280.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Herzinfarkt, 170.000 sterben an den Folgen. Je länger ärztliche Hilfe auf sich warten lässt, desto mehr krankes Gewebe stirbt ab. Dass die Herzinfarktsterblichkeit in den Kliniken in den vergangenen Jahrzehnten von 29 Prozent (1978/79) auf aktuell neun Prozent gesenkt werden konnte, ist also vor allem der adäquaten medizinischen Versorgung innerhalb der Klinik zu verdanken.

Das nach wie vor größte Problem stellt jedoch die „Prähospitalzeit“ dar. Mediziner sprechen daher auch von der „Achillesferse“ im Kampf gegen den Infarkttod: Jene kritische Zeit vom Beginn des Infarkts bis zum Einsetzen ärztlicher Hilfe ist trotz diverser Aufklärungskampagnen immer noch viel zu lang. Das zeigt sehr deutlich die bundesweite Registerstudie SAMI („Sekundärprävention nach akutem Myokardinfarkt“), an der sich 79 Kliniken beteiligten und deren erste Ergebnisse jetzt in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ erschienen sind. Weitere Ergebnisse der Studie sollen im Herbst veröffentlicht werden. Die von der Universität Münster und der Ärztekammer Westfalen-Lippe initiierte Studie erfasste 5353 Patienten, die im Durchschnitt 67 Jahre alt waren.

Laut SAMI schafften es nur 16,3 Prozent der Patienten binnen einer Stunde in die Klinik, weitere 32,7 Prozent zwischen ein und drei Stunden nach Symptombeginn. Damit verstrich für über die Hälfte aller Patienten ein wichtiges Zeitfenster, denn eine sofortige Öffnung des Infarktgefäßes kann Komplikationen und Sterblichkeit deutlich senken. 17,8 Prozent der Patienten erschienen sogar erst zwölf Stunden nach dem Infarkt in der Klinik. Aber auch dort kam es bisweilen zu unangemessenen zeitlichen Verzögerungen: 53 Prozent aller Patienten mit schwerem Infarkt erhielten laut SAMI eine Katheterintervention. Doch 21 Prozent von ihnen mussten zu lange darauf warten: mindestens drei Stunden nach Klinikaufnahme. Maximal 90 Minuten gelten als tolerabel; dieses Zeitfenster wurde aber nur bei jedem zweiten Patienten eingehalten.

Dennoch: Zwei Drittel der Herzinfarktgesamtsterblichkeit entfällt laut SAMI auf die Prähospitalphase, davon 50 Prozent auf die erste Stunde. „Der Patient selbst ist der größte Verzögerer. Das liegt daran, dass die Beschwerden vielfältig sind und oft nicht richtig eingeordnet werden können“, sagt Studienleiter Professor Ulrich Tebbe, Ärztlicher Direktor des Klinikums Lippe in Detmold.

„Die Schmerzen können auch im Unterkiefer, Rücken oder Becken auftreten, nicht nur im Brustraum. Der Patient will nicht nachts den Hausarzt stören und bagatellisiert gegenüber seinen Angehörigen.“ Dabei sei jedes Zögern verschenkte Zeit. „Wenn der Notarztwagen erreicht ist, dann ist schon ein entscheidender Schritt getan, denn dort kann alles Notwendige erfolgen.“ Im Krankenhaus erhalte der Patient meist einen Katheter, in ländlichen Gegenden, wo der Weg zur Klinik weit ist, werde man dem Patienten zunächst im Notarztwagen eine Spritze zur medikamentösen Gefäßerweiterung geben. „In 60 bis 70 Prozent der Fälle lassen sich die Gefäße so wieder öffnen“, sagt der Herzspezialist.

Herkömmliche Aufklärungskampagnen seien bislang relativ erfolglos geblieben, bedauert Tebbe. Auch Arzt-Patienten-Seminare erzielten nicht die erhoffte Wirkung, da diejenigen, die dorthin kämen, ohnehin meist interessiert und gut informiert seien.

Tebbe plädiert nun für ein kardiovaskuläres Screening für 45- bis 50-Jährige, um entsprechende Risikogruppen herauszufiltern. „Wir machen das bei Tumorpatienten ja auch. Genau wie bestimmte Tumorarten familiär bedingt sind, so gibt es auch eine Veranlagung für Gefäßkrankheiten“, sagt Tebbe. „Die Sterblichkeit kann auf Dauer nur gesenkt werden, wenn wir diese Risikogruppen besser kennenlernen.“ Die notwendigen Daten für das Screening lägen seit Langem bereits vor, die Krankenkassen müssten sie nur zur Verfügung stellen.