Gesundheit

Warum Medikamente immer öfter krank machen

Beim Einnehmen von Medikamenten kann man eine Menge falsch machen – auch wenn man sich sicher glaubt. Zu den einen Tabletten darf man keinen Alkohol nehmen, die anderen steigern die Lichtempfindlichkeit, und ein paar Medikamente vertragen sich mit anderen nicht. So kommt es immer öfter zu riesigen Problemen.

Foto: cba / DDP

Viele Patienten machen dramatische Fehler bei der Einnahme ihrer Medikamente. Das führt in drastisch steigendem Maß zu Todesfällen. Vor allem der gleichzeitige Konsum von Drogen oder Alkohol mit Arzneimitteln ist eine fatale Gefahr. Auch die zunehmende Zahl an frei verkäuflichen Medikamenten ohne ärztliche Verschreibung erhöhe das Risiko. Dazu kommt die Tatsache, dass immer mehr Menschen mehrere verschiedene Medikamente einnehmen (müssen).

Das ist das Fazit von US-Soziologen, die zwischen 1983 und 2004 nahezu 50 Millionen Totenscheine ausgewertet hatten. Davon seien rund 200 000 Todesfälle auf Arzneimitteleinnahmefehler zurückzuführen - immerhin vier Promille an vermeidbaren tödlichen Fehlern, schreiben die Forscher um David P. Phillips von der Universität von Kalifornien in San Diego in den "Archives of Internal Medicine".

Im Untersuchungszeitraum sei die Zahl der Todesfälle durch Arzneineben- oder -wechselwirkungen um insgesamt 361 Prozent angestiegen, die durch Alkohol und Drogen dagegen "nur" um 41 Prozent, die durch rein arzneimittelbedingte Nebenwirkungen ohne Alkohol- und Drogeneinfluss um 33 Prozent.

Phillips und sein Team sehen ein grundsätzliches Problem, das an Brisanz gewonnen hat: Die Zahl der Patienten, die ihre Arzneien zu Hause ohne Kontrolle durch einen Arzt einnehmen, ist stark gestiegen. Dieser weiß nicht mehr in allen Fällen, welche weiteren Medikamente der Patient einnimmt - und noch seltener, ob der Kranke auch Alkohol oder Drogen konsumiert.

"In steigendem Maß nehmen die Patienten ihre Medikamente zu Hause ein. Aber die meisten Studien zu tödlichen Arzneifolgen waren auf das Krankenhausumfeld konzentriert", sagt Phillips. Sein Team habe deshalb klären wollen, wie viele der tödlichen Fehler zu Hause geschehen, wann Alkohol oder Drogen im Spiel waren und wie sich die Zahlen verändert haben.

Ergebnis: Sie haben sich teilweise dramatisch verändert. Beim "Typ-1-Fehler" (Arzneieinnahme zu Hause und Wechselwirkung mit Alkohol und/oder Drogen) sind die tödlichen Wechselwirkungen im beobachteten Zeitraum auf das 33-Fache gesprungen. Wurden die Präparate zu Hause genommen, aber ohne den Einfluss von Alkohol und Drogen, stieg die Zahl der tödlichen Fehler auf das 6,6-Fache. Etwa gleich groß war die Zunahme, wenn die Medikamente in einer Klinik oder Praxis verabreicht wurden und Alkohol und Drogen mit im Spiel waren. Nur um fünf Prozent stieg die Zahl der tödlichen Nebenwirkungen, wenn die Arznei in einer Klinik oder Praxis verabreicht wurde, aber nicht mit Alkohol oder Drogen eingenommen wurde.

"Die Kombination von Medikamenten mit Alkohol oder Drogen ist ein zunehmendes Gesundheitsproblem", sagt Phillips und fordert, dass die politischen und klinischen Randbedingungen dies berücksichtigen müssten. Auch sei mehr Forschung über Nebenwirkungen vonnöten: "Viel von dieser Forschung hat sich auf ältere Menschen und das klinische Umfeld konzentriert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich mehr Forschung den mittleren Jahrgängen und der häuslichen Medikation widmen muss."

Die Forscher nennen das Bestellen von Medikamenten über das Internet nicht explizit. Aber andere Experten befürchten, dass dies die Patienten zusätzlich gefährden könnte - sei es durch rezeptfreie, aber ebenfalls nebenwirkungsbehaftete Mittel, sei es durch rezeptpflichtige, die illegal ohne Rezept bestellt werden. Doch könnte der Tod durch Medikamente auch der hohe Preis der Freiheit sein, denn manch mündiger Patient entscheidet oft ohne Rücksprache mit dem Arzt, was er nimmt und was nicht.