Auf über 1,5 Millionen ist die Zahl der Freizeittaucher in Deutschland mittlerweile angestiegen – und mit ihr die Zahl der Tauchunfälle. Rund 1500 wurden im vergangenen Jahr bekannt, davon endeten 50 tödlich. Fast alle ereigneten sich dort, wo es Tauchurlauber hinzieht – in tropische oder subtropische Gewässer.
Der Mensch ist nicht geschaffen fürs Leben unter Wasser. Schon wenige Meter unter Wasser steigt der Druck enorm. Beim Abtauchen – die sogenannte Kompressionsphase – erhöht sich der Umgebungsdruck schon in den ersten zehn Metern ums Doppelte, bei knapp 40 Metern Tauchtiefe hat er sich verfünffacht.
Nimmt der Umgebungsdruck beim Aufsteigen aus der Tiefe zu schnell wieder ab, können sich Gasblasen im Körpergewebe bilden, welche die Blutgefäße verschließen und zu einem Sauerstoffmangel in den Geweben führen. Es drohen die am meisten gefürchteten Dekompressionserkrankungen.
Als ob Gasbläschen einer Sprudelflasche entweichen
Der Heidelberger Tauchmediziner vergleicht dies mit dem Öffnen einer Sprudelflasche, wenn die Gasbläschen plötzlich mit Druck entweichen: Wenn der durch das Abtauchen im Körper gebildete Stickstoff auf dem Weg nach oben nicht über die Lunge abgegeben werden kann, besteht die Gefahr, dass er in Geweben wie Knochen, Gelenken, Muskeln oder ins Blut ausperlt und zu Gasembolien führt, die schlimmstenfalls lebensbedrohlich sein können.
Je tiefer, länger und häufiger getaucht wird, umso größer ist das Risiko. Die Symptome der so genannten Taucherkrankheit reichen von allgemeinen Beschwerden wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen über Juckreiz und Hautausschläge, Knochen- und Gelenkschmerzen bis hin zu Bewusstseins- und Sprechstörungen sowie Lähmungserscheinungen.
Nach der internationalen Tauchunfallstatistik von Divers Alert Network (DAN) kommt es etwa alle 2500 Tauchgänge zu einem Dekompressionsunfall.
Dieselbe Ursache, nämlich eine übermäßige Stickstoffkonzentration im Blut kann in Tiefen ab 30 Meter auch zum Tiefenrausch führen. Die narkotische Wirkung des Stickstoffs wirkt beim Taucher ähnlich wie ein Vollrausch durch Alkohol: Er wird euphorisch, desorientiert und handlungsunfähigkeit, was tödlich enden kann.
Weit harmloser, aber am häufigsten sind Tauchprobleme im Hals-Nasen-Ohrenbereich (HNO) – darunter fallen 80 Prozent aller medizinischen Probleme beim Tauchen. An der HNO-Klinik der Universität Heidelberg wird seit Jahren eine Tauchersprechstunde angeboten, die jährlich von mehr als 100 Sporttauchern mit HNO-Problemen aufgesucht wird.
Am Ende reißt das Trommelfell
Ursache ist immer die Gleiche: Wenn der Umgebungsdruck beim Abtauchen steigt, halbiert sich das Volumen in Lunge, Mittelohr und Nasennebenhöhlen.
Am empfindlichsten ist das Mittelohr. Kann der beim Abtauchen entstehende Unterdruck nicht ausgeglichen werden, weil die Ohrtuben durch Schleimhautentzündungen der oberen Atemwege verstopft sind, so drohen Ergüsse und Einblutungen im Mittelohr bis hin zu Trommelfellrissen.
Um den Unterdruck auszugleichen, der übrigens schon wenige Meter unter der Wasseroberfläche entsteht, empfiehlt der Heidelberger Tauchmediziner eine einfache Übung: „Nase zuhalten und Luft ins Ohr pumpen.“ Gehörgangsentzündungen sind bei Tauchern auch nicht selten. Die natürlichen Schutzmechanismen im Ohr werden durch das lange Verweilen unter Wasser „aufgeweicht“, ein kräftiger Wind nach dem Auftauchen begünstigt Infektionen im Ohr. Auf keinen Fall dürfe man die Ohren, um sie vor Infektionen zu schützen, beim Tauchen mit Stöpseln verschließen. Klingmann: „ Wenn man das Außenohr hermetisch abriegelt, entsteht während des Abtauchens ein Unterdruck, weil sich der Gehörgang nicht mit Wasser füllt“. Die Folgen können Trommelfellverletzungen bis hin zum Riss sein und dem Tauchvergnügen abrupt ein Ende setzen.
