Recycling

Bergstiefel entstehen aus Autoreifen

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Thorsten Wiese

Neue Wanderschuhe aus Reifen, atmungsaktive Jacken aus Plastikflaschen und T-Shirts aus Stoffresten: Bei den Modeherstellern taucht derzeit immer häufiger der Begriff Recycling auf. Vor allem Outdoor-Marken setzen neuerdings auf Wieder-Verwertung – der Umwelt hilft das aber nicht immer.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz waren die zentralen Themen auf der diesjährigen Fachmesse "Outdoor" im Juli in Friedrichshafen. Vor allem die Hersteller von Freizeit- und Sportmode, bei der technische Textilien wie Funktionsjacken oder Jogger-Shirts die größte Rolle spielen, werben mit dem Recycling-Gedanken. Da werden aus alten Reifen Gummisohlen für Wanderschuhe - oder aus alten T-Shirts wird ein neues.

"Da gibt es mittlerweile nichts, was nicht recycelt ist", sagt Ralf-Stefan Beppler, Outdoor-Fachjournalist aus Schwabmünchen bei Augsburg und Trendexperte der Messe: Schuhe ohne Kleber, die mit Nähten oder Stecksystemen zusammenhalten, Rücksäcke aus recyceltem Polyester sowie Jacken und Vliespullover, Reißverschlüsse oder Schnallen, die aus Altem neu gemacht wurden.


"Das hat mit dem Selbstverständnis der Branche zu tun", erklärt Beppler. "Outdoor heißt ja: Die Leute gehen raus in die Natur, und vielleicht ist das durch den Klimawandel bald so nicht mehr möglich." Schon Anfang der 1990er Jahre habe es erste Versuche mit recyceltem Vlies gegeben. "Das Ergebnis war aber sehr hart und hat bei den Kunden nicht funktioniert. Jetzt kommt der Prozess langsam in Gang, weil die Technik und das Bewusstsein beim Verbraucher nun vorhanden sind."

Auch Baumwolle wird ökologisch

Die Chemiefaser-Hersteller und -verarbeiter müssten jetzt aktiv werden, so erklärt es Kristin Große-Bölting, Leiterin der Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster - "die Baumwollhändler treten ja seit einiger Zeit mit ökologischen Stoffen auf".

"Es ist eine Weiterführung des Themas Nachhaltigkeit", sagt Jana Kern, Wirtschaftsredakteurin der "Textilwirtschaft". Nach Kollektionen aus Bio-Baumwolle und dem Bemühen um saubere, ethische Produktionsbedingungen laute die nächste Frage nun "Was ist mit den Chemiefasern?"

Plasikflaschen werden zu Stoffen

Das versuchen die Hersteller nun zu beantworten. PET-Flaschen liefern dabei den Grundstoff für dünne Synthetikfasern, die zu Garnen versponnen werden, erläutert Kern. Später werden Gewebe oder Membranen für atmungsaktive Jacken daraus. "Richtig konsequent machen es die, die eine ganz bestimmte Zielgruppe bedienen", sagt Große-Bölting. So lasse sich der Gedanke passend für eine Klientel umsetzen, die das auch schätzt.

Auch laut Beppler sind es vor allem kleine Firmen, die aktiv werden und konsequent ihre Produktion auf Recycling umstellen. Als tonangebend schätzt er das Unternehmen Patagonia aus den USA ein, das schon 2005 ein "Recycling-Programm" gestartet hat: "Die haben in ihren Jacken eine recycelte Polyester-Membran, die auch selbst wieder recyclingfähig ist." Es gibt aber viel mehr: Schuhproduzent Timberland hat mittlerweile Stücke im Programm, deren Sohlen zum Teil aus recycelten Sohlenresten bestehen, auch das Innenfutter ist bei manchen Modellen aus Recyclingmaterial.

Recycling als Feigenblatt

Obermaterial, Fußbett und Sohle der neuen Inline Skates von K2 Sports für 2009 sollen komplett aus recycelten Materialien hergestellt sein. Und auch das Garn ist den Angaben nach recycelt. T-Shirt-Hersteller Anvil aus den USA hat das "Recycled Cotton Blend Tee" aus aufbereiteten Stoffresten im Programm. Keen stellt Taschen und Rucksäcke her, deren Innenfutter aus wiederverwertetem Polyester und deren Verstärkungen aus recycelten Schuhsohlen sind, Schnallen und Reißverschlüsse bestehen aus Aluminium, das ein zweites Leben leben darf. Und Membran-Hersteller Sympatex bewirbt seine atmungsaktiven Hüllen mit dem Merkmal "zu 100 Prozent recyclingfähig".

Nur recycelt oder auch selbst recyclingfähig - das ist laut Beppler ein wichtiger Punkt: "Ist es ein Feigenblatt oder wirklich ernst?" Die Produktion von Einzelstücken aus altem Material bringe wenig - die Herstellung im Kerngeschäft müsse geändert werden. "Aber es gibt heute Fasern, die komplett aus einem Recyclingprozess stammen. Und es gibt Firmen, die das Thema sehr ernst und radikal angehen."

Auch Kern rät, genau hinzusehen: "Ich kann eine Jacke aus einer PET-Flasche herstellen - aber keine neue Jacke aus einer alten Jacke, und auch kein Flasche aus einer alten Jacke." Der Kreislauf sei also nicht geschlossen - und es würden in manchen Fällen nur einzelne Teile aus wiederverwertetem Material hergestellt.