„Kinderärzte verordnen 30 Prozent der Kinder im Vorschulalter eine Förder- oder Therapie-Maßnahme“, sagt Professor Harald Bode, Chef der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Er sieht die Gefahr, dass immer mehr Kinder immer früher zu vielen, überflüssigen oder sogar schädlichen Behandlungen ausgesetzt werden. Aber: „Man kann aber aus einem VW keinen Ferrari machen“, so Bode. Die Entwicklung laufe in jungen Jahren eben unterschiedlich ab.
Eltern sollten akzeptieren lernen, dass das Kind die idealen Attribute nicht erfüllt, weil es in einigen Bereichen vielleicht langsamere Fortschritte mache als Alterskameraden. Doch in Zeiten der "maximalen Erwartungshaltung" wollten viele Eltern das in jedem Alter "perfekte und jederzeit reibungslos funktionierende Kind." Damit setze man die Kinder einem Druck aus, dem sie häufig nicht gewachsen seien.
Ernste und zu behandelnde Entwicklungsstörungen müssen natürlich abgeklärt werden. Das können Entwicklungsstörungen bei der Sprache, beim Lesen und Schreiben oder Intelligenzminderungen sein. Fünf bis zehn Prozent der Kinder gelten heute als sprachgestört. Bei 15 Prozent der Kinder werden Lernstörungen festgestellt.
Die Zahl der Förderung oder Therapien hängt dabei davon ab, wie viele Angebote es in einer Region gibt. Zuweilen aber ist Eltern die eigene Lebens- oder auch nur Tagesplanung wichtiger, so dass der Nachwuchs dann nicht gefördert wird. Das Gegenteil gibt’s auch: „Manche Eltern liefern die Kinder lieber bei einem Therapeuten ab“, beklagt Professor Bode. Die Mitarbeit der Eltern bleibt dabei auf der Strecke. Dem Kind bleibt so wenig Zeit für eine Freizeit, für soziale Kontakte, für ein spielerisches Miteinander in der Familie. „Die Therapie ist dann eine künstliche Erfahrungswelt, die nicht dem kindlichen Alltag entspricht.“
Bodes Fazit: „Manche Ziele sind einfach nicht erreichbar. Kann eine unnötige Therapie bei einem Kind eingespart werden, kommt sie einem anderen zugute, das es dringender braucht.“

