1757

Der unmögliche Sieg Friedrichs II. über die Franzosen

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Jan von Flocken

Normalerweise hätte Friedrich der Große keine Chance gehabt. Mit völlig abgekämpften Truppen steht er am 5. November 1757 einem zahlenmäßig weit überlegenen Feind gegenüber. Die Franzosen freuen sich schon auf den bevorstehenden Spaziergang nach Berlin. Doch der geniale Preußenkönig macht ihnen einen Strich durch die Rechnung.

1757 stand das Schicksal Preußens auf Messers Schneide. König Friedrich II. hatte am 17. Juni bei Kolin eine Niederlage gegen die Österreicher erlitten. Im August unternahmen russische Truppen eine Offensive gegen Ostpreußen. Und nun, im Herbst, rückte auch noch eine französische Armee von Westen an und zog plündernd durch Thüringen.

In Eilmärschen mussten die Preußen von Böhmen und Sachsen aus den Franzosen entgegenmarschieren. Trotz aller damit verbundenen Strapazen konnte der König sich auf seine Männer verlassen. Das Zerrbild des zwangsrekrutierten, geprügelten, gedemütigten Preußensoldaten, der Tag und Nacht nur ans Desertieren dachte, hat sich bis heute gehalten. Tatsächlich kamen gewaltsame Rekrutierungen kaum vor. Kavallerie und Jägertruppe bestanden ohnehin aus Freiwilligen, Infanteristen wurden im sogenannten Kantonalsystem, einem Vorläufer der allgemeinen Wehrpflicht, ausgehoben. Die Prügelstrafe vollzog man im Krieg selten und wenn, dann nicht häufiger als bei anderen Armeen damals üblich.

Kampfmoral, Korpsgeist, Disziplin

Einen gravierenden Unterschied gab es freilich: In den meisten europäischen Ländern hielt man den Soldatenberuf für eine Schande. Oft war es der Bodensatz des Volkes, Zuchthäusler und Landstreicher, die in Uniformen gesteckt wurden. Bei den Preußen hingegen galt es als Ehre, des Königs Waffenrock zu tragen. Noch der letzte Rekrut durfte sich allgemeiner Wertschätzung sicher sein. Das brachte eine hohe Kampfmoral hervor, gepaart mit Korpsgeist und eiserner Disziplin. Wäre dies anders gewesen, hätte Friedrich der Große sieben schwere Kriegsjahre niemals überstanden.

Der König gab auch ein persönliches Beispiel. Mit seinen Soldaten teilte er die meisten Strapazen und setzte sich ohne Rücksicht auf die eigene Person Gefahren aus, wenn es nötig schien. In der Schlacht bei Zorndorf 1758 ergriff er persönlich eine Regimentsfahne und führte seine Männer zum Angriff.

Anfang November 1757 beschloss Friedrich, dem französischen Angriff zuvorzukommen. „Meine Leute sehen aus wie die Grasteufel, aber sie beißen“, sagte er. Der französische Oberbefehlshaber Charles de Rohan, Prince de Soubise näherte sich der Stadt Naumburg an der Saale. In seiner Armee kämpften auch deutsche Truppen. Da Friedrich mit dem Kaiser zu Wien im Krieg lag, wurde gegen ihn die „Reichsarmee“ aufgeboten. Es war ein hochtrabender Name für diese schlecht ausgerüstete und zusammengewürfelte Streitmacht. Tapfer, aber äußerst disziplinlos, agierten Soubises Panduren, eine aus Ungarn stammende Reitereinheit.

45.000 Mann gegen 22.000 Mann

Am 4. November zogen Franzosen und Reichsarmee mit der Kavallerie als Vorhut von den Schortauer Höhen auf das Städtchen Roßbach (Sachsen-Anhalt) zu. Es waren 45.000 Mann mit 144 Kanonen, denen Friedrich nur 22.000 Mann mit 79 Geschützen entgegenstellen konnte. Alles hing vom Überraschungsmoment ab. Dafür besaß Preußen genau den richtigen Mann: General Friedrich Wilhelm von Seydlitz. Dieser schneidige Kavallerieführer eröffnete Attacken regelmäßig, indem er seine Tabakpfeife in die Luft warf.

Nun griff Seydlitz mit seinen Kürassieren die gegnerische Reiterei an und zersprengte sie im ersten Anritt. Vom Janushügel griff dann die preußische Infanterie unter Feldmarschall Jakob von Keith ein. Soubises Infanterie, durch die zurückflutenden Reitermassen verwirrt, geriet schnell in Unordnung; einige Bataillone der Reichsarmee warfen ihre Waffen weg und liefen davon. In diesem Moment griff Seydlitz zum zweiten Mal an und fiel dem Feind in seine rechte Flanke. Marschall Keiths Regimenter attackierten sofort die linke Flanke. Es war ein klassischer Kombinationsangriff von Kavallerie und Infanterie.

Nach knapp drei Stunden wälzten sich die Franzosen in wilder Flucht nach Westen. Ihre Niederlage war vollständig – 3000 Gefallene und 7000 Gefangene. Dank Friedrichs geschickter Taktik verloren die Preußen nur 548 Mann und – was noch entscheidender war – sie erbeuteten 72 feindliche Kanonen. Ihre artilleristische Unterlegenheit konnte damit für einige Zeit kompensiert werden.

... dann rennt die ganze Reichsarmee

Der glänzende Sieg von Roßbach löste bei vielen Deutschen Freude und Begeisterung aus. Die französischen Söldner, die seit Jahrzehnten Deutschland als militärischen Tummelplatz betrachteten und die Bevölkerung ausplünderten, waren noch nie so vollständig geschlagen worden. Nun nannte man König Friedrich im ganzen Land „den Großen“.

„Wir waren damals alle Fritzisch gesinnt“, erinnerte sich der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe. Ein Spottlied machte die Runde:

„Und wenn der große Friedrich kommt

Und klopft nur auf die Hosen,

Dann rennt die ganze Reichsarmee,

Panduren und Franzosen.“

Mehr Anekdoten aus der Geschichte, erzählt von Jan von Flocken, finden sich in dem Buch "111 Geschichten zur Geschichte"