Reliquie

Jesusporträt sorgt für Aufsehen

| Lesedauer: 11 Minuten

Wie Jesus wohl aussah, ist eine der ganz großen Fragen der Menschheit. Nun könnte sich dieses Rätsel lösen: Schriftliche Zeugnisse stützen die Vermutung, dass die Reliquie von Manoppello das "wahre Antlitz Christi" zeigt.

Der "Volto Santo", vielleicht das wahre Antlitz Christi, eingeprägt auf einem Tuch aus Muschelseide, aufbewahrt in einer Dorfkirche bei Manoppello in den Abruzzen, bewegt die Gemüter. Der Papst hat die Kirche am 1. September besucht und sie zwei Wochen später zur päpstlichen Basilika erhoben. Auf dem hauchdünnen Tuch entsprechen die Gesichtszüge des Mannes mit offenen Augen auf frappierende Weise allen Maßen vom Gesicht des Mannes auf dem Turiner Grabtuch mit geschlossenen Augen.

Es ist ein starkes Argument pro, welches das Tuch - nach der Darstellung der Auferstehung durch Johannes 20,12 - von vielen mit dem so genannten "soudarion" Jesu im Grab in Jerusalem identifizieren lässt. Rezensionen zu dem einschlägigen Buch von Paul Badde haben angemahnt, dass sich bislang für die ersten vier Jahrhunderte ein "garstiger Graben" auftue, in dem außerbiblische schriftliche Zeugnisse fehlen, welche die Identität und Authentizität der Reliquie von Manoppello mit dem alten "wahren Bild" der Christenheit nahe legen. Hier sind zwei solcher Dokumente.

Unter den neutestamentlichen Apokryphen gibt es ein fast unbekanntes Dekret des Apostels Petrus, betreffend das Bild Jesu Christi. Wieder entdeckt wurde das Dokument neuerdings von Schwester Mirjam im Karmeliterinnenkloster von Haunstein/Pfalz. Es lautet so: "Trage das Bild unseres Herrn Jesus Christus herbei und stelle es aus im Turm, damit die Völker sehen, welche Gestalt der Sohn Gottes angenommen hat."

Der Wortlaut erinnert an Jesus Christus als "Zeichen für die Völker" (vgl. den Text der 3. O-Antiphon der Adventsliturgie: Qui stas in signum populorum). Als Verfasser wird der Apostel Petrus angegeben. Das Dekret findet sich in den Akten des Hl. Märtyrers Pankratius, der von Petrus und Paulus (angeblich) zum ersten Bischof von Taormina (Tauromenium) in Sizilien eingesetzt worden sein soll. Über Pancratius erfahren wir weiteres um 304, und intensiv später bei Gregor dem Großem.

Das Dekret des Apostels Petrus findet sich in der "Bibliothek der Kirchenväter" (Band I, herausgegeben in Kempten 1875) mit dem Zusatz, es sei "schwer verständlich". Dieser Mangel könnte jetzt behoben werden, denn das "Bild Christi" könnte durchaus das von Badde beschriebene sein.

Dafür spricht: Eine Beziehung des hl. Pankratius gibt es gerade zum Tuch von Manoppello. Jedes Jahr am dritten Sonntag im Mai wird der "Volto santo", das Bild Christi, in Manoppello feierlich vom Heiligtum zur Pfarrkirche San Nicola in die Stadt und zurück getragen. Einen Tag vorher wird dasselbe mit einer Figur des heiligen Pancratius unternommen, der dem "Volto santo" vorausgeht und ihn am Festtag selbst gewissermaßen abholt. Es gibt hier also eine merkwürdige Beziehung Petrus - Christusbild - Pancratius - Manoppello.

