Die schöne neue Welt der kommunizierenden Produkte versteckt sich in einem schmucklosen Gewerbegebiet in Neuss bei Düsseldorf. In einer der vielen grauen Hallen hat der drittgrößte Handelskonzern der Welt, die Düsseldorfer Metro-Gruppe, sein Zukunftslabor versteckt: Hier sprechen die Spiegel in der Umkleidekabine, Kühlschränke geben Auskunft über ihren Inhalt, Blusen schlagen Alarm, wenn jemand sie stehlen will, Jackets finden wie von Geisterhand den Weg auf die richtige Kleiderstange. Hinter diesen Erfindungen steckt die Abkürzung RFID. Sie steht für Radiofrequenz-Identifikation. Etiketten, die per Funk abgefragt werden, sollen die Strich-Codes auf den Verpackungen bald ablösen und die Welt des Handels revolutionieren.

In einem raumgroßen Metall-Container versuchen derzeit in Neuss die Ingenieure, Kinderkrankheiten der jungen Technik zu beheben. Der Container ist rundum mit Schaumstoff-Pyramiden und einer Kohlenstoff- Schicht ausgekleidet, um die elektromagnetische Strahlung von außen vollständig zu absorbieren. Wie Strahlenkanonen aus „Krieg der Sterne“ sehen die Messgeräte aus, die auf ein paar Flaschen Mineralwasser gerichtet sind. Irgendwo an ihrer Verpackung ist ein winziges Funk-Etikett versteckt. „Probleme haben wir nach wie vor mit Etiketten auf Flüssigkeiten und auf Metall“, räumen die Entwickler ein.

Die Funk-Etiketten werden immer winziger und günstiger. So werden sie sich in einigen Jahren im Handel auch durchsetzen, sind die Experten überzeugt. Immerhin sei der Preis pro Chip zuletzt von 30 auf 10 Cent gefallen, sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß. Außerdem sind die Etiketten so hauchdünn geworden, dass sie in Papier eingedruckt und in Stoff eingewebt werden können. Bald sollen sie auf Staubkorn-Größe schrumpfen.

Die Handelskonzerne versprechen sich immense Einsparungen von den smarten Chips. Eine Studie der Deutschen Bank geht davon aus, dass schon im Jahr 2010 weltweit mehr als 20 Milliarden Euro mit RFID umgesetzt werden. Die kleinen Etiketten gewinnen rasant an Bedeutung. Noch mindestens zehn Jahre werde es aber dauern, bis RFID den Strich-Code ersetzt hat, schätzt von Truchseß.

In Neuss werden schon jetzt Lagerbestände mit RFID permanent und automatisch angezeigt, Paletten verraten per Funk Ziel, Zahl und Inhalt ihrer Fracht. Differenzen vom Soll, etwa durch Diebstahl, fallen sofort auf: „Liefer-Treue 99 Prozent“, vermerkt der Computer in warnend großer Schrift, weil auf der Euro-Palette eine von mehreren hundert Packungen Waschmittel fehlt. Ist eine Lieferung fehlerhaft, kann der Produkt-Rückruf per Funk die Waren präzise aus dem Verkehr ziehen. Supermarkt-Regale zeigen automatisch Preis und Namen der Artikel an. Wechselt die Sortierung, wechselt automatisch auch die Anzeige. Droht der Ausverkauf, ordert der Computer im Lager Nachschub.

Auch der Job der herkömmlichen Kassiererin gerät in Gefahr. Sekunden nachdem der Kunde seinen Einkaufswagen durch die funkgesteuerte Kassenzone geschoben hat, erscheint der Preis für den gesamten Einkauf auf einem Display, ohne dass jemand die Produkte im Einkaufswagen berührt hätte. Warteschlangen vor der Kasse – bald ein Gespenst von gestern, frohlocken die Förderer von RFID.

Kosten und Nutzen der Funkerei auf Ultrahochfrequenz sind allerdings ungleich verteilt: Während die Zulieferer die Ausstattung jedes Produkts mit einem Funk-Etikett bezahlen sollen, was sich besonders bei Cent-Artikeln summiert, fallen die Einsparpotenziale vor allem bei den Handelskonzernen an.

