Die Nacht zum 8. März dürfte für Helmut Luttmann eine recht kurze werden. Um 5.23 Uhr morgens stehen dem Manager des europäischen Raum- und Luftfahrtkonzerns EADS einige der spannendsten Stunden seines Berufslebens bevor. Dann hebt auf Europas Raumflughafen Kourou in Französisch-Guayana, Ortszeit 1.23 Uhr, der Weltraumtransporter ATV ab.

Der Start sei eine der schwierigsten Phasen, sagt Luttmann. Er leitet die Mission bei der EADS-Raumfahrttochter Astrium. Zehn Jahre hat das Unternehmen an der Entwicklung des ATV, die Abkürzung steht für Automated Transfer Vehicle (Automatisches Transferfahrzeug), getüftelt. Herausgekommen ist ein technisches Meisterstück. Als weltweit erster Transporter wird sich das Weltraumgefährt auf seiner Reise durchs All komplett selbst steuern. Auch das heikle Andockmanöver an der Internationalen Raumstation ISS geschieht vollautomatisch.


Am 8. März muss sich die Technik nun beweisen, wenn das erste ATV, benannt nach dem Schriftsteller Jules Verne, abhebt. „So etwas kann man nicht üben, der erste Flug muss klappen“, sagt Luttmann.

Doch nicht nur beim Hersteller EADS ist die Nervosität groß. Der Erfolg von „Jules Verne“ entscheidet auch über die Zukunft der europäischen Ambitionen im Kosmos. „Es ist ein sehr wichtiger Schritt für uns“, sagt Alan Thirkettle, ISS-Programmleiter bei der europäischen Weltraumbehörde Esa. Gerade erst hat sich Europa mit dem Labor „Columbus“ erfolgreich in der ISS eingenistet. Glückt nun auch noch der Jungfernflug des unbemannten ATV, wird die Esa endgültig zu einem wichtigen Spieler im Weltall. Eines Tages könnten dann sogar Amerikaner und Russen auf den europäischen Weltraumlaster zurückgreifen. Das wäre die völlige Umkehr der heutigen Abhängigkeiten.

Noch steht „Jules Verne“ indes auf dem Flughafen im südamerikanischen Kourou. Beladen wurde der zehn Meter lange und 4,5 Meter breite Transporter bereits. 280 Liter Trinkwasser, 500 Kilogramm Nahrung, Kleidung, Ersatzteile und Treibstoff soll er zur ISS bringen. Insgesamt kann das ATV bis zu 9,5 Tonnen Fracht befördern.

Bisher mussten sich die Europäer stets bei Amerikanern und Russen Ladekapazitäten kaufen. Die von den staatlichen Konkurrenten verordneten Preise seien ziemlich deftig gewesen, heißt es bei der Esa. Billig wird der Transport allerdings auch mit dem ATV nicht: Mehr als eine Milliarde Euro haben sich die europäischen Staaten die Entwicklung des Weltalllastwagens kosten lassen. Ein Viertel davon stammt aus deutschen Kassen. Deshalb wurde ein Großteil des ATV auch im Bremer Astrium-Werk montiert.

15.000 Euro für einen Liter Wasser

Und auch die Flüge selbst – fünf sind bisher geplant – werden reichlich Geld verschlingen. Rund 150 Millionen Euro soll eine Mission jeweils kosten. Ein Liter Wasser, den die Astronauten in der ISS trinken, schlägt deshalb heruntergerechnet mit rund 15.000 Euro zu Buche.

Seit die Europäer mit „Columbus“ ein eigenes Modul an der ISS haben, müssten sie allerdings sowieso für die Versorgung der Raumstation zahlen. „Statt das Geld für den Transport an die Amerikaner zu geben, machen wir das lieber selber“, sagt Thirkettle. „Wir zahlen unseren Beitrag mit dem ATV.“ Nach dem Prototyp „Jules Verne“ sollen bis 2015 noch vier weitere Transporter zur ISS starten.