Über das Alter des Petrusdekrets wäre zu forschen. Und zu bedenken ist auch, ob der "Turm", den das Dekret angibt, später vielleicht zum Bau jenes "Turmes" in der neuen Sankt Peter-Basilika in Rom führte, der von Anfang an zur Aufbewahrung und Schaustellung der Reliquie konzipiert wurde. Zu fragen ist also, ob dieser "Veronika-Pfeiler" links hinter dem Bernini-Altar, auf dem die Peterskuppel ruht, nicht gleichsam als kanonischer Ort begriffen werden muss. Wurde bei der Entfernung des Manoppello-Bildes aus Alt-Sankt Peter auch die Beziehung zu Pancratius nach Manoppello "mitgenommen" und übertragen?

Dass Pancratius von Taormina nicht unbedingt identisch sein muss mit dem am 12. Mai gefeierten Märtyrer und Nothelfer Pancratius dürfte angesichts der Logik der Volksfrömmigkeit weniger ins Gewicht fallen. Vielmehr wird durch die Verbindung von Pancratius und "Volto Santo" in Manoppello der eigentliche "Sitz im Leben" der Verehrung des "Volto Santo" greifbar: Pancratius ist Helfer gegen schwerste Krankheiten. Bereits die Schweißtücher der Apostel hatten nach der Apostelgeschichte die Funktion der Heilung (19,12). Und jeder Kundige weiß, wie lange der "Volto Santo" als "Schweißtuch" Christi überliefert wurde. Wer es sah oder berührte, konnte genesen.

Einen ähnlich brisanten Text, der neues Licht auf die Herkunft des "Volto Santo" und seinen Gang durch die Geschichte werfen könnte, habe ich in den so genannten Thomasakten entdeckt, die im 2. bis 3. Jahrhundert nach Christus in Ostsyrien entstanden sind. Dort findet sich in dem berühmten Perlenlied (§ 111f) ein Passus, der vielleicht nur im Lichte des Tuches von Manoppello verständlich werden kann.

Der Text an dieser Stelle ist schwierig und wurde nach dem Griechischen und Vorschlägen von H.J.W. Drijvers übersetzt. Der auf die Erde geschickte Königssohn ist dort mit schäbigen Kleidern ausgestattet - ein Bild für den menschlichen Leib. Vom Himmel her erhält er ein Gewand "auf chinesischem Gewebe mit Rötel (gezeichnet), vor mir mit seinem Aussehen glänzend". Dieses Gewand sieht der Sohn dann plötzlich sich gegenüber, und da wurde es "ähnlich meinem Spiegelbild mir gleich. Ich sah es in mir, und in ihm sah ich mich auch (mir) gegenüber." (111,[66]-112,[77]).

Für das Tuch von Manoppello kann dieser Passus in mehrerer Hinsicht erhellend sein: Der Königssohn steht im Kontext für Jesus. Auch das Tuch von Manoppello wird zunächst als glänzende Seide wahrgenommen, und die Zeichnung des Antlitzes scheint wie mit Rötel ausgeführt; dies ist die einzige Farbe, die zureichend den Farbton beschreibt. Auch hat dieses Tuch eigenartige Spiegelwirkungen, die schon oft beschrieben wurden. Dass das Antlitz aber auf edler Seide gezeichnet ist, bedeutet im Sinne des Perlenliedes: Gegenüber dem verfallenden Antlitz des Toten ist es ein Spiegel im Sinne der besseren Identität, die sich der Erhöhung in der Auferstehung verdankt. Denn das Wort Spiegel kann in zweifachem Sinne verstanden werden, entweder als Darstellung der augenblicklichen Gegenwart (das ist unser Sprachgebrauch) oder im Sinne dessen, was werden soll (wie der Jungfrauenspiegel, der Regentenspiegel).

In diesem Sinne ist das Bild des lebenden Christus von Manoppello in der Tat die Brücke zwischen dem gerade Gestorbenen hinüber zum Auferstandenen. Von Verfall ist nichts zu sehen. Aber auch der Ausdruck "wahres Bild" ("vera ikon"), von dem sich später die Allegorie der Veronika ableitete, bekäme durch den Text des Perlenliedes noch einmal eine besondere Bedeutung. Denn es ist ganz wahr, wesensgemäß, vom Himmel. Der Ausdruck "Spiegel" beschreibt hier das, was wieder werden soll. Das Zeichen des Königs, von dem die Thomasakten berichten, weist auf eine Krone, hier: die Spur der Dornenkrone.

