In New York sind nach Behördenangaben mehrere hundert Schulkinder möglicherweise an Schweinegrippe erkrankt. Es handele sich um Schüler einer Privatschule im Stadtteil Queens, sagte der Leiter der städtischen Gesundheitsbehörde, Thomas Frieden. Die Erkrankungen wurden zwar bislang nicht als Fälle von Schweinegrippe bestätigt, wie Frieden mitteilte. Die Kinder litten jedoch an denselben Symptomen wie ihre Mitschüler, bei denen das Virus bereits bestätigt wurde.
Bürgermeister Michael Bloomberg sagte, außerdem seien zwei weitere Menschen mit Verdacht auf Schweinegrippe ins Krankenhaus gebracht worden. Bei den Patienten handele es sich um ein Kind und einen Erwachsenen.
Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger verhängte wegen der Schweinegrippe den Notstand über den US-Bundesstaat. „Es gibt keinen Grund für einen Alarm, aber es gehört zu den wichtigsten Anliegen des Gouverneurs, das Ausbreiten der Grippe so schnell und effizient wie möglich einzudämmen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. In Kalifornien gab es zu diesem Zeitpunkt elf bekannte Fälle von Schweinegrippe. Laut „Los Angeles Times“ gibt es bei zwei Todesfällen in Kalifornien den Verdacht, dass die beiden Personen an der Schweinegrippe erkrankt gewesen sein könnten. Die Ausrufung des Notstands ermöglicht, zusätzliche Gelder für die Bekämpfung der Krankheit bereitzustellen.
US-Präsident Barack Obama beantragte beim US-Kongress zusätzliche 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,1 Milliarden Euro) für die Bekämpfung der Schweinegrippe in den USA. Das Geld soll vor allem dazu benutzt werden, die Produktion und Lagerung von Grippe- Impfstoff und anderen Medikamenten zu beschleunigen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs. Er betonte, dass es nach Ansicht des Präsidenten derzeit keinen Grund zu gesteigerter Sorge gebe. Die Maßnahmen gehörten aber zur umsichtigen Vorausplanung angesichts der bedrohlichen Krankheit.
In Deutschland erhärtete sich der Schweinegrippe-Verdacht in Hamburg. Nach Informationen der „Financial Times Deutschland“ wurde bei einer jungen Frau im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eine Infektion mit einem Grippevirus vom Typ H1N1 nachgewiesen. Zu diesem Typ gehört außer der Schweinegrippe allerdings auch die aktuell zirkulierende gewöhnliche Grippe. Welche Variante die Patientin hat, soll nach UKE-Angaben am Mittwochmittag feststehen.
Die Patientin war am Wochenende aus Mexiko eingetroffen. „Sie passt in das Raster“, der Verdacht auf Schweinegrippe sei „hochgradig“, sagte Stephan Günther, Leiter der Virologie des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin, das die Proben untersucht, der Zeitung.
Nach UKE-Angaben war die Patientin über Düsseldorf nach Hamburg zurückgekehrt. Sie sei nach ihrer Ankunft im UKE sofort isoliert und eingehend untersucht worden. Eine abschließende Bestätigung der Verdachtsdiagnose steht noch aus, sagte die Sprecherin. Die zuständigen Behörden seien umgehend informiert worden. Die Frau sei sofort mit den entsprechenden Medikamenten behandelt worden. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut.
In Berlin gab es die ersten zwei Verdachtsfälle auf Schweinegrippe. Die Diagnose habe sich aber nicht bestätigt, sagte der Stabsleiter und Staatssekretär in der Senatsgesundheitsverwaltung, Benjamin-Immanuel Hoff, am Dienstag. Ein 35-Jähriger habe nach seiner Rückkehr aus New York über Erkältungserscheinungen geklagt und sich selbst bei den Behörden gemeldet. Eine 60 Jahre alte Berlinerin habe sich nach einer Mexikoreise ebenfalls unwohl gefühlt und sei zum Arzt gegangen. Die Untersuchungen hätten ergeben, dass in beiden Fällen keine Ansteckung vorgelegen habe.
Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder betonte, es gebe derzeit keine konkrete Bedrohung der Bevölkerung in Deutschland. Auch wenn sich der Verdacht einer Infektion in Deutschland bestätigen sollte, würde es sich zunächst nur um Einzelfälle handeln, die schnell diagnostiziert und wohl auch erfolgreich behandelt werden könnten. Schröder erläuterte, dass sich im Schnitt 9000 deutsche Touristen in Mexiko aufhielten.
