Tiere

Mysteriöses Bienensterben in Deutschland möglich

Ein großes Bienensterben wie zuletzt in den USA könnte es ohne entsprechende Gegenmaßnahmen bald auch wieder in Deutschland geben. "Die Situation hat sich in den vergangenen 14 Tagen so zugespitzt, dass die Bedrohung der Völker in wenigen Wochen sehr akut sein kann", sagt ein Experte.

Foto: pp/lrei / DPA

Wegen des milden Winters hat sich die gefährliche Varroa-Milbe zumindest in Süddeutschland zuletzt sehr stark vermehrt und könnte schon in den nächsten Wochen zum ernsten Problem werden, wie der Leiter des Bienengesundheitsdienstes beim Staatlichen Tierärztlichen Untersuchungsamt Baden-Württemberg in Aulendorf, Frank Neumann. Die Imker rief der Experte für Seuchenbekämpfung bei Bienen auf, ihre wirtschaftlichen Interessen zurückzustellen und schnellstmöglich gegen die Krankheitserreger vorzugehen. Dazu müsse allerdings die eigentlich erst Ende August anstehende Honigernte vorgezogen werden – mit entsprechend niedrigerem Ertrag. Nach dem Einsatz der organischen Mittel Ameisensäure oder Oxalsäure gegen die Milben dürfe der Honig nämlich nicht mehr geerntet werden. „Wer zu spät eingreift, dessen Völker werden sterben“, warnte Neumann.

Ohne schnelle Bekämpfung der Milbe könne die Seuche durchaus die Ausmaße des schweren Bienensterbens von vor vier Jahren in Deutschland erreichen, meinte der Experte. „Die Situation hat sich in den vergangenen 14 Tagen so zugespitzt, dass die Bedrohung der Völker in wenigen Wochen sehr akut sein kann.“

Im Winter 2002 auf 2003 war rund ein Drittel der etwa 900.000 Bienen in Deutschland gestorben, wie Kaspar Bienefeld, Leiter des Länderinstituts für Bienenkunde in Hohen Neuendorf, erklärte. Die Ursache des damaligen Bienensterbens ist wissenschaftlich noch immer nicht geklärt, wie Dieter Wittmann, Professor am Institut für Landwirtschaftliche Bienenkunde der Universität Bonn, betonte. „Es konnte weder ein Herd einer Krankheit gefunden werden noch eine einzelne Krankheit.“ Die im Zuge der Ursachensuche aufgenommene Überwachung hunderter Bienenvölker von Imkern quer durch ganz Deutschland habe bislang nur ein einziges Ergebnis gehabt: Imker, die am Monitoring teilnehmen, haben weniger Verluste als Nicht-Teilnehmer. „Wir haben den dringenden Verdacht, dass auch 2002/2003 einzelne Imker nicht sorgfältig genug gearbeitet haben.“

Die Honigbienen, die nach Angaben des Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft durch ihre Bestäubungstätigkeit vor allem im Obst-, Beeren und Samenanbau Werte schaffen, die den Gesamtwert der Honig- und Wachserzeugung um das Zehn- bis Zwölffache übersteigen, sind laut Wittmann derzeit von einer Reihe von Krankheitserregern bedroht. Neben der Varroa-Milbe handelt es sich nach seinen Angaben dabei um zehn Viren und einige Bakterien sowie eine Darmkrankheit. Wenn den Bienen zu wenig Honig zur Überwinterung gelassen werde oder sie anderweitig „gestresst“ würden, könnten sich Krankheiten leichter vermehren, betonte der Experte.

Bienen unter Stress

Die quasi industriell genutzten Bienenvölker in den USA seien sehr großem Stress ausgesetzt. Großimker ließen ihre Bienenvölker auf Lkws „dem Sommer nachreisen“, sagte Wittmann. Angefangen in den wärmsten Staaten Florida und Kalifornien bis hinauf an die kanadische Grenze müssten die Bienen alle paar Tage andere Felder bestäuben. Bei schlechter Pflege sei ein Sterben der geschwächten Völker nicht überraschend.

Wie vor vier Jahren in Deutschland sei auch jetzt in den USA kein Herd oder eine eindeutige Krankheit zu finden. Zudem hätten selbst Großimker mit bis zu 35.000 Völkern keine Meldung über Bienensterben gemacht. Die Schätzungen von rund 30 Prozent Verlust, nachdem zunächst von bis zu 80 Prozent die Rede gewesen war, seien daher womöglich darauf zurückführen, dass völlig überstrapazierte Bienenvölker einzelnen Krankheiten zum Opfer gefallen seien. „Imkerei ist seit Varroa auch die Arbeit mit einem kranken Tier. Der Imker ist mehr als vorher auch ein Pfleger“, sagte Wittmann.

In Deutschland sind hauptberufliche Imker im Gegensatz zu den USA zwar die absolute Seltenheit; 98 Prozent der Bienenzüchter sind reine Hobbyimker, wie Bienefeld betonte. Dennoch hätten die Tiere auch hier Stress: Die zunehmenden Monokulturen bedingen eine ungesunde einseitige Ernährung der Bienen, wie Neumann sagte.

Der Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft ist zudem ein Dauerproblem für Bienen und Imker. Anders als vor einigen Jahrzehnten, als Bienenvölker reihenweise wegen des Spritzmittels E 605 gestorben sind, sind die Probleme heutzutage diffiziler, wie Neumann sagte. Zwar wird das Sterben von Bienen wegen Pflanzenschutzmitteln seit vielen Jahren sehr intensiv beobachtet. Im Frühjahr kommen Kontrolleure auf die Felder und Obstanlagen und prüfen die eingesetzten Spritzmittel auf Bienengefährlichkeit. Dennoch gibt es nach Auffassung des baden-württembergischen Experten unterschwellige Belastungen, die die Abwehr der Bienen gegen Krankheitserreger herabsetzen könnten.

Wissenschaftlich noch weitgehend ungeklärt, von Naturschutzverbänden und Imkern aber immer wieder genannt, sind Vermutungen, wonach Mobilfunkstrahlung oder gentechnisch veränderte Getreidesorten für ein Bienensterben verantwortlich sein könnten, wie Wittmann, Neumann und Bienefeld übereinstimmend sagten.