So sehr es immer mehr Menschen mit extremer Fettleibigkeit gibt – so sehr ist als Folge auch Diabetes zur Massenerkrankung geworden. Beides hängt eng zusammen. Acht Millionen Diabetespatienten waren es in Deutschland nach den Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2006. Bis 2010 wird eine Zunahme um weitere zwei Millionen erwartet. In den USA leiden rund 19 Millionen Menschen daran, weitere 54 Millionen gelten als „vordiabetisch“ – was so viel heißt, dass ihr Blutzuckerspiegel riskante Abnormalitäten aufweist. Die Erkrankungsrate steigt jährlich um acht Prozent.

Auf die Behandlung von Diabetes und seine Begleit- und Folgeerkrankungen verwenden die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland schon jetzt ein Fünftel ihrer Ausgaben. 2005 waren es rund 25 Milliarden Euro. Experten schätzen, dass sich die Kosten bis 2010 auf 40 Milliarden Euro erhöhen.


Eine neue Studie stößt deshalb weltweit auf größte Aufmerksamkeit: Australische Forscher stellten im aktuellen „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) eine Erhebung über zwei Jahre vor, die erstmals die Wirksamkeit operativer und herkömmlicher Therapien miteinander vergleicht. Das Ergebnis ist eindeutig: 73 Prozent der operierten Patienten waren anschließend ihren Diabetes los, aber nur 13 Prozent der nach herkömmlichen Verfahren behandelten. Während die operierten Patienten 20,7 Prozent an Gewicht verloren, waren es bei den anderen nur 1,7 Prozent.

Bei den operierten Patienten war der Magen mittels Magenband verkleinert worden – die Probanden aßen weniger danach, sie waren auch schneller gesättigt. Die andere Patientengruppe beschränkte sich auf das Übliche: Diät, Lebensstiländerung, die Einnahme von Insulin und anderen Medikamenten.

Die insgesamt 60 Teilnehmer der Studie hatten zuvor zwischen beiden Methoden wählen können. Sie waren im Schnitt 47 Jahre alt, alle hatten einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 30 und 40. Ein BMI über 25 gilt als übergewichtig, über 30 als fettleibig. Laut den Empfehlungen des amerikanischen National Institute of Health und ebenso der Deutschen Adipositas-Gesellschaft werden Magenverkleinerungs-OPs erst ab einem BMI von über 40 empfohlen, in Verbindung mit Diabetes und anderen schwerwiegenden Folgeerkrankungen schon ab 35. In der Studie besaßen aber 13 Personen einen BMI unter 35.

„Ich denke, Diabetesoperationen werden in den nächsten Jahren normal sein“, verkündet Studienleiter John Dixon von der Universität Melbourne. Im Editorial der Fachzeitschrift mit den Studienergebnissen heißt es: „Die gerade erst begonnenen Untersuchungen operativer Eingriffe zwecks Diabetesbehandlung könnten so grundlegend sein wie die Entdeckung von Insulin.“

Amerikanische Ärzte fordern in einer ersten Reaktion auf die Studie die Senkung der BMI-Grenze.

„Das Studienergebnis entspricht dem klinischen Alltag“, sagt Professor Thomas Haak, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Chef der Diabetesklinik Bad Mergentheim. Man könne tatsächlich beobachten, dass OP-Patienten nachher fast immer diabetesfrei seien. „Nach kürzester Zeit brauchen sie keine Diabetesmedikamente mehr.“ Allerdings komme der Eingriff nicht für jedermann infrage. Auch deshalb nicht, weil die Operation sehr teuer sei. Rund 6000 Euro plus Klinikaufenthalt koste der Eingriff. Allerdings kann der Arzt sie verschreiben. Die Krankenkasse prüft dann jedoch sehr genau. In Zweifelsfällen zieht sie meist den Medizinischen Dienst hinzu, der dann entscheidet. Als medizinisch notwendig gilt eine Operation, wenn konservative Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft und die Operation als letzte Lösung erscheint.

„Es kommt sehr drauf an, bei wem sie gemacht wird“, sagt Haak. Zudem:„Der Patient muss sie schon wollen. Denn nach dem Eingriff existiert der Hunger nicht mehr, ein Steak wird man nicht so schnell verzehren können. Man muss sehr gründlich kauen.“ Die Psyche des Patienten sei entscheidend für den Therapieerfolg. Die Risiken des Eingriffs dagegen spielten eine relativ geringe Rolle, da der Eingriff endoskopisch erfolge.

Die Tatsache, dass die australische Studie von einem Magenbandhersteller finanziert wurde, sieht Haak nicht als Problem: „Das Ansehen, die Seriosität der Zeitschrift ist untadelig.“ Die Autoren versichern, der Hersteller habe keinen Einfluss genommen.