Pharmazie

Der Tod kommt immer öfter auf Rezept

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Elke Bodderas

Foto: nid/dvb / DDP

Jedes Jahr sterben Tausende Patienten durch Arzneien. Die Zahl der Todesfälle hat sich seit 1996 mehr als verdoppelt, und dabei ist die Dunkelziffer enorm. So vergreifen sich Ärzte bei älteren Patienten schon mal in der Dosis.

Zu den Risiken und Nebenwirkungen gehörten Herzinfarkte, Schlaganfälle, Tod. Mehr als 7000 Patienten sind allein in Deutschland zwischen 2001 und 2004 nach der Einnahme des Schmerzmittels Vioxx erkrankt oder gestorben, bis der Hersteller das Mittel vor drei Jahren freiwillig vom Markt nahm. In diesen Tagen laufen in Großbritannien und Deutschland die Klagen an.

Der Fall Vioxx ist sicherlich ein schwerer - aber längst kein Einzelfall. Dass die Arzneien teils gravierende Nebenwirkungen nach sich ziehen, können die Hersteller bis heute nur unzureichend verhindern. Im Gegenteil: Einer jüngsten Auswertung des britischen National Health Service (NHS) zufolge haben die Komplikationen in den letzten zehn Jahren sogar stark zugenommen. Ihren Bericht stellten die Experten gestern auf der internationalen Konferenz für Arzneimittelsicherheit in Bournemouth vor. Demnach hat sich die Zahl der Arzneimittel-Zwischenfälle seit 1996 verdoppelt, die Zahl der Todesfälle sogar fast verdreifacht. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: Nur einer von zehn Todesfällen werde vermutlich vom behandelnden Arzt vorschriftsmäßig gemeldet, vermuten die NHS-Mediziner.

Es gibt verschiedene Gründe, warum in den letzten zehn Jahren immer mehr und immer schwerere Nebenwirkungen gemeldet werden. Zum einen werden mehr Arzneien verschrieben. Der schlichten Gleichung - viele Pillen machen viele Nebenwirkungen - ist etwa ein Viertel des statistischen Plus an krank machenden Wirkungen von Pillen geschuldet. Die Liste der meistverschriebenen Arzneien in den USA, Großbritannien und Deutschland führen Schmerzmittel und Psychopharmaka an - entsprechend tauchen sie auch als Verursacher schwerer Nebenwirkungen am häufigsten auf.

Dazu kommen neue, teils hochwirksame Substanzen, die gleichzeitig mit schweren Nebenwirkungen von sich reden machen, darunter vor allem Schmerzmittel und Immunsuppressiva. Aber das Leiden auf Rezept ließe sich oft auch verhindern, würden die Ärzte behutsamer und vorsichtiger verschreiben. "Unsere Ärzte müssen in einer gewissenhaften Verschreibepraxis geschult und trainiert werden - das wurde in den letzten 15 Jahren vernachlässigt", hieß es auf dem Kongress. "Die Ärzte müssen ihre Mittel verantwortungsbewusster verschreiben und besser aufklären", sagte Professor Saad Shakir, Direktor der Abteilung für Arzeimittelsicherheit der Universität Southampton, dem "Independent".

Für Deutschland sind derzeit keine exakten Angaben verfügbar. "Es gibt keine Erhebungen dazu, aber die Zahlen aus Großbritannien und den USA sind übertragbar", heißt es bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. So schätzt der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen, dass hierzulande jedes Jahr 80 000 Patienten wegen schwerer Arzneimittel-Nebenwirkungen in die Klinik eingeliefert werden, fast jeder zweite Fall wäre vermeidbar. Bis zu 1400 Todesfälle zählt das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, Tendenz ebenfalls stark steigend.

Vor allem bei alten Menschen vergreifen sich Mediziner in Deutschland offenbar häufiger in der Dosis: "Im Alter werden oft zu hohe Dosen eingesetzt, ohne dass die bei vielen Patienten reduzierte Nierenfunktion berücksichtigt wird", sagt Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.