheit gegenüber einer Überflutung der außerhalb der Flutkammern liegenden Stadtgebiete. Diese mehrfachen Verteidigungslinien reichen zwischen einigen Zehnermetern bis gut 100 Meter ins Binnenland.

Unterstützung erhält Pasche von seinem Kollegen von der Hochwasserzentrale Köln, Reinhard Vogt. „Zum Ersten gibt es kein Hochwasserbauwerk, das absolut sicher ist, und zum Zweiten kann man die Deiche ja nicht ins Unermessliche erhöhen“, sagt Vogt. „Zumal die Datenlage, auf der die Fluss- und Meeresspiegelanstiege prognostiziert werden, noch lange nicht so eindeutig ist, als dass man den genauen Meeresspiegelanstieg errechen kann. Somit kann man keine Abschätzung des zu erwartenden Sturmflutscheitels abgeben.“

Auch die Hochwasserexperten der TU Braunschweig sind der Meinung, dass die vorhandenen Deiche eher verstärkt als erhöht werden sollten. „Man muss erst einmal die existierenden Deiche widerstandsfähiger machen“, meint Professor Hocine Oumeraci von der TU Braunschweig.

Zurzeit testet Oumeraci im großen Wellenkanal in Hannover den von der Universität Hamburg-Harburg zusammen mit der BASF entwickelten Verbundstoff aus Polyurethan und Schotter. Dieses Material ist im Gegensatz zu normalen Deichen sehr offenporig und elastisch. Dadurch reagiert es ganz anders, als wenn Steine mit Beton zu einer Deckschicht vergossen werden und die Wellenenergie einfach reflektieren.

Das offenporige Deckwerk lässt hingegen immer etwas Wasser durch, und es kann sich beim Aufprall der Brandung leicht verformen. Den Wellen wird so flexibel ihre Energie genommen, mit der sie sonst die Deiche langfristig zerstören. „Außerdem werden die Deiche meistens durch eine rückseitige Erosion langsam mürbe gemacht“, erklärt Pasche. „Denn wenn das Wasser erst mal über die Deichkrone geschwappt ist, höhlt es die Deiche von hinten aus. Das kann mit dem neuen Material nicht passieren, da das Kleber-Gestein-Gemisch wesentlich standfester ist, als die normalen Deiche, die auf ihrer Hinterseite oft sehr erosionsanfällig sind.“

Einige Uferbefestigungen aus dem neuen Material gibt es bereits, etwa auf der Westseite Sylts am „Ellenbogen“ bei List. „Hier in der Brandungszone der offenen Küste hält das Deckwerk schon mehrere Jahre den hohen dynamischen Belastungen aus Wellenschlag, Salzwasser und Frosteinwirkung stand“, sagt Pasche, der regelmäßig Messungen an dem neuartigen Deichen durchführt.

Zusätzlich zu den technischen Maßnahmen hält es der Hamburger Hochwasserexperte aber für sehr wichtig, dass auch die Bürger, die in gefährdeten Gebieten wohnen, ein fundiertes Hintergrundwissen erhalten. Dafür haben die Hamburger Wissenschaftler eine Simulationskammer eingerichtet, die wie ein aufgeschnittenes Wohnzimmer aussieht. Besucher setzen sich in diese Kammer, und das Wohnzimmer wird mit ähnlichen Geschwindigkeiten wie bei einem richtigen Hochwasser mit Wasser geflutet.

So soll der Bürger erkennen, welcher Bedrohung er ausgesetzt ist und was alles in seinem Haus zu Schaden kommen kann. Anhand von Videoanimationen werden ihm die wichtigsten Dinge vermittelt, die man zum Schutze seines Hauses gegen eine Hochwasserkatastrophe unternehmen kann, wenn es denn doch einmal zu einer Überflutung kommt, und was dabei unbedingt beachtet werden sollte.

Dazu gehören neben dem Abstellen von Strom und Gas auch das Packen einer Tasche mit den wichtigsten Dokumenten, Wertsachen und einem Mobiltelefon mit allen Notfallnummern. Außerdem das Einstellen eines batteriebetriebenen Radios, um immer über die neuesten Katastrophenmeldungen informiert zu sein.

„Diese eigentlich selbstverständlichen Dinge können wir hier einem in hochwassergefährdeten Regionen lebenden Publikum eindringlich klarmachen, so dass es im Ernstfall nicht in Panik gerät“, meint der von dem pädagogischen Effekt dieser Maßnahme überzeugte Pasche.