Beim Jungfernflug wird sich die Esa viel Zeit lassen. „Jules Verne“ wird mit einer Ariane-5-Rakete in die Luft geschossen. Anschließend fliegt der Transporter rund drei Wochen durchs All und absolviert Tests. Bei den Nachfolgern wird sich die Flugzeit auf zwei Tage verkürzen. Eine der größten Herausforderungen ist das Andockmanöver an die ISS. Das ATV, das ziemlich genau die Ausmaße eines Londoner Doppeldeckerbusses hat, muss auf ein bis zwei Zentimeter genau die Raumstation treffen.

Bei dem Manöver können die ISS-Astronauten nur zuschauen. Das ATV steuert sich mit Hilfe des Navigationssystems GPS und Lasersensoren. Vier Haupttriebwerke und 28 kleine Steuerdüsen sorgen für Schub und Richtungskorrekturen. Energie tankt „Jules Verne“ über vier große Sonnensegel. „Es ist etwas Einzigartiges, das wir hier entwickelt haben“, sagt John Ellwood, Missionsleiter bei der Esa.

Ein europäisches Shuttle hätte viele Milliarden verschlungen

Ganz freiwillig war die Entscheidung für die unbemannte Hightech-Welt nicht. Denn zunächst hatte sich die Esa in den 80er-Jahren an einem Raumgleiter versucht. Der sollte bis zu sechs Astronauten mit an Bord nehmen. Benannt wurde das Gefährt nach dem griechischen Götterboten Hermes. Doch die Kosten liefen aus dem Ruder, der europäische Shuttle hätte wohl viele Milliarden verschlungen. Nach der deutschen Wiedervereinigung beendete die Bundesregierung unter Helmut Kohl die hochfliegenden Pläne schnell.

Im Nachhinein erweist sich die Entscheidung als Glücksfall. Denn bei unbemannten Weltrumtransportern könnte es schon bald zu einem Engpass kommen. Deshalb hofft der Hersteller EADS, dass das ATV nicht nur bei den Europäern Anklang findet. Die Chancen für einen Verkauf an andere Raumfahrtnationen stehen nicht schlecht.

Die Amerikaner transportieren ihr Material bisher mit Spaceshuttles zur ISS. Die bemannten Raumfähren können zwar mehr transportieren, ein Flug kostet allerdings mehr als eine Milliarde Euro. Zudem will die Nasa die drei Spaceshuttles „Atlantis“, „Endeavour“ und „Discovery“ nur noch bis 2010 einsetzen. An dem Nachfolger „Orion“ wird zwar gearbeitet, doch Experten rechnen frühestens 2015 mit dem ersten Flug. In der Zwischenzeit könnte die Nasa auf den europäischen Transporter zurückgreifen. Angeblich hat sie sich bereits erkundigt, ob sie zwei kaufen könne. „Wir haben natürlich die Hoffnung, dass die Amerikaner das ATV nutzen“, sagt Luttmann.

Alternativen gibt es kaum. Einzig die Russen haben einen Weltraumtransporter im Angebot, mit dem auch die Esa bisher Material zur ISS schickte. Das Modell mit dem Namen „Progress“ hat allerdings einen Nachteil: Es kann nicht einmal drei Tonnen Ladung aufnehmen – ein Drittel der ATV-Kapazität. Trotzdem ist ein Flug kaum billiger.

„Progress“ sei Technik aus den 60er-Jahren, sagt EADS-Manager Luttmann. Die US-Spaceshuttles sind nur wenig jünger. Für den Transport von Astronauten wird man sie zwar weiter brauchen, genau wie die russischen „Sojus“-Kapseln. Für Material und Treibstoff könne sich aber das ATV durchsetzen, hofft Luttmann. „Letztlich wird es eine Frage des Preises sein.“ Und da sieht er die europäische Erfindung vorne.

Da das Gerät unbemannt ist, kann es noch eine zweite Aufgabe übernehmen: Es entsorgt den Müll der ISS. „Jules Verne“ wird deshalb ein eher unrühmliches Ende finden. Vier Monate soll der Transporter an der Raumstation angedockt bleiben. Die Astronauten werden das Vehikel in der Zeit mit mehr als sechs Tonnen Abfall vollstopfen, dann Ende August abkoppeln und ins All schicken. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wird das ATV als fliegender Müllwagen über dem Südpazifik verglühen.