Evolution

Wir Europäer sind ganz schön degeneriert

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Rolf H. Latusseck

Foto: ve_cu/kd / dpa

Die gesunde Wiege der Menschheit stand in Afrika. Das belegen neue Studien. Nur: Unser Erbgut hat seitdem stark gelitten. Durch die Wanderung haben wir Vielfalt eingebüßt. Vergleiche zwischen Amerikanern afrikanischer Abstammung und Amerikanern europäischer Abstammung lassen den Schluss zu.

Ihre Ausbreitung über die gesamte Erde bezahlte die Menschheit mit einem Verlust an genetischer Vielfalt und gleichzeitig mit einer Anhäufung winziger Mutationen. Diese Ergebnisse umfangreicher Analysen des menschlichen Erbguts veröffentlichen zwei Arbeitgruppen unabhängig voneinander heute im Fachblatt "Nature".

Noah Rosenberg von der University of Michigan und seine Arbeitsgruppe konnten die Theorie erneut bestätigen, dass der moderne Mensch in Afrika entstand. Nach ihren Untersuchungen haben afrikanische Bevölkerungsgruppen die höchste Vielfalt in ihrem Genpool, wie Biologen die Gesamtheit aller Gene einer Population bezeichnen. "Aber die genetische Vielfalt schrumpft mit dem Abstand von Afrika", schreiben die Autoren.

Eine relativ breite genetische Variabilität besitzen Völker des Nahen Ostens. Bei Asiaten und Europäern findet man bereits deutlich weniger, und am stärksten verarmt ist das Erbgut amerikanischer Indianer. Die abnehmende Vielfalt zeichnet das Besiedlungsmuster der Erde nach, ausgehend von Afrika. "Die Vielfalt ging durch den Wanderungsprozess verloren", kommentiert Rosenberg das Ergebnis.

Kleine Gruppen nahmen nur einen Teil mit

Eine Erklärung für dieses Phänomen bietet der seit Längerem diskutierte serielle Gründungseffekt, im Fachjargon der "serial founder effect". Damit ist gemeint, dass die Menschen etappenweise die Welt besiedelten. Vermutlich verharrten sie eine gewisse Zeit in einer Region, bevor eine kleine Gruppe weiterzog, während die Mehrheit am Ort blieb. Diese kleine Gruppe, die zum Gründer einer neuen Population wurde, nahm aber nur einen Teil aus der gesamten Vielfalt des Genoms mit ins neue Siedlungsgebiet. Das Resultat ist eine serielle Verarmung des Erbguts mit zunehmendem Abstand von Afrika.

Rosenbergs Arbeitsgruppe wies diese Entwicklung mithilfe von drei unterschiedlichen Mutationstypen nach. Anhand sogenannter Punktmutationen, neuerdings meist als SNPs ("single nucleotide polymorphisms") bezeichnet, anhand von Haplotypen und von CNVs ("copy number variants"). Stellt man sich die drei Milliarden Bausteine des menschlichen Erbguts als Buch mit drei Milliarden Buchstaben vor, dann entspricht eine Punktmutation einem Druckfehler von nur einem Buchstaben. Ein Haplotyp wäre ein vollständig falsches Wort, und CNVs wären komplette Seiten, die fehlen oder doppelt vorhanden sind. Auf allen drei Ebenen nimmt die genetische Vielfalt ab, je weiter die Bevölkerungsgruppe von Afrika entfernt ist.

Geringere genetische Vielfalt

Ausschließlich mit Punktmutationen beschäftigten sich dagegen Carlos Bustamante von der Cornell University in Ithaca (US-Staat New York) und Mitarbeiter. Sie verglichen die Punktmutationen im Erbgut von Amerikanern afrikanischer Abstammung mit jenen von Amerikanern europäischer Abstammung. Auch sie fanden bei den europäischen Nachkommen eine geringere genetische Vielfalt als bei den - ursprünglichen - Afrikanern.

Aber von diesen relativ wenigen Mutationen zeigten überproportional viele eine Tendenz zu nachteiligen Konsequenzen. Punktmutationen haben in vielen Fällen keine Konsequenzen auf den Organismus. In seltenen Fällen können sie sich positiv auswirken, meist aber sind sie negativ. Nach diesen Kriterien untersuchten die Forscher die Mutationen, und bei den Amerikanern europäischer Abstammung fielen ungewöhnlich viele in die Kategorie "vermutlich negativ".

"Derart deutliche Unterschiede in der Verteilung neutraler und negativer Mutationen hatten wir nicht erwartet", sagt Bustamante. Was diese genetischen Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen für die Gesundheit des Einzelnen bedeutet, lässt sich allerdings nicht einschätzen, sagt Kirk Lohmueller, ein Mitglied der Arbeitsgruppe: "Dafür müssten wir noch präzisere Untersuchungen mit einer breiten Teilnehmerzahl machen." Die Chancen dafür sind gut, denn die technischen Möglichkeiten der Genetiker werden immer besser.