Ab etwa 2020 will Deutschland seine Stromversorgung zu knapp einem Drittel aus erneuerbaren Energien bestreiten. Dieses ehrgeizige Vorhaben ist nur mit einem massiven Ausbau der Windenergiegewinnung zu stemmen, die besonders auf hoher See stattfinden soll. Rund 20.000 Megawatt Leistung - das entspricht 20 Kernkraftwerken - sollen von Nord- und Ostsee in die Industriezentren transportiert werden. Dazu müssen auch die Stromnetze angepasst werden. Eine mögliche Alternative hat jetzt der US-Konzern 3M aus St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota entwickelt: Ein neues Freileitungsseil - deutlich temperaturstabiler als herkömmliche Aluminium-Stahl-Leitungen.
Im Gegensatz zu den gewohnten Haushaltskabeln sind Freileitungen nicht isoliert. Aus Sicherheitsgründen müssen sie so hoch verlegt werden, dass sie unter keinen Umständen bis an den Boden heranreichen - sonst wären Menschen und Tiere gefährdet. Wie der Physikunterricht in der Schule schon vermittelt, wird ein stromdurchflossener Leiter warm und dehnt sich aus. Um die Sicherheitsabstände einzuhalten, darf der Strom nur so stark sein, dass 80 Grad nicht überschritten werden.
Anders bei der Lösung der 3M-Forscher: Die im Kern der Seile verwendete Keramik aus Aluminiumoxid kann bis zu dreimal mehr Strom transportieren. Trotzdem hängen die Leitungen wegen ihres niedrigeren Gewichts und der geringeren Wärmeausdehnung so wenig durch, dass sie kurzzeitig sogar bis 240 Grad Celsius belastbar sind. Fachleute bezeichnen dieses Produkt deshalb auch als "Höchstleistungsleiterseil". Weiterer Vorteil: Es kann auf bestehende Masten montiert werden. Dies ist deutlich schneller und kostengünstiger als ein Neubau von Trassen. Zudem erfordert es grundsätzlich keine neue Genehmigung.
In den USA haben mehr als zehn Energieversorgungsunternehmen bereits diese Leitungen installiert, um die Leistungsfähigkeit von besonders beanspruchten Strecken zu verbessern. Auch zur Elektrizitätsversorgung der chinesischen Millionenstadt Shanghai wurde ein erstes Trassenstück mit der neuen Technik ausgerüstet.


