Vorbei an der Flora des Mittelmeeres und dem plätschernden Bach in Südafrika fängt das Herz des Botanikers langsam an, höher zu schlagen: Er steuert im Subtropenhaus in Planten un Blomen direkt auf Australien zu, wo er umgeben von der exotischen Pflanzenwelt einen lange verloren geglaubten Schatz entdeckt. Zwei dünne Stämme ragen aus der Erde, wellenartige Äste tragen stark abgeflachte, blattähnliche Nadeln: Es handelt sich um eine Wollemia Nobilis. Dem Laien dämmert die Bedeutung dieses kiefernartigen Baumes erst durch die verdächtige Kordelumzäunung und er wird sich fragen: was ist an diesem Gewächs so besonders?
Entdeckt wurde die Wollemie erst 1994 von David Noble in einer engen Schlucht in den australischen Blue Mountains. „Man dachte, diese Pflanzengattung wäre längst ausgestorben“, sagt Stefan Rust, Gartenkustos des Botanischen Gartens. Der Fund war somit eine botanische Sensation: Das älteste bekannte Fossil war 90 Millionen Jahre alt – diese Gattung hat offenbar auch die Dinosaurier überlebt. Aus dem Wurzelbereich der Pflanze können mehrere Stämme nachwachsen, man schätzt, dass einzelne davon mehrere tausend Jahre alt werden können. Besonders erstaunlich findet Rust, dass der Fundort nur 250 Kilometer von Sydney entfernt liegt: „Vergleichbar wäre, wenn ein Hamburger in einer Schlucht im Harz eine Pflanze entdeckt, die längst als ausgestorben galt.“
Standorte werden geheim gehalten
In freier Natur wurden nur etwa 100 Exemplare gefunden, die an insgesamt drei geheim gehaltenen Standorten stehen. „Interessant ist, dass alle hundert Pflanzen genetisch identisch sind“, so Rust. Aufgrund dieser Gleichheit weisen sie keine Unterschiede in der Widerstandsfähigkeit auf: Das macht die Wollemie besonders anfällig und eine Pilzinfektion könnte den ganzen Bestand bedrohen. Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass diese Art ausstirbt, leiteten die australischen Behörden ein umfangreiches Artenschutzprogramm in die Wege: Nachzuchten sollten an möglichst viele Standorte in aller Welt gebracht werden. Als Spende gelangte die Wollemie dann auch nach Hamburg.
Die ersten Wollemies waren noch in Drahtkäfigen, im Subtropenhaus hält eine Videokamera die Pflanze im Blick. Die Verlockung ist bei langfingrigen Sammlern allerdings nicht mehr ganz so groß: Der anfänglich hoch gehandelte Baum ist inzwischen bei größeren Pflanzenhändlern schon für unter 100 Euro zu erwerben.
Die letzte vergleichbare Sensation sei laut Rust der Urwelt-Mammutbaum gewesen, den man Anfang der 40er Jahre in einem winzigen Ort in China entdeckte. Heute stehe in jeder Straße Hamburgs einer dieser winterfesten Bäume.
Ob sich die gleiche Entwicklung auch für die Wollemie zeigen wird, ist jedoch noch fraglich. Nach derzeitigen Kenntnissen ist sie nur bis minus zwölf Grad winterfest, „es fehlt aber noch die Erfahrung mit dieser Pflanze“, so Rust. Zurzeit wird daher im Botanischen Garten in Klein Flottbek an geschützter Stelle ein Freilandversuch unternommen.
Interessierte können die Wollemie im Tropengewächshaus in Planten un Blomen derzeit wochentags von 9 bis 15.45 Uhr und am Wochenende sowie feiertags von 10 bis 15.45 Uhr bewundern (letzter Einlass: 15.15 Uhr). Ab März bis Oktober verlängert sich die Öffnungszeit wochentags um eine, am Wochenende und feiertags um zwei Stunden.


