Wildtiere

Schlaue Tiere gehen in die Stadt

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Foto: PA

Vorsicht wilde Tiere, heißt es immer öfter auch in der Stadt. Grüne Sittiche, Füchse, Wildschweine, Waschbären und Seeadler verirren sich nicht zufällig zwischen Plattenbauten und Hauptstraßen. Neben der Futtersuche versuchen sie damit dem Jäger gezielt zu entgehen.

Sie haben grünes Gefieder, und der „Ring“ unterhalb des Kopfs der Männchen hat den Halsbandsittichen ihren Namen gegeben. Die kleinen Papageien sind in Asien und Afrika zu Hause, aber auch in Wiesbaden oder Heidelberg. Immer mehr Tiere, von denen das bislang niemand erwartet hätte, werden in deutschen Städten heimisch – nicht nur Exoten, sondern auch Wildschweine oder Füchse.


Für Marc Süsser vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Berlin sind Tiere, die Menschen buchstäblich auf den Pelz rücken, an sich nichts Außergewöhnliches. Als der Biologe vor einiger Zeit um 2.00 Uhr morgens auf dem Alexanderplatz mitten in der Hauptstadt unterwegs war, staunte er aber doch: „Da ist ein Fuchs mit einer Ratte im Maul vorübergerannt.“

Wer in Berlins Außenbezirke fährt, der muss unter Umständen gar nicht bis in die Nacht warten, um Wildschweine zu sehen: „Die kann man hier auch am Nachmittag beobachten.“

Wieso verschlägt es Rotfüchse und Wildschweine, aber auch viele Vögel zunehmend in Städte? Weil sie intelligent sind, lautet eine Antwort. Das lässt sie erkennen, dass ihnen in dicht besiedelten Gebieten weniger Gefahr droht als auf dem Land: „In Städten wird nicht gejagt“, sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtierstiftung in Hamburg. Und die Fallen, die für Füchse aufgestellt werden, scheinen nicht wirklich effektiv zu sein.

Auf der Alster in Hamburg tummeln sich laut von Münchhausen mittlerweile zahlreiche Graugänse – und nehmen nicht Reißaus, wenn sich Spaziergänger ihnen nicht gerade mit Gebrüll nähern. In ihren eigentlichen Lebensräumen an den Küsten und in Auenlandschaften gehen die Vögel deutlich mehr auf Distanz zu den Menschen – einer davon könnte ja eine Flinte dabei haben. „Jagd muss auf dem Land sein für bestimmte Tierarten, aber sie macht diese Tiere unheimlich scheu.“

Zudem haben die Tiere erkannt, dass viele Städte überhaupt nicht die Betonwüsten sind, als die sie die Menschen oft wahrnehmen. „Da sind Büsche, Parks, sich selbst überlassene Grünflächen oder Industriebrachen“, sagt von Münchhausen. Längst nicht nur, aber ganz besonders das sich im Umbruch befindende Berlin hat sich zu einer Art Wildtier-Dorado entwickelt. „Hier gibt es jede Menge Brachflächen“, sagt Marc Süsser. Das hat sogar ein Seeadlerpaar angelockt.

Ganz anders auf dem Land – vor allem in Gegenden, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden: „Dort sind die Lebensräume nicht mehr so differenziert, man findet zum Beispiel kaum mehr Hecken oder Moortümpel“, sagt Heidrun Betz vom Deutschen Tierschutzbund in Bonn. „Da sehen wir oft monotone Agrarsteppen“, bestätigt von Münchhausen, der selbst Agrarwissenschaftler ist.

Die Halsbandsittiche hat aber nicht etwa die ländliche Ödnis in die Städte getrieben – sie sind aus Käfigen entkommen. „Bei einer der Populationen geht man davon aus, dass eine Zuchtvoliere bei einem Sturm zerstört wurde“, sagt Betz. Zugute kommt den Papageien, die in Baumhöhlen leben, das sich verändernde Klima, wie Süsser erklärt: „Die überstehen dadurch hier die Winter besser.“ Und generell ist es in großen Städten immer etwas wärmer als auf dem Land.

Waschbären sind ursprünglich in Nordamerika zu Hause - mittlerweile auch in einigen deutschen Städten. Sie sind freilich nicht über den Atlantik geschwommen, sondern wurden hierzulande zunächst in Pelzfarmen gehalten, ehe einige entkamen – und für Nachwuchs sorgten. „Die finden sich gut in den Städten zurecht, sie sind nachtaktiv und Allesfresser“, erläutert Süsser. Letzteres gilt auch für Wildschweine und Füchse. „Füchse sind etwas wählerischer, aber auch Ratten und Mäuse gibt es ja genug.“


Ob von den zugewanderten Wildtieren ökologische Probleme ausgehen, darüber sind sich die Natur- und Tierschützer laut Marc Süsser bisher nicht einig. So sei es nicht ausgeschlossen, dass gerade die aus der Gefangenschaft entflohenen fremden Arten, Neozoen genannt, heimischen Tieren das Leben schwer machen. „Es gibt aber auch Arten, die etwa von den Halsbandsittichen profitieren: Hohltauben nutzen gerne Bruthöhlen in Bäumen, die die Sittiche vorher vergrößert haben“, sagt Heidrun Betz.

Für die menschlichen Stadtbewohner ergeben sich zumindest keine ernsthaften Probleme – wenn sie die nötige Distanz wahren, zu der von Münchhausen rät. „Wir dürfen Wild- nicht mit Haustieren verwechseln.“ Sie zu beobachten, ist in Ordnung. Aber auf das Anlocken und Füttern muss verzichtet werden.

Wer weiß, dass sich in seiner Umgebung etwa Waschbären oder Füchse tummeln, sollte Müll- und Kompostbehälter laut Heidrun Betz nach Möglichkeit verschlossen halten. Denn ein zu großes Futterangebot würde womöglich mehr und mehr Tiere anlocken – unter Umständen zu viele. Aber auch ein einzelnes Waschbärenpaar, das sich kurzerhand auf einem Dachboden einnistet, kann durchaus zum Problem werden.

„Und ein Gartenbesitzer wird natürlich nicht erfreut sein, wenn ein Wildschwein sein Grundstück umgegraben hat“, sagt Betz. Die Schwarzkittel sind auch die einzigen der zugewanderten Tiere, vor denen sich die Städter im Ernstfall wirklich in Acht nehmen müssen: „Gefährlich werden kann es, wenn Sie einem Weibchen mit Jungen über den Weg laufen“, sagt Süsser. „Das kann beim Joggen unbeabsichtigt passieren.“ Dann hilft meist nur eines: deutlich schneller joggen!

( dpa/hem )