Kann man in einer fliegenden Passagiermaschine einen Selbstmordattentäter ausfindig machen, der heimlich Milzbrand-Erreger freisetzt? Wäre es möglich, einen kranken Fluggast zu lokalisieren, der - ohne es zu wissen - Pandemie-Grippeerreger ausatmet? Lassen sich Motorenöl, Hydraulikflüssigkeit oder andere gesundheitsschädliche Substanzen in der Kabinenluft feststellen, und lässt sich ihre Herkunft genau lokalisieren? Mit anderen Worten: Kann man eine Person finden, von der eine unsichtbare Gefahr ausgeht - und die davon nichts ahnt? Diese Fragen lässt derzeit die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA (Federal Aviation Agency) in einem Forschungsprogramm untersuchen. Die Antwort lautet: Ja.

Mit dem Projekt hat die US-Luftfahrtbehörde das Air Transportation Center of Excellence for Airline Cabin Environment Research beauftragt, eine Art Forschungsverbund, in dem eine Reihe amerikanischer Universitäten unter Leitung der Auburn University in Alabama zusammenarbeiten - unter anderem auch Harvard und Berkeley. Erste Ergebnisse zeigen: Es ist tatsächlich möglich, ein System zu entwickeln, das in der Lage ist, einen Fluggast zu ermitteln, von dem eine unsichtbare Gefahr ausgeht. Das berichtete Professor Qingyan Chen von der Purdue-Universität im Fachmagazin "Indoor Air, International Journal of Indoor Environment and Health".

Chen hat dazu in seinem Laboratorium eine Passagierkabine komplett mit mehreren Sitzreihen aufgebaut. Auf einigen Sitzen ist jeweils ein Gerät untergebracht, das die gleiche Wärmemenge abstrahlt wie ein menschlicher Körper und auch ein Gas abgibt, das dem menschlichen Ausatmen entspricht. Außerdem wird die Kabinenluft - genau wie im Flugzeug - laufend umgewälzt und zum Teil mit Frischluft angereichert.

Drei Sensoren ermitteln dann, ob sie irgendwelche fremde Substanzen - die versuchsweise in die Luft eingespeist werden - in der Kabinenluft ausfindig machen und ob sie auch deren Herkunft genau lokalisieren können.

Chen arbeitet mit der Methode der "Inversen Simulation". Es geht dabei darum, genau zu analysieren, wo und wie sich Gase, Keime oder andere gefährliche Substanzen in der Kabine ausbreiten. Das wird in einem Computerprogramm festgehalten. Ist dieses Programm fehlerfrei, braucht man es praktisch nur rückwärts laufen zu lassen, um den Verursacher zu finden. Die Sache hat bislang allerdings noch einen Haken. Das ist der unglaubliche Rechenbedarf, den die geschilderte Verfahrensweise erfordert. "Die Prozedur nimmt derzeit noch mehrere Tage in Anspruch", räumt Chen ein, "das heißt also, die Methode kann momentan nur angewandt werden, nachdem die Kontaminierung längst eingetreten ist."

Andererseits ist der Wissenschaftler zuversichtlich, dass man das Problem in den Griff bekommen wird. "Wir müssen einen Weg finden, die Computerzeit abzukürzen", meint er, "und wir haben auch schon eine Strategie, wie wir das erreichen können." Ziel sei nach wie vor, sagt Chen, ein System zu schaffen, das den Piloten live, in "real time", eine Kontamination in der Fluggastkabine sofort anzeigt und auch ihren Ausgangspunkt bis auf den Sitzplatz genau angibt.

Ob und wann es zu einem einsatzbereiten System kommen wird, lässt sich zurzeit allerdings noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Fest steht dagegen bereits eines. Nutznießer eines neuen Warnsystems wäre keineswegs nur die Luftfahrt. Mit dem Sensor-System könnten künftig auch öffentliche Gebäude, Tiefgaragen und andere Räumlichkeiten leicht überwacht werden.