Klimawandel

Fast alle Wetter werden schöngeredet

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Uwe Schmitt

Foto: yr_/_pz_gk/rf / NOAA

Im amerikanischen Asheville steht das größte Klimadatenarchiv der Welt: Es verfügt über äußerst brisante Daten. Sein Direktor darf Politikern erklären, warum der Mensch für die Erderwärmung verantwortlich ist. Aber nicht zu laut. Ein Besuch.

Thomas Karl spricht über Klimawandel in dem begütigend monotonen Tonfall, mit dem Forscher leidenschaftliche Ahnungslose beruhigen. So hypnotisch mag der Direktor des National Climatic Data Center (NCDC), des größten Klimadatenarchivs der US-Regierung und der Welt, auch zweimal im Jahr im Weißen Haus seinem Boss, dem Präsidenten, vortragen. Dieses Mal gibt Thomas Karl in der Halle des Folk Art Center, etwa zwanzig Autominuten von dem Standort seines Instituts in Asheville (North Carolina) den wahren Chefs, steuerzahlenden Amerikanern, einen Überblick über wenig bekannte Fakten und weit verbreitete Irrtümer in der Debatte um das Klima. Man fragt sich, welche Fragen George W. Bush an Karl nach seinem Vortrag richtet. Der Präsident und seine Freunde in Amerikas Energiewirtschaft hielten „climate change“ lange für Propaganda von Bäume-Umarmern, Spielverderbern, linken Geschäftsschädlingen. Der Hurrikan „Katrina“ änderte das.

Das Volk ist schon länger weiter. Kids in Basecaps, Alte an Gehgestellen, Umweltaktivisten bezeugen Karls Powerpoint-Präsentation. Ihre Fragen sind klug und etwas ungnädig, wenn er ihnen ausweicht. Karls Auftritt ist nicht nur aus Geldmangel ein Gegenentwurf zu Al Gores oscargekröntem Vortrag in „Inconvenient Truth“. Wo Gore Blitze von Geist und computeranimierter Apokalypse schleudert, fast sämtlich NCDC-gestützte Daten übrigens, meidet Karl jede Wertung. Er sieht sich und seine Behörde, unter dem Dach der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) im US-Wirtschaftsministerium, als Archivare und Punktrichter.

Im Gespräch räumt er ein, dass die Clinton/Gore-Regierung die Expertise seines Amtes weit häufiger gesucht habe. Al Gore kam ständig nach Asheville. GeorgeW. Bush war in der NOAA mit seinen Amtsstuben-Porträts präsent, bis „Katrina“ im September 2005 New Orleans versenkte. Im Mai 2006 trug Karl im Weißen Haus vor, dass die Klimaerwärmung auch von Satellitenmessungen bestätigt wird. Dies, erzählt er, war der Weckruf für die Regierung. In Bushs „State of the Union“-Rede Ende Januar kam der Begriff Klimawandel zum ersten Mal vor.

Thomas Karl kann seinen Dienstherrn, der Grenzwerte für CO2-Ausstoß in den USA verweigert und das Kyoto-Protokoll ignoriert, schlecht schelten; selbst wenn in den USA ein Viertel der Treibhausgase des Planeten verursacht werden, obwohl dort nur vier Prozent der Weltbevölkerung leben. Der Klimaforscher ist eine Koryphäe, Verfasser von einem Dutzend Lehrbüchern und von Hunderten Fachartikeln. Er ist einer der Hauptautoren der US-Delegation beim Klimarat der Vereinten Nationen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), die bis heute zwei von vier Berichten vorgelegt haben. Was von mehr als 1000 Forschern aus Dutzenden Ländern erarbeitet wurde und öffentliche wie staatliche Überprüfungen durchlief, kam zuletzt Anfang April in Brüssel in die Welt – und war niederschmetternd. Innerhalb zweier Jahrzehnte werden nach den Prognosen von IPCCII Hunderte Millionen Menschen in Afrika und Lateinamerika an Wassermangel leiden, bis 2050 könnte es eine Milliarde in Asien treffen. Massenartensterben, Krankheiten, Hunger, untergehende Landstriche an den Küsten wären die Folge. Das bittere „unavoidable“ (unabwendbar) verdrängt „sustainable“ (tragbar). Management des Unvermeidlichen, vielleicht die Verlangsamung der Erderwärmung, so heißen die Ziele der Optimisten.

„Asheville is hot“, rühmt sich die Stadt im Nordwesten North Carolinas mit knapp 70000 Einwohnern, etwa 800 Meter hoch in einem Tal der Appalachen gelegen. Mount Mitchell, über 2000 Meter hoch, ragt dreißig Autominuten entfernt auf. George Vanderbuilt hat in Asheville 1895 nach französischem Vorbild sein 250-Zimmer-Biltmore-Estate erbauen lassen. Es gibt genug gute Luft, Art-déco-Gebäude in der Stadt und Bergidylle ringsum, um wohlhabende Pensionäre aus dem ganzen Land anzulocken. Wie nach Colorado strömen sie in ausreichender Menge nach Asheville, um sich unbeliebt zu machen, indem sie die Grundstückspreise verderben. Im gesunden Klima, weit genug von North Carolinas Schweinezüchtern und der Küste mit der 160 Kilometer langen, herrlichen Landzunge der Outer Banks entfernt, die im Zerstörungspfad der Hurrikane liegt, ist auch die NOAA beheimatet.

