Gesundheit

Der richtige Start ins Leben

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Lajos Schöne

Foto: EMPICS

Die Ernährung eines Babys prägt sein Leben. Den besten Start ins Leben hat es mit der Muttermilch. Sie versorgt den Nachwuchs mit Abwehrzellen. Wenn die Mutter bereits während der Schwangerschaft auf die richtige Versorgung achtet, sinkt auch das Krebs- und Diabetesrisiko.

Schwangere, die Vanille-Eis oder Zaziki mit reichlich Knoblauch lieben, können davon ausgehen, dass ihr Kind später ebenfalls Stammgast in einer Eisdiele oder beim Griechen wird: Geschmack und Duft der mütterlichen Lieblingsspeisen kennen Babys schon aus dem Fruchtwasser. Auch nach der Geburt erkennen die Kinder sie wieder – und mögen sie meist.

Komplizierter als das Programmieren auf Knoblauch oder Vanille verläuft die Reifung der Abwehrkräfte des kindlichen Organismus gegen schädliche Keime und entzündliche Krankheiten. Die entscheidende Rolle fällt dabei aber ebenfalls der Ernährung im Mutterleib und in der frühen Kindheit zu, unterstreicht der Münchner Stoffwechsel-Experte Professor Berthold Koletzko: Ihre positiven oder auch negativen Folgen können sich noch viele Jahre später bemerkbar machen.

Wertvolle Muttermilch

„Die Ernährung in den kritischen Entwicklungsphasen der Gewebe und Organe vor und nach der Geburt hat einen enormen Einfluss auf die Prägung des Immunsystems“, sagt der Kinder- und Jugendarzt aus dem Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Durch die Interaktion mit der Nahrung gewöhnt sich das Kind an die Antigene, die sein Immunsystem zu tolerieren hat.

Es wird mit Nährstoffen und anderen Faktoren versorgt, die zur Reifung der Abwehrkräfte nötig sind. Zudem wird es mit Substanzen ausgestattet, die zum Aufbau einer gesunden und widerstandsfähigen Darmflora benötigt werden.“

„Obwohl die heute angebotenen Babynahrungen eine früher kaum vorstellbare Qualität haben und eine problemlose Versorgung aller Babys ermöglichen, ist der Wert der Muttermilch bis heute unerreicht geblieben“, sagt Koletzko. Sie enthält eine Reihe von Abwehrstoffen, die miteinander zusammenwirken und Infektionen und Entzündungen verhindern können.

So ist das Risiko eines voll- oder teilgestillten Babys, an akuten Magen-Darm-Infekten zu erkranken, nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in westlichen Industrienationen etwa vier- bis fünfmal geringer als von Kindern, die ausschließlich Flaschennahrung bekommen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das sogenannte sekretorische Immunglobulin A, ein Antikörper, der den Magen-Darm-Trakt wie ein Schutzanstrich auskleidet und dabei Fremdantigene und Bakterien bindet. Es gibt aber noch weitere immunologisch aktive Substanzen, die für starke antiinfektiöse und antiinflammatorische Effekte sorgen: So das wichtige Enzym Muttermilchlipase, Immunglobuline der Gruppen G, M und D, Fibronektin, langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren sowie Oligo- und Polysaccharide.

Die Muttermilch versorgt das Kind auch mit wichtigen Abwehrzellen: Sie überträgt vor allem Makrophagen und neutrophile Granulozyten, die den niedrigen pH-Wert des Magens weitgehend intakt passieren und im Dünndarm und zum Teil auch noch im Dickdarm eine antibakterielle Wirkung entfalten können.

Die Ernährung eines Säuglings hat aber nicht nur unmittelbare, sondern auch erstaunlich langfristige Effekte auf das Immunsystem. Vergleichende Studien über das relative Risiko von gestillten und nicht gestillten Kindern haben beeindruckende Unterschiede aufgedeckt.

„Ein bösartiger Lymphdrüsenkrebs tritt 1,5-fach häufiger auf, wenn Kinder nicht gestillt worden sind. Diabetes mellitus Typ I kommt bis zu viermal häufiger bei nicht gestillten Kindern vor; die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn tritt ebenfalls viermal häufiger bei nicht gestillten Kindern im Vergleich zu gestillten Kindern auf, sagt Professor Koletzko.

Wer als Baby gestillt wurde, hat außerdem als Erwachsener niedrigere Cholesterinwerte und weniger Gefäßablagerungen und ist damit besser von Herz- und Kreislauferkrankungen geschützt. Wie funktioniert es aber, dass sich das Immunsystem eines Kindes noch 20, 50 oder sogar 70 Jahre später daran erinnert, was in den ersten Wochen nach der Geburt passiert ist? Woran liegt es, dass ehemals gestillte Kinder eine andere biologische Bereitschaft haben als ehemals nicht gestillte? Welches biologische Gedächtnis wird hier aktiv?