Da die Thomasakten nicht weit von Edessa in Syrien entstanden sind, Edessa aber eine unumgängliche Bedeutung für die Geschichte des Volto Santo hat, sind die Thomasakten eine hilfreiche Stütze. Es ist bekannt, dass das zitierte Perlenlied der Thomasakten Erlösung in einem Gesamtvorgang beschreibt. Es kann gut sein, dass diese Aussagen ihren Ursprung in konkreter Verehrung des Volto Santo haben.

So könnte hinter dem im Perlenlied Berichteten also durchaus ein konkretes Objekt und nicht ein abstrakter Mythos stehen. Dann steht auch das himmlische Gewand nicht für einen "Mythos" von der Wiedererlangung des besseren Selbst in der himmlischen Heimat, sondern reflektiert die praktische theologische Aussage und Bedeutung eines solchen Tuches "aus chinesischer Seide" mit einer Rötelzeichnung des menschlichen Gesichtes Gottes für Christen in der Tradition der Erinnerung an Jesu Leiden und seine Auferstehung nach dem Martertod.

Am Schluss drängt sich noch der Gedanke auf, ob die Bezeichnung des "Perlenliedes" nicht möglicherweise schon damals den Perlmuttschimmer jenes Gewebes in Manoppello reflektiert, von dem jüngst mit vielen Argumenten behauptet und gemutmaßt wurde, dass es sich bei ihm nicht etwa um "Seide", sondern um Byssus oder Muschelseide handelt, das kostbarste Gewebe der Antike, das aus Haftfasern einer besonderen Muschel des Mittelmeers gewonnen wurde.

Die rätselhafte Spiegelbildlichkeit indes, von der die Thomasakten bei diesem himmlischen "Gewand" berichten, taucht fast spiegelbildlich noch einmal in der "Göttlichen Komödie" im 14. Jahrhundert auf, wo Dante - dem das Christusbild auf dem Veronika-Schleier aus dem Vatikan deutlich vor Augen war - das Bild Gottes im Innern des trinitarischen Lichtkreises im 33. Gesang in die Worte kleidet: "... in seinem Innern in der eignen Farbe bemalt mit unserm eignen Ebenbild, drum ruhte einzig nur auf ihm mein Auge".

Noch einmal 700 Jahre später war es eben dieses Bild Gottes aus der "kosmischen Reise" Dantes, von dem Papst Benedikt XVI. am 23. Januar 2006 gestand, dass es ihn zu seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" bewegt habe, weil hier "Dantes Blick etwas völlig Neues wahr (genommen hatte), was für den griechischen Philosophen noch unvorstellbar war. ... Gott, unendliches Licht, dessen unermessliches Geheimnis der griechische Philosoph erahnt hatte, dieser Gott hat ein menschliches Antlitz ..."

"Bewiesen" ist mit alledem nichts. Aber aufgrund der jetzt vorgelegten schriftlichen Quellen kann man nunmehr auch einen möglichen frühen Weg dieser Reliquie wenigstens vorstellen: Mit dem Namen des hl. Petrus verbunden gelangt sie nach Syrien, spielt dort Ende zweiten Jahrhunderts beim Werden des Perlenlieds eine Rolle.

Sie gelangte nach Sizilien, wurde ausgestellt im Domturm von Taormina, wurde dann im frühen Mittelalter in die Peterskirche nach Rom gebracht und beim Neubau von Sankt Peter nach Manoppello verschleppt. Die weitere Diskussion dürfte auf jeden Fall dieses zeigen: Für die Alte und die mittelalterliche Kirche hatte die Beschäftigung mit dem "wahren Antlitz Jesu Christi" einen konkreten Grund: Das Erstaunen und Erschrecken über die Menschwerdung Gottes.