Die Klimadaten von 150 Radarstationen in den USA, von Satelliten, Bojen und 8000 Laienmeteorologen, die dort jeden Tag eintreffen und verarbeitet werden, erhöhen den Archivbestand (2100 Terabytes) um täglich 500 Gigabytes. Das entspricht unvorstellbaren 150 Millionen Seiten Papier pro Tag. Etwas überschaubarer ist die Zahl der 150 Wissenschaftler und 70 Angestellten am NCDC. Und das höchst bescheidene, stets von einem knausrigen und zänkischen Kongress bedrohte Jahresbudget von knapp 30 Millionen Dollar. Es hat sich bisher für das NCDC nicht ausgezahlt, dass die Kunde vom Klimawandel sogar bis Washington durchgedrungen ist.

Umso angenehmer ist es da, dass das Institut das Doppelte seines Budgets ausgeben kann. Viele Daten sind für den öffentlichen Gebrauch frei. Doch privatwirtschaftliche Klientel, allen voran die Versicherer der USA sowie Anwälte und Berater, die sich aufs Wetter spezialisiert haben, bringen viel Geld. NCDC-Daten, per Definition „homogen“, also objektiv und frei von jeder politischen Bewertung, sind die letzte Wahrheit vor US-Gerichten und Kongressausschüssen.

Ingenieure fordern von der Behörde etwa Jahresmittel und Extremdaten von Wind und Wetter für den Bau von Brücken und Hochhäusern. Aber es melden sich auch Firmen, die wissen wollen, wo man in den USA am besten Tropfen gegen trockene Augen und andere Pollenallergien vermarkten könnte. Wo Snowboards am meisten Absatz finden, wo der Durst auf Coca-Cola am profitabelsten ist. Der größte Privatkunde ist seit 2006 die Volksrepublik China. Das NCDC wurde dort über Nacht entdeckt und nun abgeschöpft.

Zu den wenigen sentimentalen Zügen, die sich das Zentrum und seine Mutter NOAA leisten, zählt die Ernennung Thomas Jeffersons zum Amtsheiligen. Präsident Jefferson hatte vor 200 Jahren die erste Behörde zur Küstenvermessung („Survey of the Coast“) gegründet. Auch Benjamin „Blitzableiter“ Franklin und andere rundum gebildete Wettermänner unter den Gründervätern der USA kommen mit Notizen im Museumsarchiv des NOAA zu Ehren. Wer durch die feinen Granithallen streift, wer mit Thomas Karl und seinen Forschern spricht, alles Wissenschaftler von Weltgeltung, Ozeanografen, Paleoklimatologen, Mathematiker, Forstwissenschaftler, Geologen, kann nicht begreifen, warum Präsident Bush erst im siebten Jahr seiner Amtszeit die „ernste Herausforderung durch globalen Klimawandel“ entdecken konnte; NCDC weckt den Neid jeder Regierung der Welt.

Unseligerweise ist Bush mit seinem lauwarmen, skeptischen Interesse dicht an der Volksseele. Nur 47 Prozent der Amerikaner, die zu mehr als drei Vierteln steigende Temperaturen für real halten, glauben einer PEW-Studie aus dem Januar zufolge, dass menschliches Handeln dafür verantwortlich ist. Unter den 23 Prioritäten, welche die Amerikaner Kongress und Präsident 2007 geben wollten, rangiert „global warming“ auf Platz 19. Zur quasireligiösen Glaubensfrage wird das Thema, wenn man nach politischen Parteien unterscheidet. Unter den Republikanern meinen 43 Prozent, und zwar die mit der höchsten Bildung, es gebe keinen Beweis für den Klimawandel. Unter den am höchsten gebildeten Demokraten halten 75 Prozent den Treibhauseffekt für erwiesen.

Es fügt sich schlecht, dass auch unter manchen Demokraten alles, was „global“ heißt (oder auch UN), als Angriff auf amerikanische Souveränität zurückgeschlagen werden muss. In rechtslastigen Medien wie dem Webdienst „Drudge Report“ herrscht verlässlich dummdreiste Schadenfreude, wenn eine Global-warming-Demonstration in ein Schneetreiben gerät. In Thomas Karls Vortrag findet sich unter „Common Misconceptions“ dieser kurzatmige Unsinn. Der März 2007, notiert er, war der zweitwärmste in den USA, seit es Aufzeichnungen gibt. Auch wenn im Februar in Asheville Frost herrschte. Wenn die Sängerin und grüne Aktivistin Sheryl Crow gemeinsam mit Laurie David, der Produzentin von „Inconvenient Truth“, mit einem Biodieselbus von College zu College reist und beide prompt bei einer Party in Washington mit Karl Rove, dem Präsidentenberater, lautstark aneinandergeraten, gilt das bei „Drudge“ und seinen Alliierten als Beweis für die Impertinenz und Idiotie des grünen Aktivismus. „Sheryl Crow: weniger Klopapier benutzen!“ lautet die Schlagzeile der tumben Toren. Der Mond ist für viele, die sich für schlau halten, noch immer mitten in Amerika.