Wer sich in die faszinierende Unterwasserwelt begibt, sollte einige gesundheitliche Voraussetzungen erfüllen, die in einer Tauchtauglichkeitsuntersuchung von einem tauchmedizinisch ausgebildeten Arzt überprüft werden sollten. Bei unter 40jährigen sollte sie alle drei Jahre, darüber sogar jährlich durchgeführt werden, fordern Tauchmediziner der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin. Sie umfasst ein Belastungs-EKG, eine Untersuchung vor allem des Herzens und der Lunge, Fragen nach ob Asthma oder Allergien und eine Untersuchung von Hals, Nase, Ohren. Wer einen Trommelfellschaden oder eine Nasennebenhöhlenentzündung hat – für den ist das Tauchen nichts. Zum Tiefseetauchen mit Atemgerät gehört auch eine gute psychische Konstellation, betont der Tauchmediziner. Panische Reaktionen, die zum schnellen Auftauchen mit entsprechendem Überdruck in der Lunge führen, können tödlich sein.
Natürlich muss auch die Ausrüstung stimmen. Der Tauchanzug muss sitzen und vor Kälte schützen. Die Kopfhaube ist besonders wichtig, da über den Kopf mehr als 30 Prozent der Körperwärme verloren geht. Auch Handschuhe sollten besonders im kalten Wasser und bei längeren Tauchgängen nicht fehlen.
Dürfen Kinder tauchen?
Kindertauchprogramme werden von Tauchsportorganisationen bereits ab dem 8. Lebensjahr angeboten. Dies hält der Hamburger Kinderkardiologe und Tauchmediziner Dr. Christian Beyer für verfrüht. Erst ab dem 12. Lebensjahr könne von einer ausreichenden körperlichen und geistigen Reife ausgegangen werden. Jüngere sollten nur „unter Schwimmbadbedingungen“ und in sehr flachem Wasser üben. Mit älteren Kindern können nach etwas Übung Tauchgänge bis zu zehn Metern gewagt werden. In jedem Fall brauchten Kinder einen Tauchlehrer und eine ärztliche Bescheinigung über die Tauglichkeit. Kindertauchgänge sollten nur im klaren, warmen Wasser- am besten im Pool oder in einer flachen Meeresbucht stattfinden. Pro Kind sollte ein Tauchlehrer oder ein sehr erfahrener Taucher verfügbar sein. Voraussetzung ist, dass Kinder gesund sind, gut schwimmen und schnorcheln können.
Wichtig ist die passende Ausrüstung speziell für Kinder. So kommt es ohne passenden Anzug schnell zu Unterkühlung. Zu schweres Tauchgerät belastet den im Wachstum besonders empfindlichen Bewegungsapparat.
Generell warnt der Tauchmediziner: „ Kinder haben eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, sind leichter ablenkbar und können so beim Tauchen schnell in gefährliche Tiefenbereiche kommen“. Auf Stressreaktionen unter Wasser reagierten Kinder sehr reflexhaft, sodass es oft zu Panikattacken und Tod durch Ertrinken oder eine arteriellen Gasembolie kommen kann.
Vielfach wird heute noch die Meinung vertreten, dass Tauchen Männersache sei. Stimmt nicht! Der Tauch- und Intensivmediziner Claus-Martin Muth aus Ulm erinnert daran, dass das Perlentauchen in Japan und Korea seit Jahrhunderten vornehmlich von Frauen betrieben wird, weil Männer eher als ungeeignet angesehen werden, um diese Strapazen auszuhalten. Unter den Sporttauchern gelten Frauen zudem als besonders besonnen. Allerdings scheint das Risiko für eine Dekompressionskrankheit während der Menstruation größer zu sein, sodass Tauchmediziner vor tiefen Tauchgängen während und kurz nach der Monatblutung abraten.