Grundsätzlich sei auch in Deutschland mit Schweinegrippe-Fällen zu rechnen, betonte der Leiter des Robert Koch-Instituts, Jörg Hacker. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sagte der „Bild“- Zeitung (Dienstag) das Risiko einer weltweiten Verbreitung könne derzeit niemand genau kalkulieren. „Es kann eine weltweite Grippewelle geben. Ich mache mir Sorgen, hoffe aber, dass meine Sorgen grundlos bleiben.“ Die Bundesregierung sieht sich gewappnet. „Bund und Länder, Ärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste wissen genau, was sie im Ernstfall zu tun haben.“
Information-Hotlines
Das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert über die Telefonnummer 030/18754416 über das neue Influenzavirus. Die Nummer ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr erreichbar
Das Bundesgesundheitsministerium schaltet ab 29. April um 9 Uhr die Telefonnummer 01805/996619 frei. Die Experten sind dort von montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Am Freitag ist die Leitung von 8 bis 12 Uhr besetzt.
WHO rätselt um die Schweinegrippe
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sucht in Zusammenarbeit mit den betroffenen Ländern fieberhaft nach den Ursachen der Schweinegrippe. Vier Labore seien weltweit damit befasst, das mutierte Virus zu analysieren und die Entwicklung von Impfstoffen vorzubereiten, sagte der Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gregory Hartl am Dienstag in Genf. „Wir wissen, dass alle Übertragungen bisher von Mensch zu Mensch vor sich gegangen sind“, sagte Hartl. „Wir suchen noch nach dem Ursprung (des Virus) und wissen nicht, wo das sein könnte.“ Es gebe bislang noch keine konkreten Hinweise, dass es von Schweinen auf den Menschen übertragen wurde. Auch der Genuss gekochten oder gebratenen Schweinefleisches sei kein Problem.
Die WHO hatte in der Nacht zum Dienstag ihre Alarmstufe von Phase 3 auf 4 erhöht. Das bedeutet, dass das Virus sich von Mensch zu Mensch ausbreitet. „Wir sind einer (weltweiten) Pandemie einen bedeutenden Schritt näher gekommen“, sagte Hartl. Andererseits könne sich das Virus auch wieder verändern oder gar zurückziehen. „Das ist jedenfalls jetzt die Zeit, sich vorzubereiten,“ meinte er an die Länder und Regierungen gewandt.
Wenn es zu weiteren Ausbrüchen komme, müssten auch Notfall-Impfstoffe produziert werden. Dies bedeute dann eine Erhöhung auf Alarmstufe 5. Die höchste Stufe 6 zeigt an, dass eine Pandemie herrscht. Nach dem Ausbruch der Vogelgrippe 2003 hätten nun fast alle der über 150 der WHO angehörenden Länder Notfallpläne für eine Pandemie, sagte er WHO-Sprecher.
Die WHO-Wissenschaftler können sich bisher auch nicht erklären, warum es bei den 26 Fällen in Mexiko, bei denen Labors das mutierte Virus nachgewiesen haben, zu sieben Todesfällen vor allem bei sonst gesunden und jungen Erwachsenen gekommen ist. Dagegen verlaufen etwa die 40 Fälle in den USA vergleichsweise harmlos.
Die WHO empfiehlt derzeit keine Reisebeschränkungen oder gar das Schließen von Grenzen, erklärte die Organisation auf ihrer Website. Wenn möglich, sollten aber Reisen in gefährdete Gebiete vermieden werden. Es gehe grundsätzlich keine Gefahr vom Genuss gekochten Schweinefleisches und Produkten aus Schweinefleisch aus. Auch das Auswärtige Amt hatte seine Reiseempfehlungen für Mexiko im Internet verschärft: „Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Mexiko wird derzeit abgeraten.“
Das Bundesentwicklungsministerium prüft eine mögliche Unterstützung von betroffenen und bedrohten Entwicklungsländern. Konkrete Anfragen lägen noch nicht vor, teilte das Ministerium mit. Deutschland könnte Partnerländer bei der Stärkung der Gesundheitssysteme unterstützen. Möglich sei auch Finanzhilfe für Schutzkleidung, Beatmungsgeräte, Früherkennung, Überwachung und die Ausbildung von Hygiene-Experten. Die Überlegungen erfolgten in Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium, hieß es.
AP/dpa/AFP/dma



