Der 12-Jährige hatte Mitarbeitern des Jugendamtes erzählt, er müsse seit vergangenem Sommer seine drei Geschwister (ein achtjähriger Junge sowie zwei neun- und elfjährige Mädchen) versorgen, da die Mutter bei ihrem Freund leben würde. Weiterhin erklärte er, es wäre es ihm peinlich, wie die Wohnung im Berliner Bezirk Pankow aussieht. Er fühle sich mit der Situation völlig überfordert. „Die allein erziehende Mutter hat sich nicht um die Wohnung gekümmert“, sagte die Jugendamtsdirektorin von Pankow, Judith Pfennig.

Die vom Jugendamt alarmierten Polizeibeamten suchten die Wohnung auf und fanden sie in einem katastrophalen hygienischen Zustand vor. Die 46-jährige Mutter wurde dabei nicht angetroffen. In der Vierzimmerwohnung befanden sich laut Polizeibericht in allen Räumen durchgängig Spinnweben an den Möbeln und an den Decken. Zum Teil habe man sich bücken müssen, um nicht mit dem Kopf dagegen zu stoßen. "Im Kühlschrank befanden sich eine undefinierbare, verfaulte Masse und sowohl lebende als auch tote Fliegen", heißt es weiter.

Die Küche war offensichtlich seit Monaten nicht mehr benutzt worden, das schmutzige Geschirr überzogen ebenfalls Spinnweben. Kindgerechte Nahrung sei nicht vorhanden gewesen. Auch die Toilette wurde total verdreckt und mit Kot beschmiert vorgefunden. Der gesamte Fußboden war von Müll, Unrat, verschmutzter Wäsche und Lebensmittelresten bedeckt. Ein Zimmer konnten die Beamten kaum öffnen, da sich hinter der Tür nur Müll und Unrat befand.

Wovon sich die Geschwister ernährt haben, war zunächst nicht ganz klar, sagte Ermittler Michael Havemann. Während die Küche unbenutzbar war, fanden die Beamten am Donnerstag im Flur der Wohnung Margarine und Toastbrot. „Davon haben sie sich wohl ernährt“, sagte Havemann. Die Mutter sei wohl ab und zu erschienen und habe den Kindern fünf Euro hinterlassen. Noch sei es der Polizei aber nicht gelungen, Kontakt mit Frau aufzunehmen.

Er habe die Frau nur selten gesehen, berichtete Nachbar Bert Eberhardt. Meistens seien die Kinder alleine gewesen. „Immer wieder gab es Radau“, sagte der 29-Jährige. Mehrmals habe er an die Wohnungstür der Familie geklopft, doch nie habe jemand geöffnet, obwohl er Kinderstimmen gehört habe. Mit Fingerfarben haben Kinderhände ihre lustigen roten und grünen Abdrucke an der Wohnungstür hinterlassen. Eine schwarz-weiße Postkarte mit einer Kerze klebt unter dem Spion. „Alles wird gut“ heißt es vielsagend auf einem Aufkleber. Ein Dinosaurier-Bild verziert das Fenster zum Innenhof.

Die Kinder gingen regelmäßig zur Schule

Die Familie war dem Jugendamt bereits seit 1998 bekannt, wie Stadträtin Pfennig sagte. Wann das letzte Mal ein Mitarbeiter die Wohnung gesehen hat, konnte sie zunächst jedoch nicht sagen. Weder den Jugendamtsmitarbeitern noch den Lehrern sei aber die Verwahrlosung aufgefallen. „Die Kinder gingen regelmäßig zur Schule, waren nicht unterernährt und auch bei kaltem Wetter ausreichend gekleidet“, sagte Pfennig. Zu einem Termin mit Jugendamtsmitarbeitern in der Schule der Kinder war die Mutter nach Polizeiangaben nicht erschienen. Dort habe sich dann aber der 12-Jährige das Herz ausgeschüttet. Pfennig äußerte Zweifel, ob die Kinder wirklich seit Sommer 2006 völlig ohne Aufsicht waren. Das Amt kenne die Familie seit längerem und habe auch sporadisch Kontakt zur Mutter gehabt.

Die Kinder wurden nach Angaben des Jugendamtes bereits in Obhut genommen. Sie waren nach Havemanns Worten zwar schmutzig, aber nicht krank. Auch Amtsleiterin Pfennig zeigte sich erstaunt, was die Kinder allein zu Wege brachten. „Sie waren hochkompetent“, sagte sie. „Sie machten keinen verwahrlosten Eindruck, haben als System richtig sozial gehandelt.“ Ermittler Havemann betonte, dass man bei der Aufklärung des Falls noch ganz am Anfang stehe. Gegen die Mutter wird wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ermittelt. Darauf stehen bis zu drei Jahre Haft.

Experte: Kinder halten zu ihren Eltern

Vernachlässigte oder misshandelte Kinder halten trotz der schlechten Erfahrungen immer zu ihren Eltern. „Alle Kinder sind bis mindestens zur Pubertät sehr loyal zu ihren Müttern und Vätern“, sagte der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Vivantes-Klinik Berlin, Oliver Bilke. „Dabei ist egal, was die Eltern tun oder wie eng der Kontakt zu ihnen ist.“ Die Kinder würden negative Erfahrungen ausblenden oder schnell wieder vergessen. „Außerdem verstehen Kinder häufig gar nicht, dass sie vernachlässigt werden. Dafür fehlen ihnen die Vergleichsmöglichkeiten.“

„Für Kinder ist es wichtiger, das innere Bild 'Ich habe gute Eltern' aufrechtzuerhalten, als sich mit der Realität zu konfrontieren“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater. Dabei spiele auch Angst eine große Rolle. „Wenn andere von den Zuständen zu Hause erfahren, drohen den Kindern vielleicht Strafen von den Eltern – oder durch das Eingreifen des Jugendamtes gar der endgültige Verlust zu den einzigen Bezugspersonen.“

Um das zu vermeiden, versuchen vor allem die älteren Kinder häufig, die Familie zusammenzuhalten und sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern. „Das ist wie bei Straßenkindern in den Slums, wo sich mehrere Kinder um einen Älteren herumorganisieren“, sagte Bilke. „Das ist Intuition, Verantwortung für andere zu übernehmen.“ So können auch kleinere Kinder das Überleben ihrer Geschwister sichern. „Gerade, wenn sie das früher schon einmal durch ihre Eltern kennen gelernt haben, wissen Kinder, dass sie sich morgens anziehen und zur Schule gehen müssen.“

An diese Verantwortung könnten sich ältere Geschwister mit der Zeit sogar gewöhnen, sagte Bilke. „Sie fühlen sich häufig stark und wichtig und sind oft gar nicht so froh, wenn sie ihre Machtposition wieder abgeben müssen.“ Immerhin hätten sie durch diese so genannte Pseudo-Autonomie keine Kontrollinstanz wie Eltern mehr über sich.

In Berlin gab es in den vergangenen Wochen mehrere schlimme Fälle von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. 2006 hatte die Polizei eine Zunahme der Fälle um 19 Prozent registriert, was nach Behördenangaben auch auf ein verändertes Anzeigenverhalten zurückzuführen ist. In Deutschland sind nach Expertenschätzung bis zu 80.000 Kinder von Verwahrlosung und extremer Vernachlässigung durch ihre Eltern bedroht.

dpa/AP/sei