Im Umkreis von fünf Kilometern um die 16 deutschen Kernkraft-Standorte (22 Kraftwerke) wurde für den Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2003 ermittelt, dass 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt sind. Im statistischen Durchschnitt wären 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Nach der Studie unter der Leitung von Professor Maria Blettner treten somit zusätzlich 1,2 Krebs- beziehungsweise 0,8 Leukämiefälle pro Jahr in der näheren Umgebung aller 16 Standorte auf.
„Bei den beiden Vorläuferstudien, den so genannten Michaelis- oder auch ökologischen Studien wurden die Erkrankungshäufigkeiten in verschiedenen Abständen, bis 5-, bis 10- und bis 15 Kilometer von einem Kernkraftwerksstandort mit der Häufigkeit von Erkrankungen in ausgewählten Vergleichsregionen verglichen“, sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) in Berlin. In der aktuellen Studie wurde hingegen ein Fall-Kontroll-Ansatz gewählt, bei dem individuelle Wohnorte berücksichtigt wurden, und zwar sowohl die der erkrankten Kinder als auch für gesunde Kinder, die nach dem Zufallsprinzip über die Einwohnermeldeämter ermittelte wurden. Hinsichtlich Alter und Geschlecht und Standortregion ähnelten die Kontrollkinder jeweils einem kranken Kind. „Entfernungsabhängigkeit konnte erstmals bestätigt werden“, sagt König.
Im Juli dieses Jahres hatte eine amerikanische Studie ähnliche Ergebnisse geliefert: Mediziner der Uni South Carolina werteten in einer Metaanalyse insgesamt 17 Studien aus, die zwischen 1984 und 1999 im Umkreis von 136 Kernkraftanlagen in Nordamerika, Japan, Frankreich, Spanien und Deutschland durchgeführt worden waren. Im „European Journal of Cancer Care“ schrieben sie, dass je nach Altersgruppe das Krebsrisiko um bis zu 21 Prozent erhöht sei. Der genaue Grund für die erhöhter Leukämie-Gefährdung sei bislang aber nicht bekannt, betonten die Wissenschaftler.
Ähnlich wie die amerikanischen Forscher äußern sich nun auch die deutschen. „Sie stellen nur fest, dass es einen statistischen Zusammenhang gibt“, sagt König. Das BfS schließe ionisierende Strahlung als Ursache nicht generell aus.
Strahlenbiologe Thomas Jung vom BfS erklärt: „Wir wissen noch viel zu wenig über die Entstehung von Leukämien bei Kleinkindern zwischen null und fünf Jahren.“ Der derzeitige Stand der medizinischen Forschung beruhe zum einem großen Teil auf Studien, die fünf Jahre nach dem Zünden der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki gestartet seien. Über Kleinkinder gäbe es nur sehr wenige Daten. Man wisse zudem wenig über die Entstehung von Leukämien durch ionisierende Strahlung.
Krebsrisiko auch im Umkreis von 50 Kilometer noch erhöht
Als mögliche Ursache für Leukämieenstehung werden elektromagnetische Felder von den Hochspannungsleitungen der Kraftwerke, diskutiert. „Das können wir aber nun ausschließen“, sagt Jung. „Denn das Krebsrisiko für Kinder ist auch im Umkreis von 50 Kilometer zu einem Kernkraftwerk noch erhöht.“ Soweit reichten die Felder nicht. Diese Aussage konnte nur getroffen werden, da der Untersuchungsbereich um die Kernkraftwerke größer war, als in früheren Studien.
„Wir konnten auch keinen Zusammenhang zwischen einzelnen Standorten und der Erhöhung des Leukämierisikos feststellen“, sagt Wolfram König. Um den Standort Krümmel gibt es eine Häufung von Krebsfällen bei Kindern. „Auch wenn man das Krümmel-Cluster oder einen anderen Standort von der Gesamtmenge ausnimmt, bleibt das statistisch ermittelte, erhöhte Risiko“, sagt König.
Seit 1987 in Journal „Nature“ eine groß angelegte Studie in England und Wales um D. Forman eine Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken feststellte, werden in Deutschland verstärkt Studien durchgeführt. Allerdings sind ihre Ergebnisse meist schwierig zu interpretieren: Durch die große Zahl der Analysen kann es, rein statistische bedingt, auffällige Befunde gibt. Im Nachhinein lässt sich nur schwer unterscheiden, welche Auffälligkeiten zufällig bedingt sind und welche einen biologischen Grund haben. Anschaulich wird dies bei einer Studie, die zeigte, dass allein die Planung eines Kraftwerkes zu häufigeren Erkrankungen führt.
Deshalb legen die Forscher großen Wert darauf, dass die aktuelle Studie ausschließlich den statistischen Zusammenhang zwischen Blutkrebshäufigkeit und der Entfernung des Wohnorts vom Standort des Atomkraftwerks belegt. Zu den Ursachen der erhöhten Krebsrate enthalte sie keine Aussagen. Es sei auch schwierig, diese zu untersuchen. „Wenn wir die Windrichtung, in der ein Kind in Bezug zum Kraftwerk und zu möglichen Emissionen aufwächst statistische genau prüfen wollten, hätten wir viel zu wenige Fälle“, sagt Jung. Es müsse verstärkt an der Entstehung von Blutkrebs geforscht werden. Denn, so das BfS, die Ergebnisse können „nicht plausibel mit den tatsächlichen Ableitungen aus den Reaktoren erklärt werden“. Es müssten andere Faktoren, die vielleicht unbekannt sind in Betracht gezogen werden. „Wir können den entfernungsabhängigen Risikoanstieg nicht erklären“.



