Der Psychologe Michael Kane von der Universität von North Carolina in Greensboro untersuchte eine Woche lang acht Mal täglich, woran Studenten gerade dachten. Resultat: Fast ein Drittel der Zeit waren die Teilnehmer gedanklich nicht bei den aktuellen Tätigkeiten. Manche waren 80 bis 90 Prozent der Zeit geistig abwesend, nur einer der 126 Personen gab an, stets bei der Sache zu sein.

Oft sind die "Hirnreisen" harmlos: Man kann etwa über ein Problem brüten oder sich den nächsten Urlaub vorstellen, während man ein Käsebrot kaut. Aber manchmal entfernt sich die Aufmerksamkeit auch von Dingen, auf die man unbedingt achten sollte - das kann tragische Konsequenzen haben. Etwa im Fall jenes College-Lehrers, der an einem Augusttag im kalifornischen Irvine mit dem Auto zur Arbeit fuhrt, parkte und in sein Büro ging. Woran er auch immer dachte, er vergaß seinen zehn Monate alten Sohn auf dem Rücksitz. Das Kind starb in der Hitze. Wie viele solcher tragischen Fälle es gibt, lässt sich nicht sagen, doch viele Unfälle dürften auf geistiger Abwesenheit beruhen.

Auch beim Lesen schweifen die Gedanken 15 bis 20 Prozent der Zeit ab, wie Jonathan Schooler von der Universität Vancouver betont. Und oft bemerken die Menschen dies nicht einmal. Schooler ließ College-Studenten Passagen aus dem Buch "Krieg und Frieden" lesen. Immer wenn die Teilnehmer bemerkten, dass ihr Geist abdriftete, sollten sie einen Knopf drücken. Das geschah häufig, aber überraschend war: Wenn Schooler die Studenten plötzlich unterbrach und fragte, woran sie gerade dachten, erwischte er sie regelmäßig geistesabwesend. "Die Gedanken versuchen ständig abzuschweifen", bilanziert er. "Sie nutzen jede Gelegenheit."

Es gehe nicht nur darum, eine Aufgabe zu erledigen, auf die wir uns gerade konzentrieren, sondern auch um persönliche Anliegen, die nicht bewusst sind - etwa Pläne für die Zukunft oder Lösen von Alltagsproblemen. Manchmal entführt eines dieser Ziele unsere Aufmerksamkeit, und schon schweifen die Gedanken ab.

Damit die Gedanken nicht zur unpassenden Zeit auf Reisen gehen, hofft Schooler auf Strategien, mit denen man das Abschweifen bemerkt. Der Forscher will etwa untersuchen, ob Meditation hilft.

Aber was ist genau der Sinn dieser Fähigkeit des Gehirns? "Abschweifende Gedanken sind wahrscheinlich öfter hilfreich als gefährlich", sagt Kane. Es gebe Ausnahmen, aber meist benötige das Leben nicht die volle Aufmerksamkeit. "Ein großer Teil des Lebens läuft per Autopilot." So könne das Gehirn seine Kapazitäten anderweitig einsetzen. Abschweifende Gedanken tragen auch zur Kreativität bei, glaubt Schooler: "Sie sind ungezwungen und können überall hin - die perfekte Voraussetzung für kreative Ideen."