In Deutschland ist einer von 500 Menschen von der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn betroffen, europaweit ist es eine Million. Bisher können die Kranken nur durch zwar wirksame, aber massive Therapien mit starken Nebenwirkungen behandelt werden. Häufig muss operiert werden.

Der Mediziner Jan Wehkamp stellt nun eine neue Erklärung für die Entzündungskrankheit auf - und hofft für die Zukunft auf neue, sanftere Therapien. "Bisher erklären Mediziner Morbus Crohn als Autoimmunerkrankung", sagt Wehkamp. Eine überschießende Reaktion der Immunabwehr also, die sich gegen den eigenen Körper richtet. Als Therapie blieb nur, die Immunreaktion der Patienten zu unterdrücken. Wehkamp entwirft nun zusammen mit seinem Kollegen Eduard Stange am Institut für Klinische Pharmakologie in Stuttgart ein völlig neues Konzept.

Im gesunden Darm, so die Mediziner, schützt sich die Darmhaut selbst gegen Bakterien, indem sie körpereigene Antibiotika ausschüttet, die die Keime in Schach halten. Ist die Produktion dieser Schutzstoffe gestört, dringen Bakterien in die Darmschleimhaut ein. Der Körper aktiviert sein Immunsystem, der Darm entzündet sich.

Defensine gibt es in Äpfeln, Fröschen und Menschen

"Diese Antibiotika sind Teil der angeborenen Immunabwehr", erklärt Wehkamp. Es sind sogenannte Defensine, kleine Proteine aus rund 35 Aminosäuren. "Defensine gibt es überall, sie schützen Äpfel vor dem Verfaulen, Frösche vor Entzündungen und eben auch Menschen vor Infektionen." Evolutiv sind die Eiweiße sehr alt, über Millionen von Jahren wurden sie nahezu unverändert vererbt. Für Evolutionsbiologen ist das ein Indiz für ihre hohe Wirksamkeit. Der Mechanismus ist einfach. Die kleinen Moleküle lagern sich an die Oberfläche der Bakterien an und durchlöchern sie. Die Krankheitserreger sterben dadurch.

"Dass es diese Defensine gibt, ist schon lange bekannt", sagt Wehkamp. Wie wichtig sie für den Menschen sein könnten, wird erst allmählich klar. Dass die Defensinproduktion in der Darmhaut in sogenannten Panethzellen geschieht, war bereits bekannt. In denselben Zellen werden, kodiert über die Gene NOD2, auch Erkennungsproteine für Bakterien produziert. Wehkamp konnte zeigen, dass Patienten mit einer Mutation in den NOD2-Genen nicht genügend Defensine produzieren können. Die Bakterienflora im Darm dieser Patienten läuft aus dem Ruder, die Darmhaut wird befallen, und die Patienten spüren die typischen Morbus-Crohn-Symptome.

Den Gendefekt bei NOD2 hat allerdings nur ein Fünftel der Morbus-Crohn-Patienten. Für die meisten Kranken muss es also eine andere Ursache geben. "Wir glauben, dass die Differenzierung der Epithelstammzellen zu Panethzellen gestört ist", sagt Wehkamp.

Bis Wehkamp eine neue Therapieform entwickeln kann, werden, so schätzt er, noch fünf bis zehn Jahre vergehen. "Man könnte Defensine direkt verabreichen", sagt er. Bisher werden häufig Antibiotika eingesetzt, die allerdings sehr fein reguliert werden müssen, damit nicht die gesamte Darmflora des Patienten getötet wird. Defensine könnten hier einen sanfteren Eingriff möglich machen. Wehkamp ist optimistisch: "Wir konnten zeigen, dass schon kleine Unterschiede in der körpereigenen Defensinproduktion gut auf die Darmflora wirken."

Ein ähnlicher Mechanismus könnte auch für andere Krankheiten, die bisher als überzogene Autoimmunreaktion gelten, verantwortlich sein. Auch für die Bekämpfung von HIV könnten Defensine wichtig werden, ihre Wirksamkeit gegen die HI-Viren wurde bereits nachgewiesen.