Die Geburt der kleinen Lali in dem nordindischen Dörfchen Saini Sunpura, rund 50 Kilometer östlich von Delhi, wäre in jedem Fall von den Nachrichtenagenturen weltweit gemeldet worden. Es hätte dazu nicht der Beförderung zur Göttin bedurft. Ein missgebildeter Säugling mit zwei Nasen, zwei Mündern und vier Augen ist allemal eine mediale Sensation.

Ob Lali auch zwei Gehirne hat, ist noch unklar, lehnen die Eltern doch bislang eine Aufschluss ermöglichende Computertomografie ab. Die teratologische Wissenschaftsliteratur - welche die Ursachen derartiger Fehlbildungen untersucht - beschreibt seit 1682 nur 85 Fälle von "Diprosopus", welche mit dem von Lali vergleichbar sind.

In Saini Sunpura versteht man die Geburt des doppelgesichtigen Mädchens im vergangenen Monat als Segen. Glaubt mancher doch, in der jungen Erdenbürgerin eine göttliche Inkarnation erkannt zu haben. Tag für Tag kommen seither bis zu 100 Menschen in das Dorf, um die Füße des Kindes zu küssen, ihm Geldgeschenke zu machen und sich durch seinen Segen vor Unheil beschützt zu fühlen. Viele der Pilger legen dafür weite Strecken zurück, wie der 65-jährige Bauer Lakhi Chand. Nach seinem Kniefall gab er sich überzeugt, soeben der "Wiedergeburt der Göttin Durga" begegnet zu sein.

Beliebte Göttin mit acht Armen

Man muss tief eintauchen in die hinduistische Mythologie mit ihren Hunderten von Göttergestalten, um die Faszination zu verstehen, welche von einem missgebildeten Menschen wie jenem Mädchen in Saini Sunpura auf die Gläubigen ausgeht. Da gibt es den vierköpfigen Brahma, der neben Shiva und Vishnu einen der drei Hauptgötter des Hinduismus darstellt. Und jedem dieser drei männlichen Gottheiten steht das weibliche Attribut in Form einer Gefährtin zur Seite, deren unzählige Eigenschaften wie etwa Mut, Wohlstand, Furchtlosigkeit oder Güte sich wiederum in eigenständigen Göttergestalten manifestieren. Jene die Schönheit und Harmonie personifizierende Göttin Lakshmi beispielsweise hat vier Arme, wie auch Sarasvati, die Göttin, der man Kompetenzen für Weisheit und Kunst zuerkennt. Die achtarmige Göttin Durga (vielfach auch als die zornige Kali bekannt) ist trotz ihres gelegentlich grausamen Verhaltens bei den Hindus außerordentlich beliebt, und das hat einen Grund.

Der Legende nach stand einst der Büffeldämon Mahisasura in der Gunst Brahmas, der ihn mittels eines Zaubers unbesiegbar machte. Der Dämon aber nutzte dieses Privileg, um eine Schreckensherrschaft über den gesamten Globus zu errichten. Schließlich wurden die Götter von Shiva aufgefordert, ihre Kräfte - auch Shaktis genannt - zu bündeln, um seine dämonische Macht zu brechen.

Vorstellung der permanenten Wiedergeburt

Die gebündelten Shaktis erhoben sich über den weiblichen Göttergestalten zu einem gleißenden Licht, welches als die Geburt der Durga gilt. Furchtlos bewaffnete sich die aus dem Licht geborene Göttin mit Blitz, Speer, Dreizack und anderen Waffen, näherte sich dem Dämon auf dem Rücken eines Löwen und konnte ihn schließlich in einem außerordentlich grausamen Kampf besiegen. Alljährlich in der Nacht des ersten Herbstvollmondes wird zum Höhepunkt des neuntägigen Dashain-Festes jenem Befreiungsschlag in einem speziellen Ritual (Durga Puja) gedacht.

Nun beruht der Hinduismus bekanntlich auf der Vorstellung einer permanenten Wiedergeburt - der Reinkarnation -, einem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Dies gilt auch für das Auftreten der Götter, deren inkarnierte Manifestationen Avatars genannt werden. So glauben eben Hindus wie der Bauer Lakhi Chand, dass die kleine Lali eine solche Avatar der Göttin Durga ist. Die hinduistischen Glaubenssätze gehen hingegen nicht davon aus, dass Göttergestalten gleichzeitig in verschiedenen Avatars inkarnieren.

