Sehnlich hatten sich Franziska und Sebastian ein Kind gewünscht. Und dann: „Wir sind schwanger!“ Doch irgendwie verlief nach der Geburt alles anders, als die beiden es sich vorgestellt hatten. Sicher, Malte war das süßeste Kind auf der ganzen Welt, doch alles drehte sich nur noch um ihn.
Wo war die Intimität geblieben? Wann waren sie das letzte Mal zu zweit alleine gewesen? Der stressige Alltag mit einem Neugeborenen ist eine Herausforderung. Nicht nur weil ein kleines Wesen komplett auf die Liebe und Fürsorge seiner Eltern angewiesen ist, sondern auch, weil sich die Beziehung zum Partner verändert.
Allgemein wird erwartet, dass das Beziehungsglück vollkommen ist, wenn Paare Eltern werden. Ein Kind krempelt jedoch das Leben noch mehr um, als man vorher denkt. Das fängt bei Freunden, Freizeit, Arbeit und Ausschlafen an und hört bei dem Partner auf. Aus einem bisher eingespielten Zweierteam wird ein Dreierteam, das erst noch zu sich finden muss.
Keine Zeit für die Zweisamkeit
„Solange das Paar ohne Kind ist, hat es alle Möglichkeiten sich zu überlegen, wie die gemeinsame Zeit zu gestalten ist. Mit einem Baby kommt ein neuer Mensch in die Partnerschaft dazu, für den die Eltern 24 Stunden am Tag da sind“, sagt Traute Bickel, Einzel- und Paartherapeutin. Herauszufinden, was das Baby genau will, ist eine Herausforderung.
„Für die Partnerschaft bleibt in den ersten Monaten kaum Zeit übrig“, sagt Johanna Graf, Psychologin an der Uni München. Die Zeit, die ein neu geborenes Baby beansprucht, muss irgendwo herkommen. Meistens bleibt die Mutter erst einmal mit dem Baby alleine zu Hause. Ihre Situation und Identität verändert sich komplett, während sich beim Vater meistens nicht so viel verändert. Die Zeit, die er vorher Partner war, ist er nun Familienvater.
„In den ersten sechs Monaten spricht man von einer Mutter-Kind-Symbiose. Hilfreich für den Vater ist es zu wissen, dass er nicht abgelehnt wird, sondern dass das Kind im Mittelpunkt steht. Jedem ‚frischen‘ Vater kann es so gehen“, erklärt Inga Schade, Paar- und Familientherapeutin. „Doch je mehr er Neugier und Interesse zeigt und die Mutter ihn vertrauensvoll mit einbezieht, kann das gemeinsame Abenteuer Familie zur Zufriedenheit aller Beteiligten wachsen“, sagt Schade.
Einige Paare erinnern sich vielleicht nach drei Monaten Babystress, dass sie ihren Partner auch mal sexy fanden. Schade betont: „Es ist Arbeit, dafür zu sorgen, nicht nur Eltern zu werden, sondern auch ein Paar zu bleiben.“ Die Eltern sollten Räume schaffen, sich auch weiterhin als Paar zu treffen. So kann man schon vor der Geburt überlegen, zu welchem Zeitpunkt ein Babysitter bestellt werden soll. „Dieser Termin kann sich verändern, wichtig ist, dass über das Thema gesprochen wird“, sagt Bickel.
„Viele Paare, die ich kenne, finden es komisch, das erste Mal nach der Geburt wieder zu zweit zu sein. Es darf ruhig komisch sein“, sagt Bickel. Gerade viele Frauen wollen nach der Geburt ihre Sexualität noch mal von vorne entdecken. Das fordert Verständnis vom Partner. Bickel empfiehlt, die Ansprüche nicht zu hoch zu hängen. „Lieber verabredet man sich zum Kino und hat gar nicht den Stress, gleich wieder Sex haben zu müssen. Wichtig ist es, dass das Kind nicht immer Mittelpunkt sein muss.“
Vorbereitung für den Ernstfall
Ein romantisches Wochenende in Paris, das nur im Hotelzimmer verbracht werden soll, bringe viel zu viel Druck ins Spiel. Lieber ohne Baby Frühstücken oder Eisessen gehen. Wichtig sei es auch, dass nicht dauernd über das Kind gesprochen wird. Um den Partner nicht aus den Augen zu verlieren, kann sich das Paar gegenseitig erzählen, wie es war, als sie sich kennen gelernt haben. Und wie zu Beginn der Beziehung ist es auch jetzt wieder wichtig, über sexuelle Wünsche zu reden.
Je besser ein Paar sich vorbereitet, desto leichter könne es mit der neuen Situation zurechtkommen. Deshalb gibt es Kurse, die den Übergang vom Paarsein zum Elternwerden thematisieren. „Diese Kurse wurden von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Techniker Krankenkasse entwickelt, und werden von den meisten Krankenkassen bezuschusst“, sagt Bickel.
Man müsse sich innerlich auf das Kind einstellen, rät Graf werdenden Eltern. „Nicht umsonst sagt man in anderen Kulturen, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Es müssten auch Strukturen geschaffen werden. So kann festgehalten werden, wann der Vater zu Hause ist, wann die Mutter mal frei hat und wann Zeit für die Partnerschaft ist.
Ein Kind reduziert in der Beziehung der Eltern die Autonomie, aber auch die Zuwendung zum Partner. Außerdem werden Konflikte mit der Zeit gar nicht erst angesprochen, oder aber es wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. In ihrer Dissertation hat Graf über fünf Jahre hinweg Paare mit Kindern und Paare ohne Kinder verglichen. „In den ersten fünf Jahren nach der Geburt des Kindes verschlechtert sich bei fast allen Paaren die Beziehung. Danach wird es jedoch besser.
„Gerade Paare, die früher einander sehr liebevoll zugetan waren und sich trotzdem Luft zum Atmen gelassen haben, verbesserten ihre Beziehung“, sagt Graf. Deshalb rät sie, täglich auch mit kleinen Ritualen die Beziehung zu pflegen. Das kann schon ein Guten-Morgen-Kuss sein oder jeden Abend fünf Minuten miteinander zu kuscheln.