Nicht zu lange stillen

Die Langzeiteffekte der Ernährung in der frühesten Kindheit sind bereits hinreichend geklärt. Professor Koletzko demonstriert sie unter anderem an einem eindrucksvollen Beispiel aus dem afrikanischen Gambia: „Dort gibt es in der Regenzeit zwischen Juli und Oktober wenig zu essen, denn die Vorräte sind aufgebraucht.

Kinder, die in dieser Zeit des Hungers geboren werden, bekommen zu wenige Kalorien und bleiben im Wachstum deutlich zurück.“ Die Unterschiede zu den Kindern, die während ihrer frühen Entwicklungsphase nicht hungern müssen, zeigen sich, so Koletzko, noch im Erwachsenenalter mit erschreckender Deutlichkeit: „Menschen, deren erste Lebenswochen und -monate in die Hungerperiode fallen, haben eine 3,7-fach höhere Wahrscheinlichkeit für den vorzeitigen Tod. Ursache ist eine gehäufte Infektionsrate. Wir haben es also eindeutig mit einem Langzeiteffekt auf das Immunsystem zu tun.“

Etwas widersprüchlich sind die Erkenntnisse aus internationalen Studien, in denen der Einfluss des Stillens auf das spätere Allergierisiko der Babys untersucht wurde. Normalerweise hat das Stillen eine schützende Wirkung vor sogenannten atopischen Erkrankungen wie Neurodermitis.

Es gibt allerdings auch Hinweise, dass eine deutlich über die empfohlenen sechs Monate hinaus verlängerte, ausschließliche Ernährung an der Mutterbrust das Risiko einer Neurodermitis oder eines Asthmas für das Kind erhöhen kann, wenn die Mutter selbst Allergikerin ist oder unter Asthma leidet.

Professor Koletzko: „Offenbar ist die Schutzwirkung der Muttermilch gegenüber Allergien auch von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen abhängig. Es gibt jedenfalls bessere Gründe, die fürs Stillen sprechen, als die Allergieprävention.“

Übrigens bietet die möglichst späte Einführung von Beikost in den Speiseplan von Babys, wie sie von Ernährungsexperten seit vielen Jahren empfohlen wird, nach neueren Erkenntnissen keinen Schutz vor späteren Allergien. „Die Empfehlung ist überholt und hat keinen Nutzen, sie setzt nur die Mütter unnötig unter Druck“, sagt Berthold Koletzko.

Fest steht: Für die Abwehrkräfte eines gesunden Babys ist der Wert des Stillens durch nichts zu überbieten. Trotz intensiver Forschungsarbeit ist es den Herstellern von Säuglingsnahrungen noch nicht gelungen, die immunstärkenden Effekte der Muttermilch vollständig nachzuahmen.

Probiotika sind hilfreiche Keime

Die Firmen versuchen aber seit einiger Zeit in verstärktem Maße, das Vorbild der Natur mit sogenannten Pre- oder Probiotika zu imitieren. Der Grundgedanke dabei: Der zunächst keimfreie Darm des Babys wird beim Stillen mit der Bakterienflora der Mutter „geimpft“. Es siedeln sich schon in kurzer Zeit Millionen von gesundheitsfördernden Keimen an, so beispielsweise sogenannte Bifidusbakterien und Lactobazillen.

Um diese Inhaltsstoffe der Muttermilch nachzuahmen, gehen die Hersteller auf unterschiedlichen Wegen vor: Bei probiotischen Lebensmitteln werden der Fläschchennahrung natürliche Bifidusbakterien oder Lactobazillen zugesetzt. Diese „Probiotika“ passieren unzerstört den Magen und siedeln sich in der Darmwand an, wo sie ihre nützliche Wirkung gegen Durchfall, Infekte oder Allergien entfalten. „Pro bios“ bedeutet „für das Leben“.

Die Prebiotika setzen einen Schritt früher an: Sie sind gewissermaßen das Futter für die Probiotika: Es sind Substanzen natürlichen Ursprungs (sogenannte Galacto- und Oligosaccharide), die den nützlichen Bakterien und andere gesundheitsfördernden Mikroorganismen im Darm als Nahrung dienen und dadurch das Wachstum von Bifidusbakterien und Lactobazillen fördern.

Die bisher durchgeführten wissenschaftlichen Studien scheinen die Wirksamkeit von beiden Vorgehensweisen zu bestätigen.