Erderwärmung

Orang-Utan-Babys sind bessere Klimaschützer

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Pia Heinemann

Foto: lf/rh / PA

Das Thema Klimawandel ist ein Dauerbrenner in den Medien: Für Borneos Torfwald interessieren wir uns trotzdem wenig. Jetzt wollen Umweltschützer mithilfe von Affenkindern unser Bewusstsein für ein Umweltproblem mit globalen Folgen schärfen. Andernfalls gelangen Milliarden Tonnen Treibhausgas in die Atmosphäre.

„Adoptier mich!“ Auf dem Flyer der Borneo Orangutan Foundation (BOS) glänzen die braunen Augen des Orang-Utan-Babys Grendon feucht. Auch die Affenbabys Kesi und Lomon wollen Paten finden. Die Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht. Weltweit gibt es noch etwa 50000 Tiere. Grendon, Kesi und Lomon leben in einer Orang-Utan-Station in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo. Eine Zehn-Euro-Spende im Monat zu ihrem Schutz scheint gut angelegt – obwohl die Affenbabys nur die emotional wirkungsvolle Verpackung für ein viel drögeres Projekt sind: Klimaschutz.

Derzeit tourt der Gründer von BOS, Willie Smits, durch deutsche Redaktionen, um für seine Orang-Utan-Schutzstation auf Borneo Werbung zu machen. Im Gepäck hat er einen dicken Bildband mit Hunderten faszinierender Orang-Utan-Bilder und spannenden, rührenden und schockierenden Geschichten. Geschichten, bei denen ein Orang-Utan-Baby in den Kugelhagel wütender indonesischer Bauern geraten ist und hinterher stundenlang operiert werden musste. Geschichten von Orang-Utans, die sich von den Menschen das Angeln, Fischessen und Schwimmen abgeguckt haben. Geschichten von Orang-Utan-Weibchen, die kahl rasiert und festgekettet in Bordellen missbraucht wurden und solche vom Orang-Utan-Chat, mit dem Smits isoliert lebenden Zootieren die Möglichkeit geben will, weltweit über das Internet mit Artgenossen zu kommunizieren. Willie Smits lässt keine Facette der rothaarigen Menschenaffen aus.

Bei aller Affenliebe geht es dem Forstwissenschaftler jedoch vor allem um eines: um die Rettung des Torfwaldes auf Borneo – mithilfe und gleichzeitig auch zum Nutzen von niedlichen Affenkindern. Denn der Schutz dieses sumpfig-schwülen Waldes interessiert Industriestaatler nur wenig. Einen Quadratmeter Torfwald irgendwo in Indonesien zu adoptieren ist wesentlich weniger putzig als eine Patenschaft für Grendon, Kesi oder Lomon.

„Der Schutz der Menschaffen ist kein Tierprojekt“, sagt Smits. „Er ist ein Menschenschutzprojekt.“ Und führt aus, weshalb sich Menschen in Europa und den USA, weltweit engagieren sollten: „Der Torfwald auf Borneo ist ein riesengroßer Kohlendioxidspeicher. Jedes Jahr bilden die Sumpfwälder aus zu Boden fallenden Blättern und anderem organischen Material ein bis zwei Millimeter Torf neu.“ Diese schwarze Masse besteht zu rund 90 Prozent aus Wasser. Die übrigen zehn Prozent sind organisches Material, das etwa zur Hälfte aus Kohlenstoff besteht.

Durch die Brandrodung des Urwaldes und die nachfolgende Austrocknung der sumpfigen Böden entstehe, rechnet Smits vor, pro Hektar und Jahr also ein halber Kubikmeter Kohlenstoff – oder 1,84 Tonnen Kohlendioxid. Und hier fällt das nächste Schlagwort, mit dem Smits die Menschen der Industriestaaten aufrütteln will. Denn Kohlendioxid ist mittlerweile der bekannteste Klimakiller. „Wer helfen will, den Kohlendioxidausstoß auf der Erde zu verringern, der muss mithelfen, den Torfwald in Indonesien zu schützen“, sagt Smits. Der Forstwissenschaftler und Orang-Utan-Schützer überschlägt weiter, dass, sollte der Torfwald ausgerottet und das Kohlendioxid infolge frei werden, „rund 84 Milliarden Tonnen Treibhausgas in die Atmosphäre zischen“. Plötzlich wird aus der Patenschaft für ein Orang-Utan-Baby Klimapolitik.