Dagegen ist es eine Wohltat, mit zwölf Wissenschaftlern des NCDC über ihre Arbeit und die Mitwirkung an den IPCC-Arbeitsgruppen zu sprechen. Wie die Charaktere, die in der Bücherverbrennungsparabel „Fahrenheit 451“ jeder ein Buch auswendig gelernt haben, kann jeder aus seinem Gebiet berichten, wie der Revisionsprozess abläuft.

Die IPCC-Autoren sind verpflichtet, jede Kritik von Publikum oder Regierungen (einmal gab es bis zu 3000 solcher Kommentare in einem Kapitel) aufzugreifen. Nicht aber sie zu übernehmen. Eifersüchteleien, aufgeblähte Egos in Fußnoten, Regierungen, die darum kämpfen, aus Schadensprojektionen wie „very high confidence“ das „very“ zu streichen – all das gibt es. Auch die US-Delegation erhob Einwände, etwa gegen den Passus, Teile Nordamerikas würden „schweren“ (severe) wirtschaftlichen Schaden erleiden. Am Ende stehen Kompromisse. Aber nicht, wie die Wissenschaftler in Asheville betonen, der kleinste gemeinsame Nenner. Die Forscher hätten das letzte Wort. Bei den IPCC-Berichten wie im NCDC.

Unter seriösen Klimaforschern in den USA gibt es nur noch Debatten um das Ausmaß des Wandels, nicht ob er existiert. Das Leben oder Sterben von Hunderten Millionen Menschen, so deutet auch Thomas Karl an, wird danach dadurch entschieden, ob die Meere in den kommenden Jahrzehnten um zwei oder sechs Zentimeter ansteigen. Oder gar um sechs Meter, wenn das Eis Grönlands und der Antarktis schmilzt? Es ist schwer, nicht in Schwermut oder Defätismus zu fliehen, wenn man die Szenarien ernst nimmt. Thomas Karl selbst, nach seinem persönlichen „CO2-Abdruck“ gefragt, sucht noch nach einem gleichermaßen PS-starken wie umweltschonenden Vierrad-Hybridwagen, der seinen Hausberg auch im Schnee erklimmt.

Es muss ihm eine Genugtuung sein, dass mindestens die Jahre der ideologischen Zensur durch das Weiße Haus vorbei zu sein scheinen. Philip Cooney, heute Öl-Lobbyist, früher im Weißen Haus einer der Zensoren, bestätigte jüngst vor einem Kongressausschuss, dass bis zum Jahr 2003 Hunderte Streichungen, Beschönigungen, Fälschungen in staatlichen US-Umweltberichten vom Weißen Haus angewiesen wurden. „Meine Loyalität galt alleine dem Präsidenten“, erklärte Cooney. Bis heute durchläuft jeder monatliche NCDC-Monatsbericht vor der Veröffentlichung 13 amtliche Kontrollstellen.

Aber George W. Bush hat dazugelernt, heißt es im NCDC. In das politische Klimawandel-Vakuum in Washington stoßen trotzdem vor allem Einzelstaaten, angeführt von Kalifornien unter Arnold Schwarzenegger. Jeder einzelne Staat hat genug Dreck am Stecken.

Texas bläst mehr Schadstoffe in die Luft als Großbritannien; nähme man sechs Staaten des US-Südostens, darunter auch North Carolina, zusammen, hielte das Konglomerat den fünften Rang in der Nationenrangliste der Treibhausgas-Sünder. Im NCDC hört man Rühmendes über Schwarzenegger und, hinter vorgehaltener Hand, Ungeduldiges bis Beschämtes über die Zähigkeit des Dienstherrn. Offiziell gibt es keine Frustration.

Dort, in Asheville in North Carolina liegen die Daten, die zeigen, dass sich die Beschleunigungsrate der Erwärmung seit 1975 verdreifacht hat. Thomas Karl gibt nach seinem Vortrag dem Publikum noch ein Szenario mit auf den Heimweg. Es sei völlig unklar, sagt er, was geschieht, wenn die ungeheuren Mengen Methan, die unter dem Permafrost der ehemaligen Sowjetunion lagern, durch die Erderwärmung in die Atmosphäre gerieten. Wie dringlich Washington handeln müsse, wird er gefragt. Das zu sagen sei nicht seines Amtes. Nur die Weigerung zu werten, meint er, schütze Wissenschaft vor Entwertung.

Er glaube an das Überleben. Genauer, an menschliche Erfindungsgabe.

Das Archiv im Internet: www.ncdc.noaa.gov