Sie gilt als „Ötzi“ des Nordens und ist eine der ältesten jemals gefundenen Moorleichen. Auch die Geschichte der Entdeckung von „Moora“ ist spektakulär: Als ein Torfstecher im September 2000 auf ihr mumifiziertes Skelett im Uchter Moor stieß, vermutete die Polizei Nienburg zunächst die Leiche einer seit Jahrzehnten Vermissten. Erst 2005 kam heraus, dass das 16 bis 19 Jahre alte Mädchen bereits vor etwa 2650 Jahren sein Leben verlor.

Nun ist ein dreijähriges Forschungsprojekt gestartet, das das Leben der jungen Frau aus der frühen Eisenzeit rekonstruieren soll. „Die Dame muss noch einige Untersuchungen über sich ergehen lassen“, sagt Andreas Bauerochse, Projektkoordinator im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, vor der klimatisierten Aluminiumkiste, in der „Mooras“ sterbliche Überreste verwahrt werden. Das Skelett war von der Maschine der Torfstecher zerteilt worden, danach kamen weitere Transport- und Lagerungs-Schäden hinzu, weil niemand ahnte, welch archäologischer Schatz vorliegt, berichtet Bauerochse.

Er reiste mit „Moora“ eine Woche lang ins Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, wo sie etliche Abteilungen von der Kieferchirurgie über die Radiologie bis zur Unfallchirurgie durchlief. Die Ärzte untersuchten ihre älteste Patientin freiwillig in Nachtschichten. Osteoporose-Forscher Arndt Schilling fand durch Knochendichte-Messungen heraus, dass „Moora“ Linkshänderin war und schwere Lasten, etwa Wasserkrüge, auf dem Kopf transportiert haben muss. Zudem stellte er elf Wachstumsverzögerungen fest – vermutlich hungerte „Moora“ regelmäßig im Winter. „Sie hatte leichte O-Beine, ein Zeichen von Vitamin-D-Unterversorgung“, erklärt der Arzt und Molekularbiologe.

Woran der Teenager starb, ist bislang ein Rätsel. Die Gerichtsmediziner fanden keinen Hinweis auf einen gewaltsamen Tod.

„Von Ertrinken über Erfrieren bis zum Tod an gebrochenen Herzen ist alles möglich“, erläutert Bauerochse. Eine Isotopen-Analyse der Haare soll Auskunft über Umwelteinflüsse geben. „Mooras“ Haut sei bisher noch nicht begutachtet worden, berichtet der Projektleiter. Die eingetrocknete Haut müsse geglättet werden, um nach Verletzungen oder Tätowierungen zu suchen. Bevor die Moorleiche endgültig konserviert wird und ins Museum wandert, soll „Moora“ ein Gesicht bekommen. Dies geschieht – ausgehend von der Schädelform – per 3-D-Modelling am Computer.

dpa/vr