Umwelt

Wege aus der stinkenden Algenplage an der Ostsee

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Foto: ddp / DDP

Im vergangenen Juli erlebten Urlauber auf Rügen über Nacht eine unangenehme Überraschung: Plötzlich türmten sich Algen bis zu drei Meter hoch. Sie versperrten nicht nur die Sicht: Sie rochen auch höchst unangenehm. Um das Problem in den Griff zu bekommen, sucht ein Expertenteam nach neuen Wegen.

Für Familie Mertens hätte der Badeurlaub im vergangenen Sommer auf Rügen kaum besser sein können. Sonne satt, Temperaturen um die 30 Grad, Wasser 20 und nur hin und wieder eine leichte Brise. Doch nach zwei Wochen kam der Umschwung. Über Nacht blies ein kräftiger Ostwind gegen die Küste und mit ihm schwappte ein riesiger Algenteppich auf die Badestrände. „Plötzlich stank es einfach nur noch überall“, erinnert sich Thorsten Mertens aus Thüringen.

Bis drei Meter hoch türmten sich an jenem Julitag im vergangenen Jahr die Tangberge auf der Schaabe, einem der beliebtesten Sandstrände in Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl Kurverwaltungen und Spezialunternehmen unverzüglich mit der Entsorgung begannen, häuften sich Beschwerden der Urlauber. Es soll sogar Abreisen gegeben haben, sagt Ralf Hots-Thomas von Rügens Tourismuszentrale.

Für den Leiter des Amtes Nord-Rügen, Karl-Heinz Walter, wird eine solche Algenplage schnell zur Kostenfalle. Jede entsorgte Tonne der nassen Fracht schlage bei der Verwaltung mit etwa 40 Euro zu Buche, sagt er. Allein am drei Kilometer langen Badestrand von Juliusruh mussten 2008 rund 1700 Tonnen Tang geräumt werden.

Fast jeder deutsche Küstenort an der Ostsee kämpft in unregelmäßigen Abständen gegen die „Grüne Pest“ an. Doch die buchtenreiche Insel Rügen mit ihren kilometerlangen Oststränden und Flachgewässern trifft es oft besonders hart. Um das Problem professionell in den Griff zu bekommen, sucht jetzt ein vom Land gefördertes Expertenteam nach neuen effektiven Wegen zur Algenentsorgung. Der Auftrag der Wissenschaftler, Technologen und Logistikfachleute ist vielschichtig. Es gehe um rechtliche, finanzielle und verfahrenstechnische Fragen, sagt Landrätin Kerstin Kassner (Linke).

Da wäre zunächst das Einsammeln der Meerespflanzen. Während Firmen mit Spezialgerät dies an Land inzwischen weitgehend gut beherrschten, gebe es derzeit keine geeignete Technik zur Aufnahme der Algen im Wasser, sagt Frank Melcher, Fachberater für Verfahrenstechnik. Mit Forschern der Universität Rostock werde daher auch nach geeigneten Technologien zum Abschöpfen der Teppiche im Wasser gesucht. Die Vorstellungen reichten von Einsatz spezieller Amphibienfahrzeuge mit Systemen zum Abpumpen des schwimmenden Krautes bis hin zur Anmietung von Saugbaggern, die – ähnlich wie bei der Kiesgewinnung – regelmäßig abgestorbenes Faulmaterial aus Tiefenbecken wie der Tromper Wiek aufnehmen könnten.

Während für die seeseitige Entsorgung Land und Bund zuständig wären, sind die Kommunen laut Abfallgesetz für die an Land gespülten, nicht brennbaren Algenberge verantwortlich. Doch weil Algen und Tang nur sehr langsam verrotten, ist die Kompostierung verboten. Bestehende Algendeponien etwa bei Gustow im Süden von Rügen werden zwar noch geduldet, doch die Umweltbehörden drängen auf eine Lösung.

Erste Versuche, das Material in Biogasanlagen zu vergären, scheiterten bislang. Vor allem der in den Algenbergen sitzende Sand habe immer wieder die Pumpen und Filter verstopft, sagt Burkhard Schuldt von dem sächsischen Technologieunternehmen GICON. Vielversprechender verliefen dagegen Laborversuche in einer Testanlage in Schöllnitz (Brandenburg), in der das Material mit Flüssigkeit ausgelaugt und dann von Bakterien zersetzt wurde.

Die Rügener Firma ENBEG (Erneuerbare Energien) hofft sogar, noch Geld mit der Algenplage zu verdienen. Das Unternehmen will in Samtens für 17 Millionen Euro einen in Österreich patentierten Reaktor errichten lassen, in dem schwer verrottbarer Biomüll wie Tang und Algen geschreddert und dann verstromt werden soll. „Pro Tonne angeliefertes Material würden wir sogar 15 Euro zahlen“, verspricht ENBEG-Chef Rainer Osthoff.