Die schlauen Etiketten sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Sie haben sich in vielfältigen Anwendungen bereits in den Alltag eingeschlichen: Etwa beim Skipass mit RFID-Chip, der nicht mehr lästig an jedem Lift mit Handschuhen aus der Tasche genestelt werden muss. In Bibliotheken sorgen die Chips ebenfalls schon für Ordnung und Schutz vor Diebstahl. „Früher war ein falsch einsortiertes Buch praktisch verloren, heute meldet es sich und den Fehler.“ Auch Marathon-Läufer tragen im Wettkampf den Chip am Schuh, der dort die exakte Zeitmessung und Zuordnung ermöglicht.

Seinen großen Auftritt in den Bällen bei der Fußball- Weltmeisterschaft in Deutschland hat der kleine Chip allerdings verpasst. Die Frage Tor oder Nicht-Tor wollte der Weltfußballverband RFID (noch) nicht überlassen und führte Zweifel an der Zuverlässigkeit ins Feld.

Doch um nicht nur die FIFA zu überzeugen, sondern die gesamte Warenwelt umzustellen, müssen neben weltweit einheitlichen Standards - etwa dem EPC Global (Elektronische Produkt Code) – auch weitere Anreize geschaffen werden. Der Wissenschaftler Elgar Fleisch (ETH Zürich) sieht der Warenwelt schon ein „digitales Nervensystem“ wachsen.

Als einen Anreiz für die Zukunftstechnik hat der US-Funk-Chip-Hersteller Paxar mit einer Partnerfirma ein „Einkaufserlebnis“ kreiert, das auch in Neuss präsentiert wird: Den sprechenden Spiegel, der die Kunden in der Umkleidekabine begrüßt. Zum ausgewählten Kleidungsstück hat er nicht nur umfassende Informationen parat, die auf der Spiegelfläche aufleuchten, er empfiehlt auch dazu passende weitere Garderobe.

Durch Antippen kann der halb nackte Kunde – wenn alles klappt - die Hose auch eine Nummer größer oder in einer anderen Farbe ordern, ohne sich wieder anziehen und selbst auf die Suche gehen zu müssen. Eine Verkäuferin soll mit dem gewünschten Beinkleid erscheinen, wenn der Funkbefehl auf ihrem tragbaren Empfangsgerät eintrifft. Ein Nachteil muss dem mehrere tausend Euro teuren Spieglein an der Wand aber noch ausgetrieben werden: Wer mit mehr als einem Kleidungsstück die Kabine betritt, stürzt es in heillose Verwirrung.

Die Funk-Etiketten werden auch Transponder oder Smartlabel genannt. Die passiven Varianten bestehen aus einem Silizium- Datenspeicher und einer Antenne aus Kupfer oder Aluminium. Ihre Informationen geben sie nur preis, wenn sie von einem Lesegerät angefunkt werden – Reichweite fünf Meter. Die aktiven Varianten mit 30 Metern Reichweite dürfen in der EU nur mit 0,5 Watt Leistung funken, um den Elektrosmog in Grenzen zu halten, in den USA sind es 2 Watt.

Wie das Internet ist auch RFID ursprünglich eine militärische Entwicklung. Schon im Zweiten Weltkrieg unterschieden die Alliierten feindliche von eigenen Bombern durch eine Funk-Erkennung. Heute soll RFID gegen Produktpiraten in die Handelsschlacht geführt werden. Wenn bald jedes Produkt mit individueller Kennung die Fabrik verlässt, können Fälschungen schnell und sicher identifiziert werden. So hat der Pharma-Riese Phizer angekündigt, sein Erfolgsmittel Viagra mit Funk-Etiketten von Fälschungen besser unterscheidbar zu machen.

Doch die smarten Chips wecken trotz aller Beschwichtigungen auch Ängste und Arbeitsplatzsorgen nicht nur beim Millionenheer des Verkaufspersonals. Die Datenschützer fürchten den gläsernen Konsumenten, dessen Einkaufsverhalten bis ins Detail ausspioniert werden kann.

dpa/oc