32 Schönheitsmerkmale gefragt

Das könnte für die vermeintliche Durga von Saini Sunpura und ihre Anhängerschar zu einem Rechtfertigungsproblem werden. Denn in der Hauptstadt des benachbarten Nepal wird schon seit Jahrhunderten jeweils eine Jungfrau als lebende Mädchengöttin Kumari verehrt, welche gleichzeitig als Reinkarnation der Durga gilt. Im Alter zwischen drei und vier Jahren wird alle paar Jahre ein Mädchen aus der Shakya-Kaste (einstmals die Kaste der Goldschmiede) erwählt, um bis zum Eintritt der Pubertät in einem Palast am Durbar-Platz von Kathmandu die Gläubigen zu empfangen und zu segnen. Missgebildete Mädchen aber hätten von vornherein keine Chance, jemals den Thron der Kumari zu besteigen. Im Gegenteil: Die kleinen Aspirantinnen müssen nicht weniger als 32 Schönheitsmerkmale aufweisen.

Die Frau des Mul Purohit, des hinduistischen Oberpriesters von Nepal, nimmt die penible Untersuchung des nackten Mädchens vor. Dabei weiß die Priestergattin sehr genau, welche äußerlichen Attribute von einer künftigen Kumari erwartet werden: neben der körperlichen Unversehrtheit beispielsweise "wohlgestaltete, zarte und geschmeidige Füße, die Schenkel eines Rehs, der Hals einer Muschel, tief im Becken sitzende Geschlechtsorgane, die Wimpern einer Kuh, die Wangen eines Löwen oder die tiefe Stimme eines Spatzes". Der auserwählten und schließlich inthronisierten Mädchengöttin obliegt es dann, am Ende des alljährlichen Indra-Jatra-Festes durch ihren Segen den König von Nepal - der wiederum als Reinkarnation des Gottes Vishnu gilt - in seinem Amt zu bestätigen.

Auf goldenem Wagen durch Kathmandu gezogen

Eine Aufgabe, welche sich schon bald als obsolet erweisen dürfte, wenn nämlich das am vergangenen Donnerstag gewählte nepalesische Parlament erwartungsgemäß die Monarchie abschaffen wird. Dennoch hat in Kathmandu derzeit niemand einen Zweifel daran, dass die inzwischen elfjährige Preeti Shakya auch im kommenden Herbst während des Indra Jatra-Festes als Reinkarnation der Göttin Durga auf einem goldenen Wagen durch Kathmandu gezogen wird. Und die Flüge zwischen den indischen Flughäfen und dem der nepalesischen Hauptstadt werden auch dann wieder ausgebucht sein.

Vor vier Jahren war im nordindischen Bundesstaat Bihar ein Mädchen mit vier Armen und vier Beinen geboren worden - eine seltene Erscheinung, welche die Medizin als "Ischiopagus" (Doppelmissgeburt mit seitlicher Verschmelzung der Becken) kennt. Den Bildnissen der Göttin Lakshmi äußerlich nicht unähnlich, wurde sie von den Eltern auch so genannt. Auch damals setzte eine Götterverehrung ein, worauf die erschrockenen Eltern zunächst die kleine Lakshmi versteckten. Schließlich nahmen sie das Angebot einer chirurgischen Klinik im indischen Bangalore an und ließen die überzähligen Gliedmaßen operativ entfernen. Von solcher Einsicht scheinen Vinod Singh und seine Frau Sushma, Vater und Mutter der kleinen Lali, weit entfernt.

"Lali hat das Dorf berühmt gemacht"

Es mag den bitterarmen Eltern gefallen, dass jene, die zu ihrer Tochter pilgern, in der Summe nicht unbeträchtliche Geldgeschenke mitbringen. Die Repräsentanten von Saini Sunpura haben inzwischen erkannt, wie auch die Dorfgemeinschaft künftig an der Götterverehrung partizipieren kann. "Lali hat unser Dorf berühmt gemacht", freut sich Bürgermeister Daulat Ram gegenüber den angereisten Journalisten und erläutert seinen Plan, für die zur Göttin Durga inkarnierte Lali einen Tempel bauen zu lassen. Dafür erwartet er die finanzielle Unterstützung durch die Zentralregierung in Neu-Delhi.

Bei nicht wenigen indischen Reportern stößt es hingegen auf Unverständnis, dass der Vater des missgebildeten Mädchens den Göttinnenkult um seine Tochter überhaupt akzeptiert. Weist doch sein Familienname darauf hin, dass er - wie auch der indische Ministerpräsident Manmohan Singh - gar kein Hindu ist, sondern vielmehr der Religionsgemeinschaft der Sikhs angehört. Deren 1469 von Guru Nanak gegründete Religion aber beruht auf einer aufgeklärten Geisteshaltung und lebenslanger spiritueller Entwicklung - inkarnierte Gottheiten hingegen sind den Sikhs fremd.