Ist ein Krimineller wirklich geläutert und darf seine Haft frühzeitig auf Bewährung verlassen? Eine Frage, vor der Gerichte täglich stehen. Offenbar haben es psychisch kranke Kriminelle leichter als gesunde Straffällige, das Gefängnis wieder zu verlassen, zumindest in Kanada. Das schreiben Wissenschaftler der Dalhousie-Universität im kanadischen Halifax in der Zeitschrift „Legal and Criminological Psychology“.
Sie haben den Lebensweg von über 300 Männern, die zwischen 1995 und 1997 wegen gewalttätiger und nicht gewalttätiger Verbrechen im Gefängnis waren, untersucht. 90 Gefangene waren bei Haftantritt als Psychopathen eingestuft worden.
Die Wissenschaftler konnten in ihrer Studie zeigen, dass die Psychopathen eine mehr als doppelt so hohe Chance hatten, vorzeitig auf Bewährung freigelassen zu werden. Für Kriminelle, die nicht als psychisch krank eingestuft worden waren, ist eine Haftmilderung offenbar wesentlich schwerer zu erreichen. In den meisten Fällen wurden frühzeitig freigelassene Psychopathen allerdings eher rückfällig als gesunde Ex-Sträflinge.
Eigentlich legen die Ergebnisse dieser Studie nahe, Psychopathen erst gar nicht vorzeitig freizulassen. Die bisherige Praxis zeigt aber, dass ihre Gesuche auf Haftminderung wesentlich häufiger positiv entschieden werden.
In Kanada ist es seit mehr als zehn Jahren üblich, mindestens einen Psychologen in den Bewährungsausschuss zu rufen. Auch Psychotherapeuten, Kriminologen und Juristen sitzen in der Regel im Bewährungsausschuss. Doch die Psychopathen sind offenbar geschickt genug, um alle diese Personen hinter das Licht zu führen.
Wie die Forscher schreiben, sind auch Psychologen offensichtlich nicht in der Lage, den psychischen Zustand eines kriminellen Psychopathen richtig einzuschätzen. Die Kriminellen spielten vor dem Bewährungsausschuss regelmäßig eine sehr überzeugende Rolle, weinten Krokodilstränen, kontrollierten ihre Körpersprache. Damit, so die Wissenschaftler, könnten sie leicht einen Oscar-Preis gewinnen.
Die Forscher fordern nun, dass die Teilnehmer von Bewährungsausschüssen wesentlich besser trainiert werden. Außerdem müssen wir genauer erforschen, ob die Psychopathie überhaupt heilbar ist.
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