Die Gefahr, die Brände und Rodung der indonesischen Wälder nicht nur für Menschenaffen darstellen, hat der Münchner Umweltforscher Professor Florian Siegert bereits vor Jahren gemeinsam mit britischen Kollegen in Zahlen gefasst und im Fachblatt „Nature“ veröffentlicht: Er untersucht mittels Satelliten-Fernerkundung die Torfflöze von ganz Indonesien. Die Kohlendioxidemissionen des Landes machten demnach im trockenen El-Niño-Jahr 13 bis 40 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Klimagas aus. Etwa zehn Milliarden Tonnen Kohlendioxid gelangten in die Atmosphäre, weil Trockenheit und Brandstiftung zu verheerenden Feuern auf Borneo und Sumatra geführt haben. In schwächeren El-Niño-Jahren wie 2006 liegt Indonesiens Anteil am weltweiten Kohlendioxidausstoß bei drei bis zehn Prozent. Rund 50 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert der indonesische Sumpfboden.

Wird dieser Wald abgebrannt, werden durch die Feuer, die Austrocknung des Bodens und biologische Abbauprozesse bis zu 180 Milliarden Tonnen Kohlendioxid frei werden. Angesichts dieser Zahlen erscheint das Ziel Deutschlands, seinen Treibhausgasausstoß bis 2020 um etwa ein Fünfzigstel dessen zu senken, wenig ehrgeizig.

„Die Leute in Deutschland müssen endlich verstehen, dass sie wesentlich mehr für den Klimaschutz tun können, wenn sie Produkte wie Palmöl, für dessen Anbau die Torfwälder gerodet werden, boykottieren“, sagt Smits. „Heute wird auf Borneo alle zwanzig Sekunden eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes gerodet“, sagt Ralph Kampwirt von der Umweltorganisation WWF. Das Tropenholz lockt die Industrie, die gerodeten Flächen werden in Monokulturen aus Ölpalmen verwandelt. Jährlich werden 33 Millionen Tonnen Palmöl produziert – für Lebensmittel, Kosmetika und Biosprit.

Im vergangenen Jahr konnte mit der Regierung immerhin eine Absichtserklärung zum Schutz der indonesischen Wälder verabschiedet werden. „Ein erster Schritt“, sagt Kampwirt. Allerdings sei zunächst geplant, die Bergwälder der Insel zu schützen. Über die fruchtbaren und Profit versprechenden Böden des Torfwaldes wurde noch nicht genauer verhandelt. Auch nicht darüber, wie die Palmölproduktion möglichst umweltverträglich gestaltet werden kann.

Willie Smits kooperiert auf Borneo mittlerweile mit den Einheimischen: Wer ihm beim Kampf gegen die Torfwaldzerstörung und bei Aufzucht und Pflege der mittlerweile über 1000 Orang-Utans seiner Station hilft, bekommt Land, das er ökologisch bewirtschaften kann. Mit der 120-Euro-Patenschaft wird die Aufzucht und Auswilderung finanziert. Wird jedoch die Zerstörung des Torfwaldes nicht verhindert, werden die Orang-Utan-Populationen bis 2020 bereits so klein sein, dass die Art nicht mehr überleben kann.

Literaturhinweis: „Die Denker des Dschungels“. Der Orang-Utan-Report von Gerd Schuster, Willie Smits und Jay Ullal. Verlag: H.F. Ullmann, 29,95 Euro, 320 Seiten.